Szenenforscher: „Niemand bekennt sich zum Mainstream“

Szenenforscher Philipp Ikrath hat mokant.at verraten, was Szenen heute so anziehend für Jugendliche macht und wer sich in welcher Szene wiederfinden kann

Im Rahmen der Szenenreport-Reihe hat mokant.at mit Philipp Ikrath gesprochen, Geschäftsführer des Instituts für Jugendkulturforschung in Wien und der Jugendkulturforschung und Kulturvermittlung e.V. in Hamburg. Nicht nur generelle Trends und globale Vergleiche hat Philipp Ikrath analysiert, sondern auch einen Blick auf zwei Szenen geworfen, die in unseren Szenereports vorgekommen sind: Lolitas und die linke Fußballszene.

(c) Institut für Jugendkulturforschung

Philipp Ikrath
(c) Institut für
Jugendkulturforschung

mokant.at: Wie kann man Szenen genau definieren?
Philipp Ikrath: Szenen sind themenzentrierte Netzwerke. Die linke Fußballszene ist etwa um ein Thema zentriert, nämlich den Fußball. Es gibt keine hierarchischen Strukturen, sondern freiwillige Zusammenschlüsse von Menschen, die gewisse mentale und materielle Formen der Stilbildung miteinander teilen. Mental bedeutet hier, dass Szenen auch eine bestimmte Mindset verbindet, wie die linken Fußballfans im Kontrast zu den rechten Fußballfans. Materielle Formen sind beispielsweise die Art und Weise, wie man sich kleidet. Das sind keine reinen Oberflächlichkeiten, sondern gemeinsame Lebenseinstellungen.

mokant.at: Wie sieht es mit Altersgruppen in Szenen aus? Sind diese auf Jugendliche beschränkt?
Philipp Ikrath: Man lebt in einer Lebensstilgemeinschaft. Auch Erwachsene leben in gewissen Lebensstilen, das hat es immer schon gegeben. Trotzdem sollte man den Szenenbegriff auf Jugendliche beschränken, bei Erwachsenen würde man vielleicht eher von Milieus sprechen, auch wenn das Phänomen nicht ganz auf das Alter beschränkt werden kann. Das Hochalter, in dem Leute in Jugendszenen aktiv sind, ist bis ungefähr 20 Jahren. Bei Leuten unter 20 sind circa 80% der Jugendlichen in Szenen.

mokant.at: Gibt es so etwas wie beliebte Szenen in Österreich?
Philipp Ikrath: Absolut. Lolitas und ähnliche sind hier sehr klein und statistisch schon gar nicht mehr erfasst. Die Fußballszene ist sehr beliebt, genauso wie Fitness. In Österreich sind auch Alternative- und Independent-Szenen gefragt. Auch Computer und Rock sind bei den Top 4 dabei.

mokant.at: Was kann man sich unter einer Computer-Szene vorstellen? Ist dieser Begriff nicht etwas breit?
Philipp Ikrath: Die Angaben, die wir haben, beruhen auf der Selbsteinschätzung der Leute. Die Jugendlichen, die wir befragen, bekommen eine Liste vorgelegt und können selbst entscheiden, wo sie sich zugehörig fühlen. Die Computer-Szene ist natürlich keine heterogene Szene, sie ist nicht so klar definiert wie zum Beispiel die Lolitas, bei denen klar ist, was gemeint ist. Bei der Computer-Szene sind Konsolenspieler genauso drinnen wie World-Of-Warcraft-Spieler oder auch Bloggerinnen und Blogger. Auch die Fußballszene ist stark ausdifferenziert, wie die Ultras, die richtige Choreographien machen oder auch Leute, die einfach gelegentlich gern ins Stadium gehen. Je größer die Szenen sind, desto heterogener sind sie auch.

mokant.at: Wenn man einer Szene zugehörig ist, ist das für den Angehörigen eine Art Flucht vor der Realität?
Philipp Ikrath: Ich glaube nicht, diese Szenen sind ja fest im Leben verankert. Es mag in Einzelfällen schon eskapistische Momente geben, wenn Leute zum Beispiel zehn Stunden am Tag World Of Warcraft spielen. Aber wenn man in der Independent/Alternative-Szene oder generell in einer Musik-Szene drinnen ist, dann sehe ich in diesen Mitgliedschaften wenig Eskapismus. Möglicherweise eher in den zugehörigen Events, wie zum Beispiel dem Frequency-Festival, wo viele Leute auch gerne hingehen, um den Alltag abzudrehen.

mokant.at: Kann man von einer Art Gefahr sprechen, je nach Grad des Eskapismus?
Philipp Ikrath: Wenn Leute drei Tage im Jahr dort hingehen, sehe ich nicht, was gefährlich sein kann.

mokant.at: Also müssen sich auch Eltern keine Sorgen machen?
Philipp Ikrath: Elternsorgen sind hier klassische Erwachsenensorgen. Die verstehen Szenezugehörigkeit oft nicht. Ich glaube auch nicht, dass die Szenen selbst Menschen in den Eskapismus treiben, das sind eher die unerfüllten Leben, aus denen die Leute flüchten wollen.

mokant.at: Wie sieht es mit der Akzeptanz von Szenen aus?
Philipp Ikrath: Mittlerweile ist diese Frage etwas obsolet geworden, denn es ist nichts Ungewöhnliches mehr, in einer Szene zu sein. In den 70ern war es noch ein Statement, einer Szene zuzugehören. Da gab es den angepassten Mainstream und Szenen hatten eine Art aufsässiges Auftreten, damals war es eine Abgrenzung. Die Frage, die sich eher stellt, ist, was bei 80% Szenenangehörigen in der Jugend überhaupt noch als Mainstream bezeichnet werden kann. Wenn man sich das im Detail ansieht, hat man schon den Eindruck, dass es einen gibt: die hören zum Beispiel Rihanna oder Beyoncé. Da würde man sagen, es ist tatsächlich Mainstream, aber das größere Bild lässt so einen Begriff gar nicht mehr zu. Ich habe den Eindruck, dass Mainstream heute imaginiert wird, um sich dann in Folge davon abzugrenzen.

mokant.at: Hat sich das im Laufe der Zeit verändert?
Philipp Ikrath: Auf jeden Fall, seit den 80ern gab es hier große casino online Veränderungen, da haben sich Szenen das erste Mal entwickelt. Früher hatte dieses Bekenntnis zu einem Mainstream eine weltanschauliche Komponente. Da hat man diese ganzen Szenen abgelehnt und man hat sich zu einem bürgerlichen Leben bekannt. Das tut heute niemand mehr –  wenn Sie heute einen Jugendlichen, selbst einen mainstream-mäßigen, darauf ansprechen, dass er angepasst ist, dann ist das eine totale Beleidigung. Heute bekennt sich niemand mehr zum Mainstream.

mokant.at: Woran kann man diese Änderungen festmachen?
Philipp Ikrath: Das hängt viel mit der generellen gesellschaftlichen Individualisierung zusammen. Heute wird verlangt, dass man sein eigenes Ding durchzieht, da ist es einfach nicht mehr cool, sich zur katholischen Kirche oder zur SPÖ zu bekennen.

mokant.at: Wie sieht es im internationalen Vergleich aus?
Philipp Ikrath:
Die wichtigen Szenen sind eigentlich alle global, die haben möglicherweise lokale Spielräume, aber es gibt sie fast überall.

mokant.at: Gibt es trotzdem kulturelle Unterschiede?
Philip Ikrath: Definitiv, hier gibt es kulturelle Ausformungen. Ein gutes Beispiel ist zum Beispiel die Sprache im Hip Hop. Er kommt aus den USA aber auf der ganzen Welt gibt es lokale Varianten, wo in eigenen Sprachen und Dialekten gerappt wird.

mokant.at: Wie stehen Szenen zueinander? Kann man Feindschaften oder Freundschaften erkennen?
Philipp Ikrath: Kaum mehr. Sie existieren meist nebeneinander, da gibt es kaum Berührungspunkte. Es gibt natürlich schon Szenen, die auch ideologisch im Konflikt miteinander stehen. Wenn ich mir den Schwarzen Block und die Autonomen Idealisten ansehe, dann ist es klar, dass sich die ganzen Weltanschauungen trennen. Immer wieder gibt es Szenen, die von allen gehasst werden, wie beispielsweise die Emos, die vor fünf bis zehn Jahren Zielscheibe des Spotts waren. Mittlerweile gibt es aber kaum Berührungspunkte oder Rivalitäten, da sie meist keine Ideologien mehr haben, die sie gegeneinander ins Feld führen könnten.

mokant.at: Könnte man also sagen, dass viele Szenen unpolitisch sind?
Philipp Ikrath: Ja, fast alle.

mokant.at: Auf mokant.at haben wir uns selbst einige Szenen angesehen. Wie sieht das mit der linken Fußballszene aus? Hier gibt es zum Beispiel auch politische Motivation. Ist das trotzdem eine Szene?
Philipp Ikrath: Das ist richtig. Das ist eine der Szenen, die klar politisiert sind. Hier ist die Frage, wo ich eine Bewegung von einer Szene abgrenzen kann. Wenn man die Szenendefinition betrachtet, gibt es hier aber eben wieder gemeinsame Themen oder auch gemeinsame Symbole. Es gibt einen Zusammenhalt, man erkennt sich.

mokant.at: Wie kommt es, dass hier die politische Einstellung die ganze Szene so prägt?
Philipp Ikrath: Gerade eine linke Fußballszene halte ich für plausibel, weil es gerade in den Stadien Probleme mit Rechtsextremismus gegeben hat. Hier wollten viele Fans sich möglicherweise einfach von diesen abgrenzen und in der Öffentlichkeit nicht mit ihnen identifiziert werden.

mokant.at: Wir haben uns auch Lolitas angesehen. Wie sieht es mit ihrem Hintergrund aus? Was hat es mit den verspielten Kostümen auf sich?
Philipp Ikrath: Lolitas sind eine Sub-Szene von einer größeren Szene namens Visual Kei. Diese beinhaltet zum Beispiel auch Cosplayer. Lolitas sind hier ein kleines Segment. Einer der Kernwerte ist hier Perfektionismus. Worauf es hier unter anderem ankommt, bei Cosplayern und Lolitas, ist, dass man die Kostüme, die man darstellt, so gut wie möglich darstellt oder reproduziert. Auch Abwechslung spielt hier eine Rolle. Dies könnte man mit dem bürgerlichen Ballkleid vergleichen, das man auch gerne von Ball zu Ball wechselt. Man will durch ein möglichst gutes Kostüm auch starke Anerkennung erlangen.

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Cornelia Kucani hat Studien der Anglistik und der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften absolviert und ist höchst anglophil. Wenn sie nicht in Großbritannien vorzufinden ist, dann auf tumblr als halliepotter.

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