Und Überhaupt: K(n)opfwissenschaften

In der Kolumne UND ÜBERHAUPT schreibt sich unsere Kultur-Chefin Sabrina regelmäßig ihre Gedanken zum Leben und Leben lassen von der Seele.

Letztens ließ mich meine Freundin C. Knöpfe am Tisch anordnen. Das ist okay – sie ist Psychologin. Und das ist auch okay – sie übt sich gerne und ich bin ein williges Studienobjekt, mit dem ein oder anderen Knacks.

Es ist so: Ich bin ein sehr reflektierter Mensch – eine Tatsache, die allerdings nicht mit Ausgeglichenheit einhergeht. Überhaupt ärgere ich mich über alles und jeden, der nicht so reflektiert ist. Je nach Tagesverfassung werden Alltagssituationen, vor allem die im öffentlichen Raum, so schnell mal zu einem sich steigernden Grant-Parcours. Die groben Vergehenskategorien sind: 1. Blockieren 2. Lärmen+Telefonieren 3. Mitdenken-/Mitfühlen-Negieren.

Jemand, der fremde Menschen nach Vergehenskategorien rastert, bietet sich durchaus als K(n)opftherapie-Kaninchen an, hab‘ ich mir jedenfalls gedacht.

Wie wahrscheinlich bei den meisten Unterfangen dieser Art wird zu Beginn einmal klar gemacht: Alle Gefühle sind gültig. Das klingt erstmal erleichternd. Allerdings widerspricht das meiner utopischen Vorstellung von ultimativer Selbstbeherrschung, Disziplin und Ausgeglichenheit. „Swaraj“ heißt ein indisches profundes Wort dazu, hab ich mal gelernt und es auf meine Liste der möglichen kleinen Text-Tättowierungen gekritzelt. Relevant wird das wohl erst wenn ich mehr von Indien kenne als die Samosas vom Zustelldienst.

Bis es soweit ist jedenfalls, bleibt meine Reaktion und Verarbeitungweise wohl eher im Spektrum des Ärgerns angesiedelt.

Charmante Leute und Tage, an denen man sich selbst speziell und komplex findet, beschreiben diese Reaktion gern als Temperament. Aber Temperament ist natürlich einfach der Euphemismus für Anti-Beherrschung und Granteln. Der Kaffeehauskellner verzieht sicher nicht die Miene, weil er vorher Tango tanzen war.

„Wo genau würdest du diesen Grant denn hinlegen?“ war eine Frage. Ich hab‘ also einen kleinen schwarzen Knopf rausgesucht und ihn dicht hinter meinen riesigen gelben Kopf-Knopf gelegt. Dass ich den ganzen Tisch für meine Visualisierung benutzen kann, war mir nicht bewusst. Ich will ja 1. niemandem im Weg sein und 3. generell platzsparend agieren, sollte sonst noch jemand meinen Esstisch für Therapieübungen benötigen (siehe die drei Vergehenskategorien). Überhaupt verdeutlicht meine instinktiv nahe Platzierung des Grant-Knopfes wohlmöglich mein Problem an sich.

***
Exkurs: Die Stufen meines Knopf-Grants (am Beispiel Einkaufen erklärt)

Stufe 1: Die ersten ein-zwei Einkaufswägen schiebe ich kommentarlos und gut gelaunt zur Seite. Gedanke: Es ist Samstag, da ist eben mehr los und die Hobbyeinkäufer kriechen hervor.
Stufe 2: Beim nächsten Wagerl seufze ich und/oder schiebe es so weg, dass der Zuständige es mitbekommt. Gedanke: Vielleicht merkt er/sie sich’s so für die Zukunft.
Stufe 3: Beim Tiefkühlregal blockiert ein Herr die Beeren, telefoniert animiert und reagiert nicht auf mein „Darf ich da kurz her?“ Gedanken: Ist das hier echt deine präferierte Plauderumgebung? Audio-flirtest du gern zwischen Himbeeren und Eis? Gibt dir die Nähe zum Tschisi-6er-Pack das Gefühl, jung zu sein?!
Stufe 4: Beim nächsten Wagerl knirschen meine Zähne. Gedanke: Glaubt ihr, ihr seid hier alleine unterwegs?
Stufe 5: Ich spreche letzteren Satz aus. Keine Gedanken – nur Schnaufen und Augenrollen. Nicht Zähneknirschen!
Stufe 6: An der Kassa legt eine Dame ihre zehn Sachen auf, braucht dafür das gesamte Förderband und bleibt mit ihrem Wagen genau am Anfang stehen, sodass niemand außer ihr auflegen kann. Gedanke: Meine Zahnärztin sagt, ich muss auf’s Zähneknirschen aufpassen. Aber. Shopping Rage. I Have It.
Stufe 7: Im Bus stehen alle Leute genau in der Einstiegs-/Ausstiegszone während der restliche Bus fast leer ist; gerade mal zwei der zehn Leute machen irgendwelche halbernsten Anstalten, mir und meinen drei Einkaufstaschen irgendwie Platz zu machen. Gedanken: WARUM? – …Oh Gott. Ist das wutverzerrte Gesicht, das da im Fenster reflektiert wird tatsächlich meines? Ich sollte mal langsam mit Augencreme anfangen. Und mein Kiefer entspannen.
Stufe 8: Die Dame, die sich an meine linke Seite presst, gackert lautstark in ihr rosa Mobiltelefon, wobei der Großteil des Schalls direkt in mein Ohr jault. Gedanken: Wie wär’s denn, Gnädigste, wenn ich DIR MAL SO INS VERDAMMTE OHR BRÜLLE?! Noch dazu wenn wir hier gequetscht im verdammten Bus stehen? Das kann doch für dich auch gerade kein Spaß sein? Ich heb‘ ja noch nicht mal ab, wenn mich jemand im Bus anruft.
Stufe 9: Beim Aussteigen aus dem Bus bildet sich genau vorm Ausstieg ein kleine Menschentraube. Gedanken: Das Joghurt in Tasche #1. Mein Kopf wird heiß. Ich verabschiede mich von meinem geplanten Joghurt-Beeren-Dessert und fahre die Ellenbogen aus.
Stufe 10 ist erreicht.
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Jedenfalls. Als Ergebnis der K(n)opf-Therapie hat sich ein halb-transparenter, kleiner Knopf behauptet. Den soll ich im Idealfall immer mit mir rumtragen um mich zu erinnern, dass ich die Gefühle zwar wahrnehmen soll, aber nicht gleich reagieren sondern mich abschirmen soll. Denn niemand blockiert oder telefoniert oder denkt nicht an andere um mich zu ärgern. Niemand macht das mit Absicht. Und wenn doch, dann ist das nicht mein Problem. Und… irgendwas mit Projektion der eigenen Wirklichkeit und Kung-Fu hat mir unsere Chefredakteurin mal erklärt.

Wie auch immer, er ist wirklich hübsch, mein Schirm-Knopf – so glänzend und leicht strukturiert, halbtransparent und trotzdem stark und mit Charakter. Und überhaupt: Er passt super zu meinem Temperament!

 

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Sabrina Freundlich ist stellvertretende Chefredakteurin von mokant.at. Sie beschreibt sich als writeophile and fortune cookie lover. Kontakt: sabrina.freundlich[at]mokant.at

2 Comments

  1. mp

    24. September 2014 at 11:22

    Schlimmer als im Bus ists noch in der U-Bahn mit den Idioten, die lieber mit Hautkontakt am Eingang stehn, als zwei meter weiter mit jeder Menge Platz

    • alisa

      24. September 2014 at 13:56

      Ja, das stimmt! 1. pressen sich alle immer in den ersten Waggon und zweitens alle beim eingang, dass man gar nicht durchkommt, obwohl weiter hinten genug platz ist!

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