Sonja Grabenhofer: „Hatten noch nie Rattengift“

Leiterin des Kompetenzzentrums für Freizeitdrogen Sonja Grabenhofer im mokant.at-Interview über Drogenkonsum, den Schwarzmarkt und Breaking Bad.

Das Kompetenzzentrum für Freizeitdrogen „checkit!“ bietet chemische Inhaltsanalysen synthetischer Drogen und Konsumentenberatung an. Etwa einmal pro Monat können Konsumenten und potenzielle Konsumenten auf ausgewählten Partys und Festivals ihre psychoaktiven Substanzen analysieren lassen und die Ergebnisse vor Ort mit professionellen Beratern besprechen. mokant.at spricht mit der Leiterin Sonja Grabenhofer über unerwartete Inhaltsstoffe, Veränderungen am Drogenmarkt und darüber, warum Breaking Bad vermutlich nicht süchtig macht.

mokant.at: Sie sind Leiterin des Kompetenzzentrums für Freizeitdrogen „checkit!“. Haben Sie selbst schon Erfahrungen im Drogenkonsum gemacht?
Sonja Grabenhofer: Das ist eine Frage, die sehr viele Leute interessiert, die mit uns zu tun haben – vor allem auch sehr viele Menschen, die zu uns kommen. Das ist allerdings eine Frage, die wir so nicht beantworten können, und zwar aus folgendem Grund: Leute, die zu uns kommen, haben ein gewisses Anliegen und wollen gut verstanden werden. Würden wir „ja“ sagen, und sie sind Nicht-Konsumenten wie zum Beispiel Angehörige, hätten sie das Gefühl, dass wir ihr Anliegen nicht verstehen können. Sind sie Konsumenten, und wir würden „nein“ sagen, würden sie sich auch nicht verstanden fühlen. Wir haben bei allen Fragen, was Drogen anbelangt, eine neutrale und wertfreie Haltung und wollen auch bei dieser Frage wertfrei bleiben und keine Bilder erzeugen.

mokant.at: Ist es für Menschen, die in diesem Bereich arbeiten von Vorteil, wenn sie selbst Erfahrung mit Drogen haben, um sich besser in die Gefühlswelt und Lebensrealität der Klienten einfühlen zu können?
Sonja Grabenhofer: Das kann unter Umständen förderlich, aber auch genauso hinderlich sein. Was man für den Job aber jedenfalls braucht, ist ein Verständnis für Menschen, die Drogen konsumieren. Man muss aber nicht alles ausprobiert oder konsumiert haben. Ein Arzt kann auch sehr unterstützend und hilfreich sein, obwohl er nicht alle Krankheiten selbst gehabt hat. Er braucht ein Grundverständnis für Krankheit und die Entstehung von Krankheit.

mokant.at: Eine Ihrer Hauptleistungen ist das Drugchecking auf Partys, Festivals und in Clubs, also die chemische Inhaltsanalyse von Drogen. Angenommen, ich gehe auf eine Party und kaufe dort zwei Tabletten. Der Verkäufer garantiert mir, dass es sich dabei um bestes Ecstasy handelt. Warum sollte ich diese Drogen checken lassen?
Sonja Grabenhofer: Weil der Verkäufer mit ziemlicher Sicherheit selber nicht weiß, was in Ihrer Tablette drinnen ist. Das ist ein Schwarzmarkt, da hat man nicht die Sicherheit, dass das enthalten ist, was man zu kaufen glaubt. Sie als Konsument gehen ein Risiko ein, dass Sie etwas ganz anderes konsumieren, als Sie glauben. Das kann beispielsweise ein anderer Wirkstoff sein, also wenn Sie etwa eine vermeintliche Ecstasytablette kaufen, es aber in Wirklichkeit Speed ist. Es kann aber auch passieren, dass 5 oder 6 andere Inhaltsstoffe enthalten sind. Somit ist es für Sie nicht mehr abschätzbar, wie die Wirkung sein wird und auch nicht, welche Risiken Sie eingehen. Sie können die Dosierung nicht abschätzen, Sie wissen nicht, welche Nebenwirkungen auftreten können, Sie wissen nichts über die Wechselwirkungen und die Langzeitfolgen.

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Foto: (c) Stefanie Kornherr

mokant.at: Welche Inhaltsstoffe, die dort eigentlich nichts verloren haben, finden Sie bei Ihren Analysen besonders oft in den Drogen?
Sonja Grabenhofer: Der Drogenmarkt verändert sich sehr stark. Vor vier Jahren hat er ganz anders ausgesehen als jetzt. Es gibt Jahre, da sind sehr hochdosierte Tabletten im Umlauf. Dann gibt es Jahre, in denen in nur 15% der getesteten Tabletten das enthalten ist, was die Menschen geglaubt haben, zu kaufen. Und dann gibt es Jahre, in denen sich wilde Mixturen in den Tabletten finden. Strichnin oder Rattengift – ein Mythos, der immer herumgeistert – haben wir beispielsweise noch nie gefunden. Was wir schon gefunden haben, sind psychoaktive Substanzen, die dermaßen toxisch sind, dass man auch bei einmaliger Einnahme eine tödliche Überdosierung haben kann. Das ist allerdings sehr selten.

mokant.at: Bekommen die Konsumenten ihre Drogen von Ihnen nach dem Test zurück?
Sonja Grabenhofer: Wir nehmen die Drogen nie an uns. Wenn jemand seine Tablette analysieren lassen will, geht er oder sie anonym in ein Testzelt und macht die Abgabeprozedur dort selbst. Zuerst wird die Tablette abgewogen, danach mittels automatischen Auslösers fotografiert. Danach rubbelt man mit einem sehr feinen Schleifpapier etwas von der Tablette ab. Dieser Abrieb kommt zu uns, die Tablette bleibt immer beim Konsumenten oder der Konsumentin.

mokant.at: Würden Sie sich strafbar machen, wenn Sie die Tablette an sich nähmen?
Sonja Grabenhofer: Nein. Aber beim Zurückgeben würden wir uns strafbar machen. Das österreichische Suchtmittelgesetz sieht zwar eine Ausnahme vor, dass wir als wissenschaftliches Projekt mit psychoaktiven Substanzen hantieren dürfen. In dem Moment, in dem wir die Tablette zurückgeben würde, wäre das aber Weitergabe, und die ist verboten.

mokant.at: Was passiert, wenn Sie bei einem Test feststellen, dass die Einnahme für den Konsumenten tödlich sein könnte?
Sonja Grabenhofer: Nach 20 bis 30 Minuten werden die Ergebnisse an einer Ergebniswand auf dem Event ausgehängt. Dort stehen immer mindestens zwei bis drei Beraterinnen und Berater. Diese sprechen die Leute, die zu der Ergebniswand kommen, aktiv an und besprechen mit ihnen die ausgehängten Ergebnisse. Wir teilen die Ergebnisse in die Kategorien weiß, gelb und rot. Weiß bedeutet, dass die Tablette die erwarteten Stoffe enthält. Gelb bedeutet, dass unerwartete Inhaltsstoffe enthalten sind und rot bedeutet, dass die Substanz auch bei einmaliger Einnahme gesundheitlich besonders bedenklich sein kann. Wenn wir tatsächlich etwas finden, wo akute Gefahr besteht, wird auch der Veranstalter informiert und wir sagen die Warnung über Lautsprecher durch. Außerdem werden an hoch frequentierten Plätzen Warnungen ausgehängt und wir warnen zusätzlich über Visuals. Danach werden Medien verständigt und das Ergebnis wird an das Europäische Frühwarnsystem weitergegeben. Da geht ein ganzer Warnungsapparat los, wir warten nicht einfach ab, ob die Person vielleicht vorbeikommt.

Foto: (c) Stefanie Kornherr

Foto: (c) Stefanie Kornherr

mokant.at: Es gibt Klischees, dass in bestimmten Musikszenen bestimmte Drogen eher konsumiert werden. Beobachten Sie auch, dass der Drogenkonsum von der Musikszene abhängt?
Sonja Grabenhofer: Es gibt Jugendkulturen, die sich mit bestimmten Substanzen eher identifizieren. Manche tendieren zu antriebssteigernden, andere zu dämpfenden Drogen. Das trifft aber immer nur auf einen Teil dieser Gruppen zu. Schubladen machen das Leben natürlich einfacher, auf der anderen Seite stigmatisieren sie aber auch. Darum sind solche Einordnungen immer mit Vorsicht zu genießen. Fest steht: Menschen konsumieren Drogen. Unterschiedliche Gruppen konsumieren unterschiedliches, und das verändert sich immer wieder im Laufe des Lebens.

mokant.at: In einer Studie, zu der Sie auf Ihrer Homepage verlinken, ist von Kritikern die Rede, die behaupten, dass Angebote wie jenes von „checkit!“ überhaupt erst zum Drogenkonsum anstiften. Was sagen Sie zu so einer Kritik?
Sonja Grabenhofer: Im Gegenteil. In dieser Studie kommt ja auch heraus, dass die Kritik nicht berechtigt ist. Aus meiner zehnjährigen Praxis kann ich auch bestätigen, dass durch unser Informationsangebot gerade Menschen, die an der Schwelle zum Konsum stehen, nochmals umdenken, nachdem sie die Testergebnissen gesehen haben, weil Ihnen das Risiko viel zu hoch ist. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Wirtshaus und plötzlich schlägt jemand eine Wand auf, an der steht, dass in 60 bis 70% der Biere gar kein Bier drinnen ist. Dann denken Sie vielleicht auch nochmal darüber nach, ob Sie das trinken oder doch bleiben lassen. Diesen Effekt hat unser Angebot bei illegalen Substanzen durchaus auch.

mokant.at: Gibt es solche Kritiker Ihres Angebots auch in der österreichischen Politik?
Sonja Grabenhofer: Das Thema Drogen ist eines, das durchaus mit Emotionen besetzt ist. Es macht vielen Menschen Angst – unter anderem auch, weil sie schlecht informiert sind und weil es deshalb sehr viele Fantasien dazu gibt. Diese Ängste sind teilweise berechtigt, teilweise nicht. Ein wertfreier Diskurs ist schwer möglich, wenn es um Drogen geht – sowohl bei legalen wie bei illegalen. Deshalb sprechen wir mit Konsumentinnen und Konsumenten wertfrei über Drogen.

Es gibt Kritikerinnen und Kritiker unseres Angebots, aber ich würde sagen, sie sind weniger geworden.Wichtig ist mir zu sagen, dass es uns nicht um ein Qualitätsservice für Konsumentinnen und Konsumenten, also eine Art TÜV im Drogenbereich, geht, sondern darum, mit Menschen in Kontakt zu kommen und an Schadens- und Risikoreduzierung zu arbeiten. Das oberste Ziel der Wiener Drogenpolitik ist, dass so wenige Menschen wie möglich Drogen konsumieren, und dass die, die nicht davon abzuhalten sind, so wenig Schaden wie möglich erleiden. Hier setzen wir wie gesagt an.

mokant.at: Finanziert wird Ihre Einrichtung von der Sucht- und Drogenkoordination der Stadt Wien und vom Gesundheitsministerium. Wie viel kostet So ein Drugchecking Einsatz?
Sonja Grabenhofer: Das ist nicht ganz einfach zu sagen, weil sehr viel Vorarbeit notwendig ist und die Einsätze unterschiedlich groß sind.

Foto: (c) Stefanie Kornherr

Foto: (c) Stefanie Kornherr

mokant.at: Was würden Sie mehr oder anders machen, wenn Sie mehr finanzielle Mittel zur Verfügung hätten?
Sonja Grabenhofer: Das ist eine interessante Frage. Ich finde unser Angebot nach wie vor so wie es ist gut. Vielleicht würden wir es noch etwas intensivieren. Wir erreichen aber schon sehr viele Menschen – über 5000 im Jahr nur mit dem Onsite Angebot. Manche Menschen kommen sogar extra zu einer Veranstaltung, weil Sie wissen, dass wir vor Ort sind.

mokant.at: Glauben Sie, dass populäre Fernsehserien wie Breaking Bad die Hemmschwelle senken, Drogen zu nehmen?
Sonja Grabenhofer: Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Die Bilder, die da gezeigt werden sind meiner Meinung nach eher abschreckend. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das wahnsinnig verlockend erscheint. Aber natürlich muss man das kritisch betrachten und grundsätzlich nicht unkritisch konsumieren. Fernsehen zeigt einerseits Realitäten, es kann aber auch Realitäten schaffen oder fördern. Bei Breaking Bad ist das ein Ausschnitt aus einer Drogenszene, die mit der Allgemeinbevölkerung sehr wenig zu tun hat und meiner Meinung nach nicht zum Konsum verleitet.
Titelbild: (c) Stefanie Kornherr

Philipp Bauer ist als Redakteur für mokant.at tätg. Kontakt: philipp.bauer[at]mokant.at

2 Comments

  1. franz@gmail.com'

    Franz da Koarl

    8. September 2014 at 16:04

    Bei „checkit“ muss ich immer daran denken:

    https://www.youtube.com/watch?v=U2z0QyeofM0

  2. maximax@gmail.com'

    Maxime Musterfrau

    8. September 2014 at 16:24

    „Das oberste Ziel der Wiener Drogenpolitik ist, dass so wenige Menschen wie möglich Drogen konsumieren, und dass die, die nicht davon abzuhalten sind, so wenig Schaden wie möglich erleiden. Hier setzen wir wie gesagt an.“

    Ersteres ist verständlich, zweiteres jedoch nicht. Hart ausgedrückt: Sollen all jene, die sich unbedingt was hineinwerfen müssen um Spaß zu haben, doch auch mit den Konsequenzen leben. Selbst Schuld kein Mitleid. Um die ist es dann meist eh nicht besonders schade.

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