Nazar: „Als Rapper habe ich keine Konkurrenz“

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Nazar, einer der erfolgreichsten Rapper Österreichs, ist ein Musiker rebellischer Natur. Mit seinem neuen Album möchte er aus seinem Leben erzählen.

Egal, ob es um Krieg, Liebesgeschichten oder Rassismus geht – der gebürtige Iraner scheut sich nicht, seine Meinung zu zeigen. Nach monatelanger Arbeit erschien am 22. August sein neuestes Album Camouflage. Im Interview erzählt er, wieso es das bestproduzierte Nazar-Album aller Zeiten ist, was er mit Falco gemeinsam hat und wieso er als Kind Einbrecher cool fand.

mokant.at: Im Jahr 2010 hast du bekanntgegeben, dich aus der Musik zurückzuziehen – jetzt ist dein bereits sechstes Soloalbum Camouflage erschienen. Wieso hast du doch nicht aufgehört?
Nazar: Weil es eigentlich damals ein Missverständnis war. Ich habe nicht gesagt, dass ich aufhöre, sondern: wenn der Moment kommt, an dem ich es nicht schaffen sollte, erfolgreicher zu werden, dann würde der Perser aus mir rauskommen und dann würde ich keinen Sinn mehr darin sehen, das weiter zu machen. Damals gab es das Problem mit dem Album, dass es 6 Wochen vor Release im Internet gelandet ist und ich dann fast meine ganze Existenz verloren hätte, aber ich dann das Glück hatte, dass das Album trotzdem noch ausverkauft war. Dann gab‘s für mich auch keinen Grund aufzuhören.

mokant.at: In deinem neuen Album hast du eine quasi-Kollaboration mit der österreichischen Musik-Legende Falco. Wieso Falco?
Nazar: Weil er der größte österreichische Musiker aller Zeiten ist. Mein Wunsch war es ja anfangs, mit Rainhard Fendrich was zu machen, weil ich gar nicht auf die Idee gekommen bin, die Möglichkeit mit Falco zu bekommen. Dann hat sich das aber irgendwie ergeben und dann ist es so, wie wenn du einen Ferrari gewinnst.

mokant.at: Siehst du Gemeinsamkeiten zwischen euch beiden?
Nazar: Eine Gemeinsamkeit die wir haben, ist, dass wir beide Personen, Typen sind, die – nicht so wie es heutzutage in der Musik üblich ist – Menschen sind oder waren, die nicht glatt sind, sondern Ecken und Kanten haben und damit auch sehr gut polarisieren. Andererseits sind wir, glaube ich, auch die Erfolgreichsten unserer Zeit.

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(c) Raimund Appel

mokant.at: Gibt es heute in Österreich deiner Meinung nach einen Musiker oder eine Musikerin, den man mit Falco vergleichen könnte?
Nazar: Definitiv nicht, und das wird auch nicht so einfach sein. Du siehst ja – wer wurde von den Medien zu den Gesichtern der österreichischen Musik gemacht? Das sind aktuell glaub ich Christina Stürmer und Andreas Gabalier, da sind wir von Falco Welten entfernt.

mokant.at: Auf deiner Website steht, dass du in deinem neuen Album „detailliert auf zwischenmenschliche Probleme eingehst“. Welche Probleme sind damit gemeint?
Nazar: Es gibt zum Beispiel einen Song, der heißt Rosenkrieg, wo ich aus der Perspektive eines Kindes erzähle, dessen Eltern sich scheiden lassen. Es gibt den Song Trauerweide, der die Geschichte eines Jungen und eines Mädchens erzählt – in zwei unterschiedlichen Parts – die sich aber, wenn man genau hinhört, in der Geschichte treffen. Es gibt sehr viele Themensongs auf dem Album, die doch sehr lebensbezogen sind und Geschichten erzählen.

mokant.at: In deinem Intro zu Camouflage gibt es eine Zeile, die lautet: „Nazar, der Terror-Rapper, so hatte die Presse mich genannt“ – behandelst du in deinem neuen Album ausschließlich Probleme und Geschichten, die mit deinem Leben zusammenhängen?
Nazar: Nicht nur, Rosenkrieg ist ja nicht meine Geschichte. Das ist die Geschichte meines besten Freundes, aber ansonsten sind die Songs schon stark von mir selber und aus meinem Leben erzählt.

mokant.at: Welche wesentlichen Unterschiede gibt es zwischen Camouflage und deinen älteren Alben?
Nazar: Ich glaube, dass ich damals viel zu schnell gearbeitet habe. Ich kann ein Album sehr schnell fertig machen, das habe ich die letzten Jahre auch gemacht – ich habe im Schnitt drei bis vier Wochen für ein ganzes Album gebraucht. Camouflage hat mir durch den Deal mit Universal die Möglichkeit gegeben, über ein halbes Jahr daran zu arbeiten und das hört man auch definitiv auf dem Album. Früher hätte ich beispielsweise, wenn ein Song aufgenommen war, nicht noch 30-mal drüber gehört und gesagt, „Hey, vielleicht lass ich die Musik dazu neu machen“, weil es noch nicht ganz passt. Bei dem Album habe ich einfach viele Live-Musiker ins Studio geholt, habe teilweise Instrumentals neu bearbeiten lassen, habe insgesamt über 40 Songs dafür geschrieben und dann nur die besten 20 daraus gewählt. Das ist mit Abstand das bestproduzierte Nazar-Album, das es jemals gegeben hat und auch das vielseitigste.

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(c) Raimund Appel

mokant.at: Auf welchen der Songs deines neuen Albums bist du besonders stolz?
Nazar: Ich liebe Eines Tages über alles – das ist auf jeden Fall mein persönlicher Lieblingssong. Als ich den Song geschrieben habe, habe ich sehr viel über mein eigenes Leben nachgedacht, was in meinem Leben bis jetzt passiert ist und was vielleicht auch noch passieren wird – wovon der Song ja eigentlich erzählt.

mokant.at: Meinst du, man hat es als Person mit Migrationshintergrund in der Musikbranche in Österreich schwieriger als jemand ohne Migrationshintergrund?
Nazar: Man darf nicht vergessen, dass ich die letzten drei Jahre einer der erfolgreichsten Musiker in Österreich war – nicht nur Rapper, da habe ich sowieso keine Konkurrenz, aber ich habe mich komischerweise noch nie in großen Medien gesehen. Es gibt so viele Beispiele, die mir passiert sind. Ich bin 5 Jahre vom Amadeus Award komplett ignoriert worden. Dann haben sie mich zum ersten Mal nominiert, weil ich das in Deutschland angesprochen habe – wahrscheinlich hat das jemand gelesen und hat mich dann nominiert – und ich habe gleich mit unfassbar vielen Votings gewonnen. Dieses Jahr werde ich dann plötzlich – obwohl mein Album letztes Jahr auf Platz 2 in Österreich gechartet ist – nicht mal für die Kategorie „Hip Hop/Rap“ nominiert, sondern sie haben mich einfach auf die „Bestes Video“ Kategorie abgeschoben, was ich dann durch die Votings auch wieder gewonnen habe. Ich glaube, wenn ich ein blonder Typ mit blauen Augen wäre, wär ich da definitiv schon mehr präsentiert worden. Das Popfest ist das erste Festival in Österreich, das mich je gebucht hat – ich kann jetzt stundenlang darüber erzählen, was mir teilweise bewusst an Steinen in den Weg gelegt wurde. Teilweise sind Menschen in der Szene aber auch nicht kompetent genug, um den Markt zu beobachten, was da relevant wäre, womit man arbeiten sollte. Ich war noch nie ein Freund davon zu meckern und zu sagen, „wir armen Migranten“, sondern habe einfach meine Fresse gehalten, habe meine Arbeit weitergemacht und irgendwann kommt genau wie jetzt der Punkt, wo du einfach zu relevant wirst, als dass die Medien dich verdrängen könnten.

mokant.at: In deiner Vergangenheit hattest du oft Probleme mit Neo-Nazis und Rassismus – Wie gehst du mit Beleidigungen oder sogar Drohungen um?
Nazar: Wie soll ich damit umgehen? Ich bin ja kein Kind der Traurigkeit, ich weiß mich schon sehr gut selber zur Wehr zu setzen – was mir im Leben auch sehr viele Probleme eingebracht hat, weil ich ja auch damals ein Vollidiot war, der auf jeden Angriff mit einem Gegenangriff reagiert hat und dadurch einmal sechs Wochen in Untersuchungshaft war. Ich denke, dass es auch mit meinem Alter gekommen ist, dass ich mich nicht mehr provozieren lasse. Solange mich nicht jemand körperlich angreift, ist es schwer, mich aus dem Gleichgewicht zu bringen.

mokant.at: Durch deine Musik und auch in vielen Interviews hast du sehr deutlich gemacht, wie du zu HC Strache und zu politisch Rechten stehst. Was würdest du zu ihm sagen, wenn du ihn jemals treffen würdest?
Nazar: Ich würde ihm sagen, dass er richtig krasser Abschaum ist. Ich würde auch seine Mutter gerne fragen, was sie sich dabei denkt, wenn sie beobachtet was ihr Sohn da tut und ob sie stolz auf ihn ist.

mokant.at: „Nazar“ bedeutet ja aus dem Persischen übersetzt einerseits „Meinung“, andererseits kann es auch etwas wie „jemandem einen bösen Blick zuwerfen, etwas Schlechtes wünschen“ bedeuten…
Nazar: „Nazar“ ist ja das Auge, das dich vor den schlechten Blicken bewahren soll.

mokant.at: Ja, aber „nazar sadan“ ist ja so etwas wie „chesh sadan“. [Übersetzung: etwas Schlechtes wünschen].
Nazar: Jaja.

mokant.at: Auf welche Übersetzung bezieht sich dein Künstlername?
Nazar: Natürlich auf die Persische [„Meinung“]. Ich habe damals noch gar nicht so weit gedacht, aber es war für mich immer so, dass ich mit meiner Musik immer meine Meinung vertreten wollte.

mokant.at: Wie bist du denn auf den Künstlernamen gekommen? Wieso genau „Meinung“?
Nazar: Also ganz ehrlich – ich habe angefangen die ersten Songs zu schreiben und dann hat mein bester Freund gesagt, „Ja, guck mal, du heißt Ardalan“ – was ja in Österreich sowieso keiner aussprechen kann, so ein Labyrinth-Zungenbrecher – „du musst dir einen Künstlernamen einfallen lassen.“ Dann sind wir damals wie Idioten vor Google gesessen und haben Namen eingegeben, die interessant klingen könnten und da kam halt noch mehr Scheiße dabei raus. (lacht) Dann habe ich mir irgendwann mal überlegt, ja, vielleicht was Persisches. Und dann kam halt der Name „Nazar“.

mokant.at: Du bist in deiner Kindheit mit deiner Familie aus dem Iran nach Österreich geflüchtet. Ist deine Vergangenheit auch ein Grund dafür, dass du Musiker geworden bist?
Nazar: Absolut nicht. Das ist zwar in meiner Musik ein Thema und etwas, was mein Leben auch stark geprägt hat, aber das mit der Musik kam so zufällig. Ich habe eine Operation gehabt und bin dann ein Jahr lang im Bett gelegen, dann kam ein Freund zu mir und hat mir das erste Mal deutschen Hip Hop gezeigt. Ich hatte nichts zu tun, dann dachte ich mir, so schwer kann das ja nicht sein, mit deutschen Wörtern Reime zu finden und habe dann die ersten Songs geschrieben. Sobald ich auf Krücken mobil war, bin ich mit ihm in ein Studio gefahren, das uns übrigens finanziell krass abgezockt hat, und habe die ersten Songs aufgenommen. Damals gab‘s MySpace, da habe ich das hochgeladen und dann hat das plötzlich im Internet seine Runde gemacht. Ich hätte mir nie vorgestellt, irgendwann Musik zu machen. Auch die Flucht aus dem Iran hat nichts dazu beigetragen. Aber natürlich, wenn ich heute noch im Iran wäre, hätte ich gar nicht die Möglichkeit Musik zu machen, außer wenn es islamische Musik wäre.

(c) Raimund Appel

(c) Raimund Appel

mokant.at: Weil du ja vorher gesagt hast, als Kind hast du gar nicht daran gedacht, Musiker zu werden – welchen Berufswunsch hattest du als Kind?
Nazar: Ich wollte immer Einbrecher werden. Ich weiß auch nicht, es liegt vielleicht an diesen scheiß Micky Maus Büchern. Ich dachte mir immer, ja, das ist eigentlich ein geiler Job. Ich musste ja damals immer schon um fünf Uhr zuhause sein und ich dachte mir, „geil, die laufen in der Nacht rum und springen über Dächer und tun ja eigentlich was voll Cooles, die nehmen den Reichen was weg und die stört das auch gar nicht“. Ich weiß auch nicht warum – zum Glück habe ich das dann nicht verfolgt! (lacht)

mokant.at: Welchen Stellenwert hat Ruhm, Geld und ein luxuriöser Lebensstil für dich?
Nazar: Er hatte einen sehr großen Stellenwert. Man muss dazu auch sagen, als ich mit der Musik begonnen habe, war es nie mein Wunsch, von Menschen erkannt zu werden. Das ist auch eine Sache, die mir bis heute sehr unangenehm ist. Ich wollte einfach etwas erschaffen, ich wollte damit Erfolg haben, deshalb habe ich von Anfang an alles dafür getan. Du musst dir vorstellen, dass wir in meiner Jugend gar nichts besessen haben. Die Caritas war damals so cool, dass sie uns Klamotten geschenkt haben. Es gibt zum Beispiel zwei Jahre meines Lebens in einem Fotoalbum von meiner Mutter, wo ich einfach durchgehend den gleichen Pullover anhabe. Das war so ein violetter Micky-Maus-Pullover. Unter den Verhältnissen bin ich aufgewachsen – und dann plötzlich bist du ein junger Kanacke der Geld macht und du weißt gar nicht, was du mit dem Geld tun sollst. Am Anfang habe ich so viel Scheiße gemacht – ich habe so unfassbar viel Geld für schwachsinnige Dinge ausgegeben. Das einzig Gute, das ich in meinem Leben jemals gemacht habe, war, dass ich den Kredit meiner Mutter, den sie auf ihr Haus hat, abbezahlt habe und ihr somit ein bisschen Druck vom Leben wegnehmen konnte. Danach habe ich angefangen diese ganzen Komplexe abzulegen. Ich sammle immer noch gerne Uhren, aber im Gegensatz zu dem, was ich damals gemacht habe, ist das schon viel besser geworden.

(c) Raimund Appel

(c) Raimund Appel

mokant.at: Was war dein verrücktestes Erlebnis mit einem Fan?
Nazar: Da gibt‘s so viele… das ist manchmal auch erschreckend. Ich kann dir ein sehr aktuelles nennen, da war ich in Kroatien: ich nehm mein Handy und geh runter zum Strand. Ich schau kurz auf Facebook und sehe dann plötzlich in einer Nachricht, wie ein Fan mein Auto erkannt hat, es abfotografiert hat und gesagt hat, „Ich weiß genau, dass du hier bist“. Ich denk mir, krass, was ist jetzt los – ich habe dann die ganze Woche dort in Paranoia gelebt, was da jetzt auf mich zukommt. Dann am letzten Abend war plötzlich eine Gruppe von Deutsch-Kroaten vor unserem Haus, die dann Fotos machen wollten. Oder ich hatte zum Beispiel einen Fall mit einer Stalkerin. Das war dann wirklich auch so weit, dass ich mir gedacht habe, ich sollte wirklich zur Polizei gehen, bevor das noch schlimmer wird. Die hat mir so krasse Nachrichten geschrieben, was sie sich nicht antun würde, wenn das und das nicht passiert. Plötzlich hat sie meine Adresse in eine Nachricht reingeschrieben und gesagt, sie würde auf mich warten. Dann waren in Wien, als ich in meine Garage ging, plötzlich Sachen auf meinem Auto. Also es ist teilweise schon sehr krass.

mokant.at: Gibt es auch positivere Fälle?
Nazar: Klar, natürlich – alles andere ist für mich positiv! Wenn ich einen jungen Menschen mit einem lächerlichen Handyfoto so glücklich machen kann, kann es nichts Besseres geben. Mir ist bewusst, dass mir das Privileg von meiner Musik leben zu können überhaupt erst durch diese Menschen gegeben wird. Wenn du dann siehst, dass du mit so einfachen Dingen einen jungen Menschen glücklich machen kannst, ist das für mich immer etwas Positives.

mokant.at: Du hast ja gemeint, du hörst privat auch Hip Hop – hast du einen Guilty Pleasure Song?
Nazar: (lacht) Nein, ich hör eigentlich immer nur coole Musik.

mokant.at: Immer?
Nazar: Ja, immer! In meiner Jugend war das anders, da war ich ja auch der typische Bravo-Hits-Hörer. Wie hieß die nochmal, die hatte immer so Rollschuhe… Blümchen? Ja genau, die habe ich überkrass gefeiert, die war auch immer meine Vorlage… wenn ich so darüber nachdenke, war das schon unfassbar schlechte Musik. Ich weiß auch heute nicht, ob das wegen ihrer Musik war oder wegen ihrem Aussehen.

Titelbild: (c) Raimund Appel

 

 

Kiana Fathi ist als Redakteurin für mokant.at tätig und studiert Publizistik an der Universität Wien. Kontakt: kiana.fathi@mokant.at

2 Comments

  1. Dominik Knapp

    25. August 2014 at 17:17

    Ich bin zwar auch großer Falco-Fan, der größte österreichische Musiker aller Zeiten ist dann für meine Begriffe aber trotzdem Mozart.

  2. Alina

    6. September 2014 at 19:13

    ich würde mozart und falco nicht direkt vergleichen. österreich hat viele gute klassische komponisten.

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