Frauennotruf: Betrifft mich nicht?

(c) Jolanthe Pantak

Wenn es um das Thema Gewalt an Frauen geht, denkt man unweigerlich an prügelnde, alkoholisierte Ehemänner, an wehrlose Frauen und vielleicht sogar an Problembezirke und einen eher niedrigen Bildungsstand. Was hat ein solches Szenario mit selbstbestimmten, jungen Frauen zu tun, die sich auch sonst Nichts im Leben gefallen lassen? Das wollten wir genauer wissen und haben mit der Leiterin des 24-Stunden-Frauennotrufs der Stadt Wien gesprochen..

Laut einer im März veröffentlichten Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) hat jede dritte Frau in der EU seit ihrem 15. Lebensjahr eine Form des körperlichen und/oder sexuellen Übergriffs erlebt. Mit 20 Prozent liegt Österreich zwar unterhalb des europäischen Durchschnitts, allerdings kann, wie es typisch für diese Art der Vergehen ist, von einer höheren Dunkelziffer ausgegangen werden. Nicht zuletzt sorgen diverse Vorurteile rund um das sensible Thema dafür, dass viele dieser Fälle im Verborgenen bleiben.

Mag. Martina K. Sommer, Leiterin des 24-Stunden-Frauennotrufs der Stadt Wien, kennt diese Vorurteile nur zu gut. Deshalb räumt sie gleich zu Beginn unseres Gesprächs mit einer Reihe von Mythen auf: „Gewalt kommt überall vor, unabhängig von Alter, Bildung, Herkunft und Einkommen.“ Das spiegele sich auch in den Fällen wieder, die die Mitarbeiterinnen betreuen. Allerdings gebe es altersspezifische Unterschiede im Umgang mit Gewalterfahrungen. So ist Gewalt vor allem für ältere Generationen eher ein Tabu-Thema. Jüngere Frauen hingegen wissen in vielen Fällen nicht, wann und ob von Gewalt gesprochen werden kann. So überrascht es nicht, dass die meisten Frauen, die sich an die Einrichtung wenden, zwischen 25-40 Jahre alt sind.

„Wir müssen die jugendliche Zielgruppe besser erreichen“, sagt Sommer und meint damit die Gruppe der unter 25-Jährigen. Viele junge Frauen und Mädchen hätten oft Sorge darüber, dass sie selbst nicht genug getan haben, um sich zu wehren. Dabei sei es besonders wichtig zu begreifen, dass traumatische Erlebnisse handlungsunfähig machen und die Opfer während eines Übergriffs regelrecht erstarren. Oft passt es auch nicht in das Selbstbild der Frauen, plötzlich als Opfer dazustehen.

Der Mann als omnipräsente Gefahr?
Ein weiterer Mythos ist der „im Busch lauernde Fremde“, der auf sein nächstes Opfer wartet. Obwohl man in der Presse immer wieder von solchen Fällen liest, machen sie nur einen geringen Anteil der beim Frauennotruf gemeldeten Übergriffe aus. Gut 90 Prozent der Fälle  finden in der Familie oder im Freundes- und Bekanntenkreis statt, also dort, wo Frauen sich eigentlich sicher fühlen. Deshalb sei auch die Scham der Opfer besonders groß, so Sommer. Außerdem haben viele der betroffenen Frauen Hemmungen davor, eine ihnen vertraute Person zu beschuldigen oder gar anzuzeigen.

Zwar sei in nahezu 100 Prozent der Fälle, die vom Frauennotruf betreut werden, der Täter männlich, doch ist das Bild des triebhaften Mannes ebenso ein Mythos. „Die Triebhaftigkeit ist hier nicht entscheidend. Wir alle haben Triebe. Die meisten von uns werden aber nicht zum Gewalttäter“, betont Sommer. Auch das Vorurteil, eine bestimmte Art sich zu kleiden würde sexuelle Übergriffe erst provozieren, entspreche keinesfalls der Realität. Wie die Ergebnisse der FRA-Studie belegen, wirken sich solche Vorurteile dennoch negativ auf die Bewegungsfreiheit von Frauen aus. Demnach meidet rund die Hälfte der Frauen in der EU aus Angst vor körperlichen oder sexuellen Übergriffen bestimmte Situationen und Orte, was sie in ihrem Alltag durchaus einschränkt.

Mehr als nur eine Helpline
Der 24-Stunden-Frauennotruf richtet sich an alle Frauen und Mädchen ab dem 14. Lebensjahr in Wien. Die Arbeit der Beraterinnen erstreckt sich aber nicht allein auf die telefonische Beratung. Meist beginnt sie damit erst. Insgesamt neun Beraterinnen, darunter zwei Juristinnen, vier Klinische Psychologinnen und Gesundheitspsychologinnen sowie drei Sozialarbeiterinnen, beraten Frauen telefonisch, per E-Mail und vor allem auch persönlich. Ihnen stehen drei Mitarbeiterinnen in der Administration zur Seite.

(c) Jolanthe Pantak

(c) Jolanthe Pantak

Im akuten Fall einer Vergewaltigung gilt es zunächst die Frau zu beruhigen und über mögliche weitere Schritte zu beraten. Sie wird dazu ermutigt, zur Versorgung und Spurensicherung ein Spital aufzusuchen. Sofern sie sich entscheidet, Anzeige bei der Polizei zu erstatten, wird sie dahingehend beraten und unterstützt. Ein wichtiger Teil der Arbeit ist es, Frauen auf deren Wunsch ins Spital und zur Polizei zu begleiten. Wendet sich eine Frau zuerst an die Polizei, erhält sie auch dort Informationen über Beratungsstellen, wie den 24-Stunden-Frauennotruf. Neben der sozialarbeiterischen, juristischen und psychologischen Beratung organisiert der Frauennotruf kostenlose juristische Hilfe und übernimmt die psychsoziale Prozessbegleitung, wenn es im Anschluss an eine Anzeige zu einer Gerichtsverhandlung kommt. Durchschnittlich werden pro Jahr 8500 Beratungen durchgeführt, davon 950 persönlich und etwa 150 per Email. Essenziell für eine umfassende Betreuung sei eine aktive Vernetzung aller Opferschutzorganisationen untereinander, erklärt Sommer. So können Fälle, die nicht zum Zuständigkeitsbereich des Frauennotrufs gehören, wie etwa Mobbing am Arbeitsplatz, rasch und unkompliziert an andere Stellen weitergeleitet werden. Dazu gehört beispielsweise auch die Frauenberatungsstelle „Orientexpress“, die unter anderem muttersprachliche Beratung auf Arabisch und Türkisch anbietet.

Alle möglichen Gewaltformen in all ihrer Grausamkeit
Auf die Frage, ob sie einen konkreten, schwerwiegenden Fall nennen kann, erwidert Sommer lächelnd, aber kopfschüttelnd mit einem kurzen „Ach, die Medien…“. Sie weist darauf hin, dass hinter jedem Fall ein Schicksal steckt, das für die Betroffene in jedem Fall schwerwiegend und traumatisierend ist. Ihren Mitarbeiterinnen und ihr begegnet tagtäglich die gesamte Bandbreite aller möglichen Gewaltformen in all ihrer Grausamkeit.

Dazu gehören Fälle von sexualisierter Gewalt, wie Vergewaltigungen, die etwa ein Drittel ausmachen. Vermehrt werden auch Übergriffe, die im Zusammenhang mit K.O.-Tropfen stehen, beim Frauennotruf gemeldet. Darüber hinaus werden Frauen betreut, die häusliche Gewalt sowie Stalking und andere Formen psychischer Gewalt erleben, wobei körperliche und sexualisierte Beziehungsgewalt so gut wie immer in Kombination mit psychischer Gewalt auftritt. Psychische Gewalt ist jedoch schwer zu ahnden beziehungsweise zu bestrafen, weil sie, abgesehen von Stalking und gefährlicher Drohung, nicht in einen Strafbestand gegossen ist. Dadurch fehle die abschreckende, präventive Wirkung auf potenzielle Täter, befürchtet Sommer. Dabei sei psychische Gewalt keinesfalls so diffus, wie vielleicht angenommen wird. Geprägt von Unterdrückung, systematischer Demütigung und dem permanenten Abwerten des Opfers, sei sie als eine gezielte, kontinuierliche Verhaltensweise zu begreifen, die eine andere Person isoliert, einschränkt und zerstört. Von finanzieller Abhängigkeit über Psychoterror bis hin zum systematischen Schlafentzug, wurden schon alle erdenklichen Ausprägungen psychischer Gewalt bei der Beratungsstelle gemeldet.

Kein Beruf wie jeder andere
Die Beraterinnen pflegen einen höchst professionellen Umgang mit der Thematik, nehmen regelmäßig an Fortbildungen teil und nutzen alle auch ein Angebot von Supervision. In wöchentlichen Teamsitzungen werden aktuelle Fälle besprochen, in intervisorischen Gesprächen stützen sich die Beraterinnen gegenseitig. Obwohl sie bei ihrer täglichen Arbeit sehr gefordert werden, gab es laut Sommer seit der Gründung des Frauennotrufs im Jahr 1996 keine Kündigungen wegen Überforderung.

(c) Jolanthe Pantak

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Aber ist es nicht unheimlich frustrierend, wenn sich etwa eine Frau hilfesuchend an den Notruf wendet, aber dann davon absieht Anzeige gegen den Täter zu erstatten oder womöglich sogar in die Gewaltbeziehung zurückkehrt? „Ganz klar, nein. Wir entscheiden nicht für die Frau. Ihre Selbstbestimmung ist das Wichtigste, deshalb versuchen wir, sie durch umfassende Informationen zu stärken, um eigene Entscheidungen treffen zu können. Es ist so, dass Frauen statistisch gesehen bis zu sieben Anläufe brauchen, um eine Gewaltbeziehung zu verlassen.“

„Genderwahn“ und der „Quatsch“ mit Gleichstellung
Am Ende des Gesprächs gibt Sommer noch einen nachdenklich stimmenden Rat mit auf den Weg. Was der Gesellschaft fehle, sei eine klare Haltung. Die Gleichstellung aller Mitglieder einer Gesellschaft sei von großer Bedeutung, damit Gewalttäter nicht das Gefühl haben, ihr Handeln beruhe nur im Entferntesten auf einem gesellschaftlichen Konsens. Wer das Thema Gleichstellung herunterspielt oder vielleicht sogar belächelt, spiele den Tätern in die Hand. Mit einer klaren Haltung gegen Gewalt und für Gleichstellung könne ihnen die Grundlage für ihr Handeln entzogen werden.

Deshalb sei es wichtig, auch nur bei dem kleinsten Verdacht genau hinzuschauen und sich zu fragen: „Was kann ich tun?“. Auch als Zeuge von Gewalt sollte man, so Sommer, den Mut aufbringen, zu handeln. Und sei es nur, dass man der Nachbarin mit dem blauen Augen anbietet, jederzeit vorbeikommen zu können. Ein Großteil der Betroffenen wünsche sich sogar, angesprochen zu werden. Laut Sommer sind es sogar 82 Prozent der Frauen, die sich vor allem von ihrem behandelnden Arzt wünschen, dass er sie im Verdachtsfall anspricht, proaktiv fragt, Informationen und Hilfe anbietet. Deshalb rät sie auch den Freunden und Angehörigen der Betroffenen, sich an den Frauennotruf zu wenden. Es brauche in den meisten Fällen eine professionelle Beratung, um gezielt helfen zu können.

(c) Jolanthe Pantak

(c) Jolanthe Pantak

Der Frauennotruf hat bei vielen Veranstaltungen wie dem Donauinselfest oder beim Fest der neuen WienerInnen einen eigenen Informationsstand, wo Broschüren und Alarmpfeifen verteilt werden. Zudem werden auf Einladung Workshops für Frauen und Mädchen veranstaltet sowie Vorträge für Krankenhauspersonal, in den Bezirken und auf der Uni gehalten. Dort werden unter anderem Ratschläge für die Früherkennung und den richtigen Umgang mit Gewaltopfern gegeben.

Im Rahmen der „fem vital 2014 – Wiener Mädchen- und Frauengesundheitstage“ werden die nächsten Workshops abgehalten. Hier sollen Mädchen darüber aufgeklärt werden, welche Formen der Gewalt es gibt, was Grenzüberschreitungen sind, wo sie Hilfe finden und auch Übungen zur Selbstverteidigung gezeigt werden.

Der 24-Stunden-Frauennotruf der Stadt Wien ist täglich von 0 bis 24 Uhr unter der Telefonnummer 01 71719 erreichbar.

Titelbild: (c) Jolanthe Pantak

Jolanthe Pantak ist als Redakteurin für mokant.at sowie als Chef-Kritikerin beim Theaterportal theatania.at tätig. Kontakt: jolanthe.pantak[at]mokant.at

3 Comments

  1. erw75@gmx.at'

    erw45

    5. August 2014 at 21:01

    „Wer das Thema Gleichstellung herunterspielt oder vielleicht sogar belächelt, spiele den Tätern in die Hand.“ – Na klar… Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass jeder der kein Feminist ist, mit einem Vergewaltiger gleichzusetzen ist!

  2. a0944623@unet.univie.ac.at'

    chris

    6. August 2014 at 12:15

    Wenn Sie den Artikel genau gelesen hätten, würden Sie sehen, dass kein Menschen Nicht-Feministen mit Vergewaltigern gleichsetzt! Es geht hier auch nicht um feminismus, es geht um gleichstellung, es geht um respekt, den männer und frauen voreinander und untereinander haben sollten. man sollte einander als gleichwertig wahrnehmen und ansehen. wenn es diese gleichwertigkeit nicht gibt und frauen nur als sexobjekte gesehen werden, spielt das natürlich den tätern in die hand.

  3. -@egal.com'

    erw45

    6. August 2014 at 16:56

    Sollte man, ja. Nur sollten Sie auch so genau lesen, dass Ihnen auch die Überschriften nicht vorenthalten bleiben. Versuchen Sie es nochmal, dann erkennen Sie vielleicht auch den Feminismus-Zusammhang, auf den ich angespielt habe.

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