Studium: eine Selbstverständlichkeit?

In den letzten Jahrzehnten hat sich unter Maturantinnen und Maturanten eine starke Tendenz zum Studieren gebildet – die Gründe dafür sind verschieden. Einige „wissen nicht, was sie sonst machen sollen“, andere wollen sich weiterbilden, wieder andere studieren rein aus Interesse. Das Studium scheint sich zu einem Trend entwickelt zu haben.

Man hat nach (mindestens) zwölf Jahren Mühe und Arbeit endlich die Schule abgeschlossen. Die Matura ist vorbei, die Zukunft steht bevor. Man ist jung, dynamisch und steht mitten im Leben – doch für welchen Weg soll man sich entscheiden? Viele wissen im jungen Alter noch gar nicht genau, was sie sich wünschen. Welchen Berufsweg sie einschlagen wollen. Ob sie Arzt, Elektrotechniker oder vielleicht Wirtschaftsberater werden möchten. Es liegt daher nahe, den für viele (vor allem städtische) AHS-Abgänger „klassischen“ Weg des Studiums zu wählen – „weil das ja jeder macht“. Bei der Vielzahl an Möglichkeiten ist die Entscheidung auch keine einfache – soll man studieren, direkt arbeiten gehen oder doch eine Lehre beginnen?

Entscheidungshilfe
Für Unentschlossene gibt es einerseits die Möglichkeit, alle Optionen blind durchzuprobieren – oder aber auch die Möglichkeit, sich an eine Beratungsstelle zu wenden. Beispielsweise kann man sich bei den BIZ (BerufsInfoZentren) vom Arbeitsmarktservice Hilfe und Beratung im Entscheidungsprozess holen. Bei einem persönlichen Gespräch wird zuerst ein Interessenstest gemacht und anschließend die verschiedenen Optionen der Ausbildung oder auch des Berufseinstiegs näher erläutert. „Es kommt sehr darauf an, ob die Person mehr der praktische Typ ist oder der theoretische. Das ist dann ganz individuell, was bei der Beratung von den Auskünften und Informationen der Person rauskommt“, erklärt Susanne Rabenstein, eine Beraterin vom BIZ Mariahilf. Weiters hat sie den Eindruck, dass sich junge Schülerinnen und Schüler schon sehr früh vornehmen, studieren zu gehen. Ein Grund dafür könnte im eher schlechteren Ruf der Lehre liegen – die Vorurteile gegenüber einer Lehre spielen also bei der Tendenz zum Studium ebenfalls eine Rolle. Vor allem in den Aufstiegschancen und Verdienstmöglichkeiten wird die Lehre meist schlechter dargestellt: „Ich glaube, dass es allgemein immer noch so ist, dass die Lehre in der Öffentlichkeit einen nicht so guten Ruf hat. Zum Teil wirklich zu Unrecht, muss man auch sagen – wenn man so schaut, ist es nach bestimmten Studienrichtungen sicher weitaus schwieriger am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, oder auch jemals wirklich einen guten Stand zu bekommen, als in vielen Lehrberufen“, meint Frau Rabenstein.

Lehre als Basis für den weiteren Weg
Der Aspekt der Jobchancen war bei Constantin Grün unter anderem ein erheblicher Faktor bei seiner Entscheidung. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Matura hat er sich zunächst über alle Ausbildungswege informiert und dann erst entschieden, was er machen möchte: „Ich habe lang überlegt, was ich studieren soll, bzw. war ich mir eigentlich schon relativ sicher was ich studieren wollte. Ich habe mich dann aber umentschieden, weil mir die Lehre einfach sympathischer war. Ich habe mich aber auch genau informiert, ich habe beides quasi auf gleiche Ebene gestellt.“ Die Lehre ist für ihn eine Basis für alles weitere, was er in seinem Leben noch machen möchte – Studium nicht ausgeschlossen. Für ihn haben vor allem die praxisnahe Ausbildung der Lehre sowie die Jobsicherheit bei seiner Wahl eine wichtige Rolle gespielt. Dass er die Matura hat, hat bei seiner Ausbildung zwei große Vorteile: einerseits wird ihm ein Jahr angerechnet – seine Lehre dauert somit nur 2 anstatt 3 Jahre. Andererseits verdienen Lehrlinge mit einer Matura durch eine Förderung vom AMS mehr, wodurch er sich sein Leben selbst sehr gut finanzieren kann. Seine Umgebung hat generell auf seine Entscheidung zur Lehre unterschiedlich reagiert – manche fanden es sehr originell und interessant, andere haben ihn eher komisch angeschaut. In seinem engeren Freundeskreis wurde sein Entschluss aber sehr positiv aufgenommen und auch bewundert, vor allem, weil er für seine Ausbildung aus Wien weggezogen ist.

„Studium ist zum Idealbild geworden“
Dass viele junge Maturanten gleich studieren gehen, liege seiner Meinung nach daran, dass das Studium zu einem gewissen Idealbild geworden sei. „Man geht studieren und es werden sich eigentlich kaum noch Gedanken darüber gemacht, was man wirklich danach machen will. Man beginnt einfach zu studieren und überlegt nachher erst – was für mich relativ außer Frage stand, weil mir immer wichtig war, dass ich genau weiß was ich machen will und nichts Halbes mache“, meint Constantin. Für seine Lehre als Tischler ist er aufs Land gezogen, da es ihm eine Tischlerei dort besonders angetan hat. Ihm ist aufgefallen, dass die jungen Leute am Land eine ganz andere Einstellung zum Studium haben als junge Leute in Wien: „Am Land ist es einfach noch so, dass sehr viele Leute eine Lehre machen – wahrscheinlich auch, weil die Erreichbarkeit von den Universitäten nicht so da ist, bzw. weil die Leute einfach denken, die Möglichkeit schneller zu arbeiten ermöglicht ihnen Unabhängigkeit. Wenn du hier fragst, ob sie studieren gehen, verdrehen sie die Augen – das ist genau das umgekehrte von dem, was in Wien passiert.“ Die Tendenz zum Studieren in Österreich sei also anscheinend kein allgemeines, sondern vor allem ein städtisches Phänomen.

Interesse an Berufsausbildungen wächst
Eine Beraterin der SAB-Ausbildungsberatung, Alexandra Hörmann, vertritt eine ähnliche Meinung in Hinsicht auf den „Studientrend“. Es sei die traditionell übliche Option nach dem AHS-Abschluss – an eine Lehre denke man meistens eher nach dem Pflichtschulabschluss oder nach dem Abschluss einer polytechnischen Schule, selten hingegen nach der Matura. Gerade wenn man vom Gymnasium kommt, tendiert man dazu, eine weitere Ausbildung anzugehen. „Das ist eher der klassische Weg. Ich glaube aber, dass die Lehre wieder interessanter und somit aufgewertet wird. Der Lehrbetrieb bietet ja tolle Möglichkeiten für Maturantinnen und Maturanten, daher ist das Interesse als steigend zu vermerken“, meint Frau Hörmann. In ihrer Beratungsstelle wird versucht, durch einen Begabungs- und Interessenstest verschiedene Fertigkeiten zu erfassen sowie eine passende Ausbildungsmöglichkeit zu finden. In weiterer Folge wird im Beratungsgespräch der Typ der Person genauer erforscht – ist diese Person eher theorie- oder praxisorientiert, ist sie motiviert noch ein paar Jahre zu lernen oder wäre ein direkter Arbeitseinstieg besser geeignet. „Es kommt alles vor – was uns aber schon auffällt, ist, dass vor einigen Jahren die Tendenz immer ganz stark in Richtung Studium und Universitätsausbildung oder Fachhochschulausbildung war. Jetzt merken wir aber einfach, dass auch wirklich das Interesse an praxisnahen Ausbildungen oder Berufsausbildungen steigt“, erklärt die Beraterin. Dennoch ist es so, dass das Studium nach wie vor die erste Wahl für viele Maturanten ist.

Wissensdurst
Auch für den angehenden Biomedical Engineering-Studenten Thomas Kraner war das Studium der bevorzugte Ausbildungsweg, vor allem, weil er sein Wissen erweitern möchte. „Ich habe noch Lust zu lernen, ich möchte noch einen größeren Wissenszuwachs haben – die Schule bietet ja nur sehr grundlegendes Wissen. Auf der Uni kann man noch viel mehr machen und sich auch in eine Richtung spezialisieren“, erklärt er. Die freie Einteilung und die Flexibilität auf der Universität waren ebenfalls ausschlaggebende Faktoren für den soon-to-be Studenten. Nach dem Zivildienst habe er kurz mit dem Gedanken gespielt, direkt in den Berufsalltag einzusteigen, dann aber letztendlich doch seine Meinung geändert: „Das war schon auch interessant, man hat die Ausbildung zum Rettungssanitäter in ein bisschen mehr als 2 Monaten und kann dann schon arbeiten. Es war definitiv eine tolle Erfahrung, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich für Berufe dieser Art für längere Zeit geeignet bin, oder lieber einen Job habe, wo ich größtenteils mit dem Kopf arbeite“, meint Thomas. Die Tendenz zum Studieren der jungen Leute ist seiner Meinung nach vor allem ein Spezifikum Österreichs, da man hier keine Studiengebühren zahlen müsse. Das sei aber eben auch das praktische, da man es ausprobieren könne – sollte es nicht passen, könne man einfach aufhören und etwas anderes beginnen. Das sei nicht unbedingt etwas Schlechtes, meint er, solange man sich nicht selbst zu etwas zwingen würde.

 Titelbild: (c) flickr.com/pamhule

Kiana Fathi ist als Redakteurin für mokant.at tätig und studiert Publizistik an der Universität Wien. Kontakt: kiana.fathi@mokant.at

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