KopfhörerInnen: Shabazz Palaces – Lese Majesty

Shabazz Palaces – Lese Majesty
(VÖ: 29.7.2014 | Sub Pop)

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Cover: (c) Sub Pop

Zaghaft setzen die ersten Töne aus dem Synthesizer ein. Bald trägt ein fragiler Beat die Komposition vorwärts, bis sich monotoner, leicht verzerrter Sprechgesang darüberlegt. Von Beginn an weben flächendeckende Synthieklänge, vertrackte Beats und kryptische Vocals einen dichten Teppich, der sich über den Ohren der Hörer ausbreitet. Dabei scheint es so, als wollten Shabazz Palaces mit ihrem Opener Dawn in Luxor geradezu behutsam auf das vorbereiten, was noch kommt.

Gleich der zweite Track, Forerunner Foray, präsentiert sich als eines der eingängigsten Stücke des gesamten Albums. Spätestens ab hier wird es aber von Minute zu Minute surrealer. In nicht weniger als 18 Tracks bauen die Künstler auf Lese Majesty mit ihren Arrangements unwirkliche Klangwelten, nur um sie im nächsten Moment wieder einzureißen und von vorne zu beginnen. In einer kompromisslosen Progressivität kreieren sie dabei hypnotisierende, teils verstörende Soundlandschaften, die sich vor dem inneren Auge entfalten. Bei Stücken wie New Black Wave wird klar: das ist Musik, die live performed werden will, um mit Visuals und Lichtinstallationen zu verschmelzen und so ihre volle Wirkung zu entfalten.

Stilistisch oszilliert Lese Majesty irgendwo zwischen experimentellem Hip Hop und avantgardistischem Electronic. Von musikalischen Korsetts und klassischen Songstrukturen weitestgehend befreit, wälzt sich das Werk in einer sehr eigenen Dynamik vorwärts. So passiert es, dass dem Hörer bereits der nächste Baustein des Albums gegen das Trommelfell drückt, noch bevor er das gerade Gehörte überhaupt einzuordnen vermochte. Diese Musik biedert sich nicht an, hier ist nichts süß. Das ist Musik, die den Hörer fordert, die Ansprüche an ihn stellt und ihm bisweilen auch einiges abverlangt. Will man einen Zugang finden, so muss man ihn sich erarbeiten, geschenkt wird einem hier nichts. Entweder, man ist mit voller Aufmerksamkeit dabei, oder gar nicht. Easy Listening ist jedenfalls anders.

So abstrakt wie die Musik selbst, gestalten sich auch die Lyrics. All die überstrapazierten Hip Hop Klischees bleiben ausgespart, Bitches und Bentleys sucht der Skeptiker hier vergebens. Stattdessen huldigen Shabazz Palaces in dadaistischer Manier der Absurdität ihres eigenen Daseins. So heißt es etwa in Eating Cake: „Lost inside a whirlwind/Eating cake/Sending kids of girlfriends/Eating cake/When I lay back in my bed cool/Eating cake/She set my mood, I push back the ropes/Eating cake”.

Shabazz Palaces, das sind die beiden Künstler Ishmael Butler und Tendai Maraire. Mit Lese Majesty veröffentlichen sie am 29. Juli ihr zweites Studioalbum unter dem Label Sub Pop. Diese Tatsache ist beinahe so ungewöhnlich wie der Sound der Band selbst. Bei Sub Pop handelt es sich nämlich um jenes Label aus Seattle, das dadurch bekannt wurde, spätere Giganten wie Nirvana oder Soundgarden als erstes gesigned zu haben. Nach wie vor stehen fast ausschließlich Rockbands unter Vertrag – und Shabazz Palaces. Das Duo macht also Hip Hop in einer Stadt, in der es kaum eine Hip Hop Szene gibt, bei einem Label, das kaum Hip Hop Künstler gesigned hat. Vielleicht nehmen sie gerade daher einen Teil der künstlerischen Freiheit, die ihren Sound so speziell macht.

Mit Lese Majesty ist Shabazz Palaces ein Stück ausgefallener Experimentalmusik gelungen, das sich möglicherweise auch manch hartgesottenem Fan des Hip Hop nicht auf Anhieb erschließt. Damit beweisen sie nicht nur ihre Fähigkeit, Genregrenzen zu sprengen, sondern auch den Mut, stellenweise zu missfallen. Genau diesen braucht es auch, um neue musikalische Wege einzuschlagen und Genres weiterzuentwickeln. Mit Lese Majesty leisten Shabazz Palaces ihren innovativen Beitrag dazu.

Philipp Bauer ist als Redakteur für mokant.at tätg. Kontakt: philipp.bauer[at]mokant.at

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