Maximo Park: „Muss nicht den Verrückten spielen“

(c) Christoph Schöch

Mit Apply Some Pressure haben Maximo Park bereits 2005 einen Indie-Welthit geschaffen. Mittlerweile sind die fünf Gentlemen aus Newcastle mit ihrem fünften Album Too Much Information auf Europa-Tour. mokant.at hat den charismatischen Frontmann Paul Smith im Rahmen des Poolbar-Festivals  in Feldkirch getroffen und mit ihm über seine verrückte Bühnen-Persönlichkeit, uncoole Schallplatten und krawatten-stehlende Fans gesprochen.

Paul Smith rennt von einem Ende der Bühne zum anderen, gestikuliert leidenschaftlich, schwingt seine Hüften und verzieht sein Gesicht in gewohnt inbrünstiger Manier. Zwischen den Liedern stellt er seinen durchaus beachtlichen deutschen Wortschatz zur Schau und lobt das begeisterte Publikum der Feldkircher Poolbar-Halle für die ausgelassene Stimmung. Zwei Stunden zuvor sitzt das Aushängeschild von Maximo Park im Tourbus und hat sich bereits herausgeputzt: Der Dandy-Hut sitzt und pinke Socken blitzen unter der schrulligen Anzughose hervor. Sein ausuferndes Bühnen-Ich hat er allerdings noch nicht übergestreift. Stattdessen sitzen wir einem sympathisch-zurückhaltenden Mitdreißiger gegenüber, der jedes seiner Wörter mit Bedacht wählt und Fragen mal nachdenklich, mal verschmitzt und immer auf höflich-britische Art und Weise beantwortet. (Das Original-Interview auf Englisch findest du hier)

(c) Christoph Schöch

(c) Christoph Schöch

mokant.at: Ich habe in einem Interview gelesen, dass du in jedem Ort, in dem du bist, Plattenläden suchst. Hattest du die Gelegenheit, das hier zu machen?
Paul Smith: Ja, wir waren heute in einem Laden, der viele neue Platten hatte. Wir kaufen normalerweise nicht viele von denen in Europa, weil es teurer ist. Wir mögen Second-Hand-Sachen am liebsten.

mokant.at: Also habt ihr keine gekauft?
Paul Smith: Nicht heute, nein.

mokant.at: Kennst du irgendwelche österreichischen Bands oder Musiker?
Paul Smith: Naja… nicht wirklich. Wir sind da ziemlich ignorant (lacht). Es ist schwierig, vor allem wegen der Sprachbarriere. Man hört vieles nicht im Radio in England. Ich meine, manchmal gibt’s mal was anderes, aber nicht so viel aus Österreich. Kannst du eine Band empfehlen?

mokant.at: Wenn du etwas auf Deutsch hören magst, könntest du dir zum Beispiel Bilderbuch anhören. Die werden gerade ziemlich bekannt hier.
Paul Smith: Okay, werde ich machen.

(c) Christoph Schöch

(c) Christoph Schöch

mokant.at: Was hast du heute sonst schon alles gemacht?
Paul Smith: Naja, gestern Abend haben wir uns Scarface mit Al Pacino im Tourbus angesehen, also sind wir ziemlich spät ins Bett gekommen. Ich bin so gegen 10 oder 10:30 Uhr aufgewacht und habe einen Spaziergang zu den Brücken gemacht. Ich habe auch darüber getwittert. Dann kam ich zurück, habe etwas gegessen und die Felswände hinter mir gezeichnet. Ich habe eine Menge Fotos gemacht und bin durch die Altstadt gelaufen. Ich war außerdem mit Paul (Tour-Bassist, Anm.) bei der „Schattenburg“. Wir haben dort die Aussicht bewundert. Wir haben Glück, dass wir Zeit dafür hatten, da es ein wunderschöner Ort ist. Die Landschaft hat uns alle umgehauen.
Wir haben außerdem viel Soundcheck gemacht. Länger als normal, da wir beim Acoustic Lakeside Festival spielen werden und mit akustischen Klängen geübt haben: Lucas spielt Klavier anstatt an seinen ganzen Synthesizern.

mokant.at: Ich habe Videos auf Youtube gesehen, wo ihr akustische Lieder gespielt habt, aber es waren nur drei von euch dabei. Dort hast du euch nicht als „Maximo Park“, sondern als „Drei Fünftel von Maximo Park“ vorgestellt. Das hat so gewirkt, als ob ihr euch ohne die anderen zwei Mitglieder nicht als komplette Band fühlt. Ist dieser Zusammenhalt wichtig für euch?

(c) Christoph Schöch

(c) Christoph Schöch

Paul Smith: Absolut. Wir sind eine sehr demokratische Band und alle Entscheidungsträger. Hat jemand eine Idee für einen Song, wird es erst durch die anderen und durch meine Texte verbunden, so klingt jedes Lied wie „die Band“. Wir sind alle sehr involviert, was sehr wichtig für den Sound der Band ist. Der Song ist das Größte, größer als wir alle. Es fühlt sich an wie ein kollektives Stück Arbeit. Auf der Bühne bin ich vielleicht der Anführer, weil ich der Sänger bin, aber sonst kann jeder von uns zu verschiedenen Zeiten die Führung übernehmen. Daraus ergibt sich eine interessante Dynamik.

mokant.at: Auf der Bühne bist du bekanntlich sehr energiegeladen und ein bisschen verrückt.

Paul Smith: (lacht) Ja.
mokant.at: Aber im Moment wirkst du nicht wie eine besonders egozentrische Person. Wie funktioniert das?
Paul Smith: Ich denke, jedes Lied verdient Aufmerksamkeit. Also werde ich tun, was ich kann, um es die Leute hören zu lassen. Wenn man auf der Bühne steht, ist es nicht „real“. Normalerweise würde niemand einfach auf eine große Bühne gehen und vor Leuten herum tanzen. Ich weiß auch nicht wirklich, was ich tun werde, bis ich das Lied höre und dann macht alles Sinn. Ich versuche dann, etwas Spontanes zu denken, so wie: „Wie fühle ich mich dabei – zum Beispiel, wenn diese eine Person nicht aufpasst?“, und dann werde ich wütend. Oder wenn es ein trauriges und melancholisches Lied ist wie Going Missing, aber alle singen mit und die Energie ist da, dann macht mich das glücklich. Und das ist gut so – als Performer sollte man dem nachgeben und nicht so tun, als ob das Publikum nicht da wäre. Aber privat mag ich nicht so ein extrovertierter Mensch sein. Vielleicht war ich bevor es die Band gab öfter wütend oder emotional, während ich mich jetzt jeden Abend ausleben kann. Die verschiedenen Emotionen, die ich habe, kommen auf der Bühne zum Vorschein.

(c) Christoph Schöch

(c) Christoph Schöch

mokant.at: Also ist es irgendwie natürlich für dich – du denkst dir nicht: „Jetzt werde ich mich so verhalten“?
Paul Smith: Nicht wirklich. Wenn ich mein Bühnenkostüm anhabe, kann ich in der passenden geistigen Verfassung sein. Unsere Lieder sind sehr energiegeladen. Nach fünf Alben gibt es mehrere Stimmungen, die ich ausdrücken kann und ich denke, die Show ist facettenreicher geworden. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich den Verrückten „spielen“ oder super-energisch sein muss. Die Songs sagen mir, was zu tun ist.

mokant.at: Wie fühlst du dich, wenn du ältere Lieder wie Apply Some Pressure hörst – bist du stolz oder würdest du etwas ändern wollen?
Paul Smith: Ich denke, wenn da irgendwas wäre, das wir ändern wollen, würden wir das wahrscheinlich auf der Bühne machen. Aber ich muss sagen, ich bin ziemlich stolz auf jeden einzelnen der Songs. Ich habe mein Bestes gegeben, als wir sie geschrieben und aufgenommen haben. Jede Platte sollte ein Dokument einer Zeit sein. Wenn ich die alten Stücke singe, versuche ich darüber nachzudenken, worum es geht und was die Worte für mich bedeuten. Ich habe versucht, alle Songs mit starken Worten auszustatten, damit sie wenn ich sie singen muss eine Stärke haben, die sowohl überlegt als auch instinktiv ist. Also bin ich sehr glücklich mit den meisten Liedern, ich mag sie sehr. Und sogar, wenn ich mir denke „diese Textzeile ist ein bisschen unreif (lacht)“, macht es Spaß, über diese Zeit nachzudenken. So sind die älteren Lieder immer noch ein Teil von mir; ein Teil der Art und Weise, wie ich mich ausdrücken will.

mokant.at: Außerdem würden die Fans Änderungen wahrscheinlich nicht gut finden.
Paul Smith: Ja, genau. Es sind Popsongs und keine experimentellen, improvisierten Songs. Sie wurden geschrieben, um aufgeführt zu werden. Man kann ein bisschen mit ihnen experimentieren, aber der Kern des Liedes sollte gleich bleiben.

(c) Christoph Schöch

(c) Christoph Schöch

mokant.at: Gibt es ein Stück, auf das du dich am meisten freust heute Abend?
Paul Smith: Naja, heute spielen wir Reluctant Love vom letzten Album, das wir schon sehr, sehr lange nicht mehr gespielt haben.
mokant.at: Warum nicht?
Paul Smith: Ich weiß nicht, es ist einfach aus dem Set gefallen. Auf dem letzten Album war er einer der wenigen softeren Momente und es hätte vielleicht nicht so dazu gepasst. Aber wir haben uns gedacht, es wird Zeit, das Set mal wieder zu ändern und jetzt haben wir es wieder dabei. So bleiben wir selbst auch interessiert am Set und jetzt freue ich mich darauf, Reluctant Love zu spielen. Wenn wir es ständig gespielt hätten, hätte ich es vielleicht satt. Die Sache ist, du kannst manche der berühmteren Lieder jeden Abend spielen und großartige Reaktionen aus der Menge erhalten. Aber wenn dann etwas wie Reluctant Love kommt, denkt man sich: „Oh, es ist ja so ruhig geworden“, und dann braucht es ein schnelleres Stück. Auch Write This Down haben wir schon lange nicht mehr gespielt…
mokant.at: Die Entscheidung ist sicher nicht leicht, weil ihr schon so viele habt.
Paul Smith: Das stimmt, es ist so schwierig, wir haben eine Menge Songs mittlerweile!

mokant.at: Gibt es ein Lied, das ihr aus irgend einem Grund nicht mehr spielen wollt?
Paul Smith: Wir spielen eines namens Sandblasted And Set Free nicht oft. I denke, wir waren uns damals alle nicht ganz sicher mit dem Endergebnis. Aber ich finde trotzdem, dass es stückweise brilliant ist. Sehr aufregendes Gitarrenspiel von Duncan. Und wir haben nicht oft die Gelegenheit, unsere B-Sides zu spielen, weil die fast niemand kennt. Das ist schade, denn ich denke manche von ihnen sind einige unserer besten Songs.

(c) Christoph Schöch

(c) Christoph Schöch

mokant.at: Wenn du Too Much Information mit eurem ersten Album (A Certain Trigger) vergleichst, was ist der größte Unterschied für dich?
Paul Smith: Instinktiv wäre meine erste Antwort meine Stimme. Klingt für mich nicht gleich. Es fühlt sich so an, als ob ich beim ersten Album nicht sehr gut singen konnte. Das ist nur meine persönliche Meinung… wenn ich manche Sachen höre, denke ich: „Uh, dieses erste Album…“. Weißt du, ich finde es ist eine gute Platte aber ich denke, ich könnte das jetzt so viel besser singen! (lacht)

mokant.at: Aber das kannst du, auf der Bühne!
Paul Smith: Genau, das kann ich auf der Bühne machen. Ich denke auch, dass das erste Album einen einheitlicheren Sound hatte, während das neue Album absichtlich „all over the place“ ist. Das ist einer der Gründe, warum es Too Much Information heißt, es beinhaltet alle möglichen Genres. Midnight On The Hill klingt für mich irgendwie wie ein Tom Petty song, Her Name Was Audre wie ein Minute Man song und Brain Cells wie ein schräger Aphex Twin song mit mir als Sänger (lacht). Wir haben außerdem mehr Balladen auf den neueren Alben, wie The Undercurrents. Wir haben uns auf unserem Weg weiter entwickelt und verschiedene Dinge ausprobiert.

mokant.at: Merkt man bei Auftritten eigentlich einen Unterschied zwischen dem Publikum verschiedener Länder?
Paul Smith: Nicht wirklich. Ich denke, wenn man irgendwo in Japan ist, merkt man, dass die Menge anders ist. Sie spielen zwischen den Songs verrückt aber in der restlichen Zeit sind sie sehr respektvoll – während die Leute in England inmitten der Songs herum schreien oder miteinander reden. Das ist eine unterschiedliche kulturelle Erfahrung. Aber die meisten europäischen Länder sind sich ähnlich.

(c) Christoph Schöch

(c) Christoph Schöch

mokant.at: Wie seid ihr auf die Idee für das Video zu Hips And Lips gekommen? Ich hoffe, es ist nicht autobiografisch (Im Video wird Smith von einem verrückten Fan gefangen gehalten, Anm.).
Paul Smith: Wir dachten einfach, es ist lustig. Aber das Thema hat auch etwas Bedrohliches an sich, etwas ziemlich Düsteres.

mokant.at: Hattest du schon seltsame Momente mit Fans?
Paul Smith: Ja, ich erinnere mich, dass ich in London vor einer unserer Shows vor einem Bankomaten stand und eine Frau hat über meine Schulter geschaut und gesagt: „Hallo, Paul!“ Und ich habe gerade meine PIN-Nummer eingetippt und hab mir gedacht: „Das ist nicht cool, das ist nicht angemessen“ (lacht). Und einmal hat mir jemand meine Krawatte von der Bühne geklaut. Sie wurde dann wieder zurückgegeben, aber das ist schon ein ziemlich extremes Verhalten. Leute reden mit dir, als ob sie dich kennen und das fühlt sich für mich immer noch seltsam an.

mokant.at: Trotz dieser Momente: Magst du es lieber, aufzutreten oder Songs aufzunehmen?
Paul Smith: auf der Bühne zu sein ist aufregend und irgendwie eine unmittelbare Befriedigung. Leute kommen und zahlen ihr Geld und du gibst ihnen ein bisschen von dir selbst, ein kleines Stück jeden Abend. Ich denke ich gebe mein Bestes dafür, dass die Leute unsere Lieder hören – während man sich wenn man zuhause ist denkt: Kann eigentlich irgendjemand diese Lieder hören?
Gleichzeitig ist man auf Tour aber weit weg von zuhause und es ist auch eine große Anstrengung für mich. Ich gebe jeden Abend alles was ich kann, das war schon immer so. Nach zehn Jahren muss man in der richtigen geistigen Verfassung sein, um das tun zu können. Dagegen ist es die Studioarbeit kreativer. Du kannst herum tüfteln und die verschiedenen Klänge jedes Instruments ausprobieren. Wenn ich dir eine Antwort geben müsste würde ich sagen, ich bin gerne im Studio, mache die Songs fertig und kann schlussendlich sagen: Es ist fertig.

(c) Christoph Schöch

(c) Christoph Schöch

mokant.at: Ich habe gelesen, zuhause hörst du die gerne Lieder in deinem Zimmer an und fängst dann an, zu singen und herum zu tanzen.
Paul Smith: Oh ja (lacht).
mokant.at: Hast du da einen „Guilty Pleasure-Song“?
Paul Smith: Oh ja, das meiste meiner Plattensammlung. Ich sehe sie aber nicht als „heimliche Vergnügen“. Letztens habe ich Fotos von meinen DJ-Taschen getwittert. Eine von ihnen hatte einen Post-Punk-Song von James Chance, der ziemlich cool ist. In der anderen war ein Album von Hall & Oates, das den Song I Can’t Go For That (No Can Do) drauf hat. Was ein sehr guter Song ist. Also habe ich ein Bild gepostet und sowas geschrieben wie „Coole DJ-Tasche“ und „Nicht ganz so coole DJ-Tasche“. Weil Hall & Oates sind ziemlich schnulzig – mit ihren 80er-Jahre-Frisuren und Schnauzbärten. Aber wenn irgendetwas Qualitätsvolles dabei ist wie eine gute Melodie, kann ich alles mögen. Ich kann zuerst Earl Sweatshirt und dann John Coltrane hören und es macht mir nichts aus. Musik ist Musik.

mokant.at: Vielen Dank für deine Zeit!
Paul Smith: Kein Problem, Danke vielmals!

Titelbild: (c) Christoph Schöch

[slideshow gallery_id=“8″]

Rebecca Steinbichler ist Redakteurin und stellvertretende Ressorleiterin (Gesellschaft) bei mokant.at. Kontakt: rebecca.steinbichler[at]mokant.at

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.