Männermodel: Traumberuf?

Österreich bricht mit den Traditionen: Ab September dürfen auf Puls 4 nun auch Männer um den Titel „Austria’s next Topmodel“ mitkämpfen. Aber ist der Beruf Male Model mehr als ein einfacher Studentenjob und Reality-TV-Magnet? Wir haben Männermodels und Experten aus der österreichischen Modebranche dazu befragt.

Foto: (c) Christian Leitner

Foto: (c) Christian Leitner

Luca, 18 Jahre alt und 1,86m groß, ist Model. Mit einer Hand fährt er sich durch sein dunkelbraun glänzendes, leicht wuscheliges Haar, in der anderen hält er seine Modelmappe. „Mit 15 hatte ich mich zum ersten Mal bei meiner Agentur beworben, aber da war ich noch zu jung“, sagt er und legt seinen Kopf in den Nacken. Zwei Jahre später hat er es erneut versucht und ist seitdem bei der renommierten österreichischen Agentur Wiener Models unter Vertrag. Die Bilder in seiner ledernen Mappe sind schwarz-weiß, sie zeigen einen Heranwachsenden, dessen Gesicht mit Sommersprossen versehen ist. Mal trägt er einen Hut, mal einen Pullover aus dem ein weißer Kragen ragt. Gemeinsam ist ihnen allen sein Schmollmund in Kombination mit seinem jungenhaften Blick.

Luca entspricht damit dem Typ Mann, der international momentan absolut gefragt ist. „Zurzeit wird nach frischen, androgynen Gesichtern gesucht“, erklärt die gebürtige Italienerin Roberta Manganelli, Gründerin und Agenturchefin von Stella Models. Keine Machos also, sondern schlaksige „Künstler“, „Freigeister“ stehen hoch im Kurs. So auch bei dem Wiener Jungdesigner Karl Michael. Für seine Unisex-Kollektion hatte er den 16-jährigen Serge engagiert. „Ich wollte jungenhafte, unfassbar schöne Gesichter“ sagt er, während er einen Zug von seiner selbstgedrehten Zigarette macht. Karl zückt sein Smartphone und deutet auf ein Foto aus seiner neuesten Kampagne. Ein junger Mann und eine junge Frau schmiegen sich aneinander. Beide haben kurze, braune Haare und die perfekten Maße fürs Modeln.

Foto: (c) Alex Sutter

Foto: (c) Alex Sutter

Einer von 300 hat das Zeug zum Modeln
Das weibliche Schönheitsideal 90-60-90 gilt für Luca, Serge und Co. keinesfalls. Aber auch sie unterliegen strengen Auswahlkriterien: Männer, die sich bei Wiener Models bewerben möchten, sollten mindestens 1.82m groß und zwischen 16 und 22 Jahre alt sein. Bei Stella Models sollte man mindestens 1.85m groß sowie zwischen 16 und 45 Jahre alt sein. Aus 300 Bewerbungen nimmt Stella Models dann gerade einmal einen Mann unter Vertrag. „Anders als bei den Frauen gibt es für männliche Mannequins kein bestimmtes Alter. Männer haben da mehr Freiheit“, so der Designer Karl Michael. Auch so etwas wie einen Magerwahn gäbe es nicht, wenngleich Male Models immer in Form bleiben sollten. Überhaupt sei das Bild von zusammenbrechenden, unterernährten Models mehr Mythos als Realität.  „In den letzten Jahren haben sich zahlreiche Gewerkschaften gebildet, die dafür sorgen, dass Models in den Agenturen gesperrt werden, wenn sie der Magersucht verfallen“, behauptet der Jungdesigner. Zunehmen solle der 18-jährige Luca, der von Natur aus sehr schlank ist, trotzdem nicht. Selbiges gilt für Patrick (*Name von der Redaktion geändert).

Patrick zählt mit seinen 1,84m zu den eher kleineren Models und ist ebenfalls bei Wiener Models unter Vertrag. Der 20-Jährige wurde ganz klassisch beim Shoppen in einer H&M-Filiale entdeckt. „Die Leute im Business leben in einer ganz eigenen Welt“, erzählt er, während er mit den Fingern über seine kantigen Kieferknochen fährt, „einmal wurde eins meiner Shootings in LA verschoben, weil der Fotograf am Vortag mit Miley Cyrus gefeiert hat“. Jobs hatte der Braunhaarige, der bereits für JOOP! und Marks&Spencer modelte, schon überall: von Los Angeles über New York bis hin zu London und Mailand. Meistens sind es zwischen null und fünf Aufträgen, die der gelernte Anlagen- und Betriebstechniker im Monat bekommt. „Es kann schon vorkommen, dass man an drei Tagen nacheinander Jobs hat und dann ein ganzes Monat lang nichts mehr“, stimmt Luca, der vor kurzem maturiert hat und wie Patrick nur nebenbei modelt, zu.

Foto: (c) Romina Schalling

Foto: (c) Romina Schalling

Bohnenstange trifft Sunnyboy
In der Vergangenheit winkten Male Models Aufträge in erster Linie zu Unterhaltungszwecken. „In den 80ern und 90ern wurden Männer bloß für Shootings gebucht, um das Set aufzuheitern“, schwelgt Roberta Manganelli in Erinnerungen. Manganelli, die 1993 die Agentur Stella Models gegründet hatte, ist auch verantwortlich dafür, dass beim Elite Model Contest, der in zahlreichen Staaten ausgetragen wird, 2010 in Österreich erstmals Burschen teilnehmen konnten. Die Situation für Male Models habe sich in den letzten Jahren auf jeden Fall verbessert. „Mittlerweile hat fast jede Marke eine eigene Männerlinie“, erzählt sie und beobachtet das gerade stattfindende Sedcard-Shooting eines merklich unerfahrenen, weiblichen Models. „Entspann dich“, sagt die gebürtige Italienerin fast beiläufig zu dem Mädchen. Mit den Mädels habe man vor allem anfangs noch mehr Geduld. Von den Burschen hingegen wird erwartet, dass sie auf Knopfdruck unkompliziert und cool sind.

Generell sind das prototypische Frauenmodel und das prototypische Männermodel sehr unterschiedlich. Sie war in der Schulzeit die unsichere Bohnenstange, er der typische Schönling, mit dem jeder in der Klasse befreundet sein wollte. Erfolgreiche Männermodels sind selbstbewusst, wie Schauspieler. „Sie wissen wie sie ihr gegenüber um den Finger wickeln“, ist der Jungdesigner Karl Michael überzeugt. Eine Aussage, die den 18-jährigen Luca zum Schmunzeln bringt. Er habe sich noch nie bei Castings verstellt – selbst wenn es gewünscht wird.

Verkehrte Welt
Die Lage für männliche Mannequins hat sich finanziell in letzter Zeit zwar verbessert. Dennoch: der weltweit bestbezahlteste Mann ist laut Forbes Sean O’Pry mit 1,5 Millionen Dollar. Sein weibliches Equivalent Gisele Bündchen hingegen verdiente 2013 42 Millionen Dollar. Selbst das weibliche Durchschnittsmodel erwirtschaftet mit rund 40 000 Dollar jährlich um etwa 150 Prozent mehr als ihre männlichen Kollegen. Warum das so ist? „Der Markt für Männer ist nicht so groß“, meint Martin Siebenbrunner, ein Wiener Fotograf. Dem schließt sich die Agenturchefin von Stella Models an: „70 Prozent des Umsatzes machen immer noch weibliche Models.“ Laut Luca könne man in Österreich vom Modeln ohnehin nicht leben. Die meisten Modelaufträge lägen unter 500 Euro. Insbesondere die Vienna Fashion Week gelte unter Models und Designern als unorganisiert und kaum gewinnversprechend. In Mailand und Paris kann ein Male Model pro gelaufener Show mit mehreren Hundert bis mehreren Tausend Euro Gage rechnen. „In Wien bekommt man gerade mal um die 40 Euro netto“, sagt Patrick und grinst. Bei Stella Models üben daher von 100 Models bloß geschätzte 15 die Tätigkeit hauptberuflich aus.

Für viele Männermodels hierzulande ist der Beruf nicht mehr als ein netter Zuverdienst. So sehen das auch Luca und Patrick, die demnächst zu studieren beginnen wollen. Der angehende Jus- und Philosophiestudent Luca bekennt: „Modeln ist cool, aber nur für eine Zeit lang.“

Titelbild: flickr.com/saracimino

katja.lehner@mokant.at'
Katja Lehner ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Sie ist Studentin der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften sowie der Rechtswissenschaften an der Universität Wien. Kontakt: katja.lehner@mokant.at

1 Comment

  1. jennifer.tillmann@hotmail.com'

    modelscout21

    31. Juli 2014 at 10:56

    Echt gut geschrieben! Super Artikel 😉

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