Und Überhaupt: (Sitz-)Platzangst

In der Kolumne UND ÜBERHAUPT schreibt sich unsere Kultur-Chefin Sabrina regelmäßig ihre Gedanken zum Leben und Leben Lassen von der Seele.

Meine Freundin B. und ich tauschen gerne mal die Rollen. Bin ich das gestresste, melodramatische Vaserl, ist sie der Ruhepol on the rocks. Wandert sie durchs Neurosental, bin ich die selbstbewusste Positivität.

Eine Rolle, die immer exklusiv bei mir bleiben wird, ist die der Sitzplatz-Paranoiden.

Irgendwie redet niemand darüber, kommt mir vor, wie stressig die Treff-/Fortgeh-Logistik ist. Wahrscheinlich weil man gerade beim Thema Abendprogramm total cool und ungestresst sein muss. Dabei ist das Zusammentreffen an sich logistisch gesehen schon mal die Vorhölle: “Wo treffen wir uns? Nein, wo genau? Wo ganz genau? Also noch in der Station drinnen oder oben beim Ausgang? ABER HINTEN ODER VORNE RAUS? IN FAHRTRICHTUNG HINTEN?!”

Uff.

Die nächste Etappe ist dann aber die tatsächliche Hölle. Sie lautet: “Ich brauch’ noch ein paar Minuten. Geh’ du schon mal vor und check‘ uns einen Platz.”

Oh Gott.

Na gut, ich geh mal vor Richtung Lokal. Was, wenn’s keinen Platz gibt? Es gibt jetzt sicher keine Plätze mehr. Verdammt. Okay, ich bin da. Draußen warten oder reingehen? Platztechnisch wärs geschickter, wenn ich schon mal reingeh, dann kann ich ja vielleicht doch besetzen, wenn was frei ist. Aber es wird nichts frei sein. Was dann? Wenn ich nur eine Runde gehe, so tue als würde ich jemanden suchen? Egal, ich geh jetzt rein. Ich schaue. Ich werde gesehen. Ich finde die Person, die ich nicht suche, nicht und drehe wieder um. Das hat jetzt wahrscheinlich verdammt blöd ausgesehen. Oder es ist niemandem aufgefallen. Ich könnte mich noch schnell wo dazusetzen. Nein. Ich geh wieder raus.

Raucher zu sein wäre in solchen Rumsteh-Situationen wahrlich hilfreich. Aber dazu müsste ich jetzt erstmal wen um eine Tschick anschnorren. Überhaupt hätt‘ ich einfach trotzdem reservieren sollen, auch wenn das sehr sehr uncool ist. Dann könnt ich jetzt (un)gemütlich an einem Tisch warten, den ersten Spritzer bestellen und wahnsinnig beschäftigt auf meinem Handy rumtippen während ich hoffe, dass B. bald auftaucht.

Plötzlich kommt eine Vierergruppe raus. Sie lachen, witzeln rum, und ziehen gut gelaunt von dannen. Eh klar, sie hatten ja schon ihren Sitzplatz. Vielleicht ist das meine Chance? Vielleicht steht jetzt ein wunderschöner Tisch leer?  Ich versuche, die Situation durch die Fenster zu erspähen. Nichts frei, wie’s auf den ersten Blick aussieht. Dabei belass’ ich es auch. Nochmal reingehen und selbst nachsehen ist keine Möglichkeit. Noch eine erfolglose Runde im Lokal mit anschließendem Rückzug kann mein Stolz nicht verkraften. Überhaupt kommt B. sicher gleich. Dann kann ich ihr mein Leid schildern und verklickern, dass mein Reservier-Vorschlag doch nicht so blöd war. Außerdem kann ich ihr die Verantwortung übertragen. Sie ist besser in sowas.

Endlich ist sie da. “Heyy, warum bist du nicht drinnen?”

“Es. ist. nichts. frei.”

“Geh geh, das sagst du immer.”

Als hätten wir hier nicht gerade eine mittelschwere Krise in progress und Abendpläne an der Kippe, drückt sie mit der Schulter lässig die Tür auf. Das Augenrollen hab ich gesehen. Ich dackle hinterher und warte auf die Blicke der Sitzenden.

Just in dem Moment erhebt sich ein kleines Grüppchen zu unserer Linken und verlässt das Lokal.

“Na siehst du.”

Ich-! Wa-!? GAH!

Wir nehmen Platz, wir bestellen unsere Spritzis, sie schüttelt ein- bis zweimal lächelnd den Kopf über mein „Problem“. Ich versuche nicht mal mehr, mich zu rechtfertigen. Oder erwähne nochmal die Tatsache, dass vor verdammten fünf Minuten kein einziger Sessel leer stand. Ich akzeptiere meine Niederlage.

Und überhaupt: Das nächste Mal komm ich zu spät. Egal wie früh ich dran bin.


Titelbild:
flickr.com/craigCloutier

Sabrina Freundlich ist stellvertretende Chefredakteurin von mokant.at. Sie beschreibt sich als writeophile and fortune cookie lover. Kontakt: sabrina.freundlich[at]mokant.at

4 Comments

  1. markus.palzer@gmx.at'

    mp

    15. Juli 2014 at 07:10

    nicht zu vergessen: kaum sitzt man, will irgendwerwer einen Lokalwechsel machen. Mein persönlicher Stimmungskiller nummer 1. Istverdammt mühsam und lohnt sich nie.

  2. a1053028@unet.univie.ac.at'

    Anita

    15. Juli 2014 at 10:17

    Haha! Kenn ich das mit den sitzplätzen. ich hasse es alleine in ein lokal zu gehen, da kommt man sich so deplatziert vor

  3. magdalena.reuss@gmail.com'

    L

    17. Juli 2014 at 22:34

    haha, reingehen „schauen, ob er da is“… geht immer 🙂

  4. vroni88@gmail.com'

    Veronika

    18. Juli 2014 at 13:59

    mein dilemma wurde perfekt in worte gefasst!

    noch ungemütlicher wird es, wenn man plätze frei halten sollte und nicht weiß, wie viele personen noch dazu kommen. wenn da viel los ist, wird man regelmäßig von anderen platzsuchenden mit blicken getötet!

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