Electric Love 2014: Genial mit Luft nach oben

Kevin Verkruijssen

Letzte Woche fand vom 10. bis zum 12. Juli zum zweiten Mal das Electric Love Festival am Salzburg Ring statt. Mit Hardwell, Ingrosso, Armin van Buuren oder Afrojack gaben sich einige der weltbesten DJs die Ehre.

Wir haben unseren Chef vom Dienst Michael Nowak auf das schon lange zuvor ausverkaufte Festival nach Salzburg in den Regen geschickt. Von elektronischer Musik hat er nicht viel Ahnung, wie er sich selbst eingestehen muss. Aber Musik-Festivals hat er schon zur Genüge besucht. Am Electric Love hatte er dennoch seine liebe Not mit dem Camping-Platz, war aber von den Bühnen begeistert und unterhielt sich unter anderem mit Headliner Hardwell und den Bassjackers. Aus seinen Eindrücken vom Salzburg-Ring wurde der folgende Artikel, der das Festival noch einmal aus einer persönlichen und nicht gerade unkritischen Perspektive Revue passieren lässt.

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Screenshot: (c) AccuWeather
/ Michael Nowak

Die Anreise
Donnerstag, früher Abend, ich sitze auf meinem Gepäck in unserem Vorgarten. Das Handy bimmelt und eine SMS lässt mich wissen, dass wir eine halbe Stunde später wegfahren – ein Mitstreiter verspätet sich. Ich kann damit leben. Die Wetterprognose ist ohnehin, sagen wir mal, bescheiden. Die ersten Bilder vom Electric Love, die im Internet kursieren, deuten eher auf Sintflut als auf Festival hin. Ein bisschen Regen hat zwar noch niemandem geschadet, aber nachdem ich am Nova Rock 2009 auf meiner Luftmatratze durchs Zelt rudern konnte, bin ich Dauerregen gegenüber etwas skeptisch eingestellt.

Im Endeffekt wird es dann eine Stunde, bis es wirklich losgeht. Warum der Kamerad eine Stunde länger als ausgemacht brauchte, weiß man nicht so genau. Übergenaue Planung dürfte nicht der Grund gewesen sein. Später stellt sich nämlich heraus, dass er weder Schlafsack noch Camping-Sessel eingepackt hat und sich statt einem Drei-Tages-Ticket (ca. 90 Euro), zwei einzelne Tagestickets gekauft hat (zu je ca. 60 Euro), „um sich einen Tag ausruhen zu können“.

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Foto: (c) Michael Nowak

Nachdem es dann endlich los geht, ist auch die Motivation angekommen. Die Fahrt vergeht wie im Flug. Nicht zuletzt dadurch, dass unser Fahrer kein Kind von Traurigkeit ist und sich scheinbar schon mithilfe des Gaspedals auf den Salzburg-Ring, auf dem das Electric Love heuer zum zweiten Mal stattfindet, einstimmt. Dort angekommen erklärt mir eine junge Dame am Check-In, dass heute schon so viele Presse-Akkreditierung ausgegeben wurden, dass es keine mehr gibt. Nach fünf Minuten Diskussion, macht sie sich doch die Mühe nachzusehen und findet – Überraschung – noch einen Pass mit meinem Foto und Namen darauf. Ich sage jetzt einfach mal, sie ist schon überarbeitet. Sie wirkt zumindest so.

Die ersten Impressionen
Nächste Station: Parkplatz. Dafür werden uns noch einmal fünf Euro extra abgeknöpft. Fragwürdig, aber von mir aus. Immerhin sind die Platzeinweiser, die scheinbar alle aus der Gegend rekrutiert wurden, allesamt total freundlich und sympathisch. Das gilt übrigens mit Abstrichen für das komplette Personal. Im gesamten Festival ist mir eigentlich kein einziger wirklich unfreundlicher Security, Verkäufer, Mitarbeiter, etc. begegnet. Vielleicht Glück, aber auf jeden Fall einen positiven Vermerk wert. Über einen völlig überfüllten Shuttlebus geht es weiter zum Festivalgelände. Auch der Kamerad mit den zwei Tagestickets hat dabei noch Glück mit einem Mitarbeiter. Der zeigt nämlich Mitleid und schenkt ihm zumindest den dritten Tag auch noch dazu.

Dort heißt es aber zuerst eine halbe Stunde auf Einlass warten und noch einmal zehn Euro Müllpfand zahlen. Beides nicht ungewöhnlich, wobei zehn Euro doch etwas überzogen sind. Am Campingplatz selbst hat sich schon nach einem Tag Verwüstung breit gemacht. Die Motivation hält sich mittlerweile auch wieder stark in Grenzen. Die aufwändig gestaltete Dekoration schafft es nicht mehr ganz, die tiefen Drecklöcher zu überstrahlen. Aber immerhin ist das erste, was mich am Festival zum Lachen bringt, eines dieser Löcher. Ein Held des Tages beschließt nämlich, sich in einem weißen Sakko darin zu wälzen. Würde ich persönlich nicht machen, aber ich sehe gerne dabei zu. Nachdem das dem Leser auch nicht vorenthalten werden soll, gibt’s auch ein Video davon:


Der Camping-Platz
Wenig später steht dann auch unser Zelt. Der Luxus an der Sache: Es ist nicht mein eigenes. Ich bin erstmals nur Untermieter. Ich muss den Dreck nach dem Festival nicht vom Zelt waschen. Das macht mich glücklich. Allgemein ist der Camping-Platz recht voll. War aber zu erwarten und von „zu voll“ sind wir auch noch weit entfernt. Zu erwarten deshalb, da der Camping-Platz (Ticketpreis: ca. 25 Euro) bereits sehr früh ausverkauft war. Einzelne Spaßvögel trieben dabei schon lange vor dem Festival den Schwarzmarktpreis kurzzeitig (scheinbar erfolgreich) in einen Bereich jenseits von Gut und Böse.

Camping Tickets

Screenshot: (c) Facebook / Michael Nowak

Kurz vor dem Festival gab es die Tickets, wahrscheinlich wetterbedingt, dann wieder zum Normalpreis. Aber zurück zum Camping-Platz: Vor den Sanitären Anlagen hier graust sogar einer Sau. So manch einer geht lieber in den Wald seine Notdurft verrichten, als von den Zuständen, die sich Toiletten nennen, Gebrauch zu machen. Dafür kann aber niemand etwas. Das ist fast auf jedem Festival so, wenn es regnet. Eventuell hätte man die Toiletten ausspritzen können, hat man aber vielleicht eh gemacht und ich habe es nur nicht mitbekommen.

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Foto: (c) privat

Beim ersten Mal Duschen lasse ich mich von den Lemmingen in die Irre führen. Ich stelle mich in eine elendig lange Duschschlange und verfluche den Veranstalter, weil es zu wenig Duschen gibt. Am nächsten Tag erkenne ich, dass ich ein Idiot bin, da nur fünf Meter weiter zahlreiche besser funktionierende Duschen so gut wie unbenutzt sind. Was ich dem Veranstalter aber dann doch übel nehme, sind die Essenspreise. Neun Token für einen „Double Beef Burger“ finde ich etwas frech, da kann er noch so herrlich geschmeckt haben. Ich entschließe mich, das restliche Festival von mitgebrachten Milchbrötchen zu leben. Ein Token ist übrigens einen Euro wert. Warum man eine Sonderwährung einführt, verstehe ich nicht ganz. Vermutlich misstraut man den Mitarbeitern – ich finde es umständlich. Auch etwas genervt bin ich von der Tatsache, dass vor dem Eingang tonnenweise Rindenmulch gelagert wird, während die Zustände am Camping-Platz immer schlimmer werden. Die Hauptpfade sind bereits am Freitag nicht mehr zu begehen. Den Rindenmulch verstreut aber, warum auch immer, trotzdem niemand über die riesigen Schlammlöcher. Alles in allem gibt der Camping-Platz nicht viel her.

Electric Love Festival 2014

Foto: (c) Kevin Verkruijssen
/ Electric Love

Die Bühnen
Genug gesudert. Was das Festival am Camping-Platz an Minuspunkten sammelt, gleicht es bei den Bühnen wieder aus. Ich war schon auf einigen Festivals in Österreich, aber ich habe noch keines gesehen, das mit dieser Dekoration in irgendeiner Weise konkurrieren konnte. Man hat sich wirklich Mühe gegeben. Vor allem die HardbaseFM-Stage gefällt mir. Die Stimmung vor den Bühnen ist hervorragend, der Regen interessiert hier keinen. Irgendwie ist er in der Menschenmenge sogar angenehm erfrischend, solange es nicht total schüttet. Wäre ich nicht ein notorischer Sportkrüppel, der momentan über Schmerzen im Knie hypochondriert, würde ich schon herumspringen, wie es fast jeder hier tut. So bleibt es bei einem motivierten Taktklopfen.

Auch der Tontechnik muss man ein Kompliment machen, es kracht nicht, die Tonqualität passt und ich habe auch nicht das Gefühl, bleibende Hörschäden davonzutragen. Wenn nicht gerade ein Headliner auflegt, kann man sich auch mehr als frei bewegen. Einzig, dass man vor lauter Zuckerwasser kaum ein Bier an einer Bar bekommt, macht mich etwas unglücklich. Alles in allem haben die Stages aber nur ein Prädikat verdient: Hervorragend. Wer sich also vom Camping-Platz nicht beeindrucken lässt, hat die besten Voraussetzung für ein geniales Festival.

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Foto: (c) Michael Nowak

Partylöwen-Exkurs
Apropos „vom Camping-Platz nicht beeindrucken lassen“: Geschlafen habe ich am Festival so gut wie nicht. Nicht, weil ich so ein unglaublicher Partylöwe bin, sondern weil sich neben uns einer eingenistet hat. Ich frage mich, wo solche Menschen die Energie hernehmen. Können eigentlich nur irgendwelche Drogen sein. Das Exemplar, von dem hier die Rede ist, brilliert vor allem dadurch, dass es nur zwei Stunden Schlaf pro Tag braucht, den ganzen Tag barfuß im Dreck tanzt, Duschen nur vom Hören-Sagen kennt und ohne Pause und mit heiserer Stimme „Party, Party“ schreit. Eigentlich nicht schlimm, ärgerlich ist nur die Tatsache, dass es/er auch über eine Musik-Anlage mit Generator verfügt und den Umstand, dass auf den Bühnen keine Musik mehr gespielt wird, als Aufforderung sieht, den gesamten Campingplatz von 04:00 bis 08:00 selbst zu beschallen. Am Bild rechts ist es mir gelungen ihn in einer seltenen Ruhe-/Absturzphase abzulichten.

Die Acts
Die halbe DJ-Welt-Elite hat sich am Electric Love eingefunden, habe ich mir sagen lassen. Erst gegen Mittag am Freitag schaue ich dann auch erstmals im Pressezentrum vorbei, um mich aus der Nähe davon zu überzeugen. Nicht weil ich vorher nicht auch wollte, sondern weil ich es vorher einfach nicht gefunden habe. Das hätte mir nämlich auch die Dame am Check-In erklären sollen, hat sie aber freilich nicht. Presseparkplatz gibt es entgegen ihrer Behauptung auch einen. Mir ist es egal, die Einzigen, denen das wirklich schadet sind die armen Angestellten vom Putzpersonal. So viel Mühe ich mir auch gebe, meine Schuhe werden nicht annähernd sauber. Die Ersatzschuhe liegen im Auto am anderen Parkplatz, mehrere Kilometer entfernt.

Auch das Pressezentrum ist hervorragend organisiert. Es wird auch wirklich gearbeitet. Laptops klappern und Fotos werden bearbeitet. Laufend kommen Acts vorbei und geben kurze Interviews. Ich habe auch schon Pressezentren auf ähnlichen Veranstaltungen gesehen, die vor lauter Freunderlwirtschaft gnadenlos überfüllt, und im Endeffekt bessere Bars waren. In diesem hier bin aber ich der Asozialste, mein einziges Argument ist mein Diktiergerät. Der erste Act, der vorbeikommt ist Lil Jon. Ich freue mich über seine markante Stimme, die noch von Need for Speed Underground zu gut kenne. Ich schaue ihm aber nur zu, wie er anderen Journalisten Interviews gibt, weil ich nicht glaube, dass er mit mir über Autorennspiele sprechen will.

Der Erste, mit dem ich dann selbst ein Interview führe, ist Marlon Flohr von den Bassjackers. Er erzählt mir, dass er sich vor seinen Auftritten auf Festivals gerne selbst unter die Leute mischt: „I wanna see how it feels on the other side“. In der Regel wird er vor Auftritten auch nicht erkannt, direkt nach einem Auftritt hingegen ist es ein Ding der Möglichkeit sich frei zu bewegen, erzählt er. Wenn es sein Zeitplan ermöglicht, geht er auch gerne selbst als normaler Besucher auf Festivals. Außerdem will ich wissen, warum fast alle guten DJs aus den Niederlanden bzw. dem Norden Europas kommen. Ganz schlau werde ich aus seiner Antwort leider nicht: „It’s in the water we drink.”

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Foto: (c) privat

Hardwell
Angeführt wird das LineUp von Hardwell, der laut der aktuellen „DJ Magazine“-Rangliste, der beste DJ der Welt ist. Auch er schaut vor seinem Auftritt kurz im Pressezentrum vorbei. Beschützt wird er von Leibwachen und einer besonders emsigen Managerin, die scheinbar jeden seiner Schritte kontrolliert. Nachdem ich bei sowas nicht wirklich ein Genierer kenne, bin ich einer von nur drei Journalisten, die kurz mit ihm sprechen dürfen. Die beiden Kollegen vor mir führen entweder gerade ihr erstes Interview oder sind totale Hardwell-Fans. Der eine kann sein Mikrophon kaum halten, so sehr zittert er. Der andere fragt ihn ernsthaft danach, wie sein Auftritt am Electric Love war. Blöd, dass sein Auftritt erst zwei Stunden später ist. Aber gut, ich muss zugeben, dass mich das Ganze vermutlich hauptsächlich deshalb relativ kalt lässt, weil ich eigentlich nicht einmal ein einziges Lied von Hardwell kenne. Ist einfach nicht ganz meine Musik. Dürfte ich zum Beispiel Rise Against interviewen, würde ich vielleicht auch nach Dingen fragen, die noch gar nicht passiert sind. Vielleicht.

In der einen Minute, die ich habe, frage ich ihn dann nach seinem neuen Lebensziel. Geht kreativer, ich weiß. Aber er hat vor zehn Jahren, im Alter von nur 16, mal im Fernsehen gesagt, dass es sein Lebensziel sei, der beste DJ der Welt zu werden. Das ist er nun ja, so weit man das beurteilen kann. Seine recht simple Antwort: „My new goal is to last on the number one spot as long as possible.” Nach kurzer Bedenkzeit fügt er aber auch noch hinzu: „I really enjoy what I am doing now and I’m actually really blessed that I can travel the world and play all the big festivals. I think my artist album is my next step. You know as a DJ I achieved the highest thing possible. I think as a producer I can develop myself more. I’m definitely gonna focus on my production side for the coming years.”

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Foto: (c) privat

Das Fazit
Das Electric Love präsentierte sich von zwei Seiten. Die eine war der Camping-Platz und die Organisation um das Festival. Diese Seite muss man leider, auch wenn der Veranstalter für das Wetter nicht viel kann, als nicht zufriedenstellend bezeichnen. Die andere Seite war das eigentliche Festival. Hier kann man wirklich nur Lob aussprechen. Viel besser geht es wohl nicht. Ich verstehe langsam, warum das Electric Love gerne als kleines Tomorrowland bezeichnet wird. Nicht weil ich schon auf einem Tomorrowland gewesen wäre und es deshalb so gut vergleichen könnte. Aber wenn das Tomorrowland so ist, wie das Electric Love, nur noch viel größer, dann verstehe ich, warum dort so viele hin wollen.

Ob man jetzt von den Bühnen so begeistert war, dass man über den Camping-Platz hinweg sehen kann, das obliegt jedem selbst. Bei mir hält es sich die Waage, am Ende war ich aber nicht unfroh, wieder zuhause zu sein. Ich bin aber auch etwas die Ausnahme, weil ich kaum einen der Acts wirklich kannte/mochte. Mein Fahrer und Zeltgenosse zum Beispiel hat mir bereits mehrmals versichert, dass er nie wieder auf ein Festival geht. Ein anderer Freund hingegen, wahrscheinlich der, der die meiste Ahnung von diesem Musik-Genre von uns hat, hätte wohl am liebsten noch ein paar Tage verlängert. Sophie, die wir via Gewinnspiel aufs Electric Love geschickt haben, resümierte recht passend: „Wir sind regelrecht im Dreck versunken, aber die Stimmung war trotzdem genial.” Alles in allem also wohl eine Frage der Einstellung.

Titelbild: (c) Kevin Verkruijssen / Electric Love

Michael Nowak ist als Chef vom Dienst und stv. Chefredakteur für mokant.at tätig. Er studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie Geschichte an der Universität Wien. Kontakt: michael.nowak[at]mokant.at

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