24-Stunden-Betreuung: Gute Fee aus Rumänien

24-Stunden-Betreuung ist eine Möglichkeit für ältere Menschen, die auf Hilfe anderer angewiesen sind, den letzten Lebensabschnitt daheim zu verbringen. Die meisten dieser BetreuerInnen kommen aus dem Ausland. Wir haben uns einen Fall genauer angesehen.

In einem kleinen Ort im oberösterreichischen Ennstal liegt das Häuschen von Frau Oberbramberger. Sie ist 82 und das Leben hat seine Spuren hinterlassen. Augen, Arme und Beine funktionieren nicht mehr wie vor 30 Jahren. Heute geht alles viel langsamer. Die Demenz macht sich bemerkbar, vieles schafft sie nicht mehr alleine.

Die beiden Töchter von Frau Oberbramberger sind schon vor langer Zeit ausgezogen, haben eigene Familien gegründet und stehen mitten im Leben. Trotz vieler Termine versuchen die beiden sich Zeit für ihre betagte Mutter zu nehmen, aber ganz ohne fremde Hilfe geht es doch nicht. Ins Heim wollten sie ihre Mutter nicht geben, sie selbst rund um die Uhr zu betreuen war aber auch nicht möglich. Es blieb nur eine Lösung: eine 24-Stunden-Betreuung.

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Foto: (c) Barbara Bürscher

So kam Julia in das Leben der Familie. Die knapp 60 Jahre alte Rumänin ist 24 Stunden am Tag für Frau Oberbramberger da. Sie hilft ihr beim Aufstehen am Morgen, beim Anziehen, beim Waschen, auf dem Weg zur Toilette. Sie kocht, putzt und wäscht. Außerdem achtet Julia darauf, dass Frau Oberbramberger genug Flüssigkeit trinkt und ihre Medikamente zur richtigen Zeit einnimmt. Sie geht mit ihr spazieren und bringt Frau Oberbramberger am Abend ins Bett.

Betreuung rund um die Uhr braucht Organisation
Einen Angehörigen rund um die Uhr zu betreuen, ist für Viele nicht machbar. Nur die wenigsten sind bereit ihre Berufstätigkeit dafür aufs Eis zu legen. Elisabeth, Frau Oberbrambergers Tochter, ist zwar selbst Altenpflegerin, als sich der Gesundheitszustand ihrer Mutter verschlechterte, wollte sie ihren Beruf aber nicht aufgeben. Sie begann sich nach einer anderen Lösung umzusehen und wurde fündig. Eine gebürtige Rumänin, die im Nachbarort lebt und mit einem Österreicher verheiratet ist vermittelt Rumäninnen, die als 24-Stunden-Betreuerinnen in Österreich arbeiten. Sie unterstützt sowohl die Familien, als auch die Betreuerinnen.

24-Stunden Betreuung in Österreich
Laut der Wirtschaftskammer Österreich sind rund 59.000 Personen in Österreich als 24-Stunden-Betreuer gemeldet. Die meisten von ihnen kommen aus der Slowakei, Rumänien, Ungarn, Polen oder Bulgarien.

Manche Pflegekräfte aus Österreich, auch Kollegen aus dem Pflegeheim in dem Elisabeth arbeitet, fühlen sich von 24-Stunden-Betreuern bedroht. Sie meinen diese Menschen würden Ihnen in Zukunft vielleicht einmal die Jobs wegnehmen. Diese Sorge hält Pflegeexperte Mag. Kurt Schalek von der Caritas Österreich aber für unbegründet: „Nur 5 % aller Pflegegeldbezieher in Österreich haben eine 24-Stunden-Betreuung. Ein Großteil der Pflegetätigkeiten, nämlich 80 %, entfallen auf Angehörige. Allgemein wird es auch immer schwieriger in einen Platz in einem Pflegeheim zu bekommen. Meist muss eine höhere Pflegestufe erreicht sein, um aufgenommen zu werden.“ Mag. Kurt Schalek erklärt außerdem, dass der Begriff 24-Stunden-Pflege eigentlich falsch ist, denn Pflegetätigkeiten dürfen von 24-Stunden-Betreuern nur in Ausnahmefällen übernommen werden, meist bleiben diese in den Händen von ausgebildetem Fachpersonal.

Zudem wollen viele ältere Menschen ihren Lebensabend nicht in einem Pflegeheim verbringen. Pflegemodelle wie die mobile Hauskrankenpflege oder 24-Stunden-Betreuung sind daher wichtig, um pflegende Angehörige zu unterstützen.

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Foto: (c) Barbara Bürscher

Zwei Monate Österreich, zwei Monate Rumänien
Julia erzählt, dass sie schon in Rumänien ihren Schwiegervater gepflegt hat. Die Betreuung von alten Menschen macht ihr Freude und außerdem ist dieser Job ein guter Zusatzverdienst für die pensionierte Buchhalterin. Julia verdient etwa 1100 Euro netto pro Monat davon abgezogen sind bereits die Sozialversicherung und die Gebühr für die Agentur. Mit dem Geld, das sie verdient, unterstützt sie zu einem großen Teil ihre Familie im rumänischen Zalau, vor allem auch ihren Sohn, der krank ist. Auf die Idee nach Österreich zu kommen, kam sie durch ihre Schwägerin, die ebenfalls als 24-Stunden-Betreuerin arbeitet. Der Mann, den die beiden damals abwechselnd pflegten, ist mittlerweile verstorben und so kam Julia zu Frau Oberbramberger.

„Alle zwei Monate fahre ich für zwei Monate nach Rumänien zu meiner Familie“, erzählt sie, dann kommt sie wieder nach Österreich zu Frau Oberbramberger. „Ich mag Oma und die Landschaft hier ist gut für meine Gesundheit.“ Julia fühlt sich wohl an ihrem Arbeitsplatz. Das schwierigste in Österreich ist wohl die Sprachbarriere. Sie hat nie Deutsch gelernt. Ein halbes Jahr bevor sie nach Österreich gekommen ist, hat sie begonnen Vokabeln zu lernen, mehr nicht. „Wir verstehen uns aber sehr gut, stimmt’s Julia?“, fragt Frau Oberbramberger. „Ja“ sagt Julia und die beiden strahlen einander an.

Um den Kontakt mit der Familie zu halten, telefoniert Julia oft mit ihrer Familie. Außerdem kommt Frau Oberbrambergers jüngste Enkeltochter Monika öfter mit ihrem Laptop vorbei, dann kann Julia mit den Daheimgebliebenen skypen. Das findet sie besonders schön.

Unterstützung für Julia
Für Elisabeth ist es eine Erleichterung, dass sie jemanden hat, der sich so gut um ihre Mutter kümmert. Sie hat aber die Verantwortung nicht einfach auf Julia abgeschoben. Fast jeden Abend besucht sie ihre Mutter und sieht nach dem Rechten. Sie übernimmt die Lebensmitteleinkäufe, kümmert sich darum leer gewordene Medikamente nachzukaufen und bringt ihre Mutter zum Arzt. Zum Einkaufen nimmt sie Julia und Frau Oberbramberger auch hin und wieder mit. Sie achtet darauf, dass Julia auch Zeit für sich hat und sich ausruhen kann, denn rund um die Uhr für jemanden da zu sein, ist auch anstrengend.

Durch ihre Ausbildung als Fachsozialbetreuerin weiß sie aber auch, dass es oft besser ist, wenn nicht die Angehörigen selbst die Pflege übernehmen. Für Eltern ist es meist nicht leicht zu akzeptieren, dass ihre Kinder sie jetzt pflegen, da ist es schon viel leichter, wenn ein „Fremder“ diese Aufgabe übernimmt.

So froh Elisabeth auch ist, dass es diese Möglichkeit der Unterstützung gibt: „Manchmal ist es schon ein Nachteil, dass die Pflegerinnen eigentlich nicht ausgebildet sind. Gerade bei meiner Mutter wäre es wichtig, dass sie noch so viel wie möglich selbst macht, damit sie alltägliche Dinge wie eine Jacke anzuziehen nicht verlernt. Aber die Rumäninnen meinen es so gut und nehmen ihr alle diese Arbeiten ab.“

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Foto: (c) Barbara Bürscher

Rundum zufrieden im Alter
„Mein Tagesablauf ist schon sehr einfach geworden. Wenn es schön ist, arbeite ich ein bisschen im Garten. Ich gehe viel spazieren, manchmal 2 oder 3 Mal am Tag, aber bei so einem Sauwetter wie heute geht das nicht. Da spielen wir dann viel oder wir sehen fern“, beschreibt Frau Oberbramberger ihren Alltag. „Am liebsten spiele ich ‚Mensch ärgere dich nicht‘ aber schmeißen tun wir uns gegenseitig nicht.“

Frau Oberbramberger hat zuvor lange alleine gelebt. Ihr Mann starb vor über 30 Jahren. Fast 20 Jahre ist es her, dass die beiden Töchter ausgezogen sind. Früher hat sie sich oft einsam gefühlt, dem ist Dank der Möglichkeit der 24-Stunden-Betreuung ein Ende gesetzt. Frau Oberbramberger genießt es, jemanden bei sich zu haben, der sich um sie kümmert, ihr viele Aufgaben abnimmt und sie so gut bewirtet. Der Duft von Brokkolisuppe erfüllt schon den Raum, hungrig und zufrieden schaut Frau Oberbramberger in den Suppentopf.

Frau Oberbramberger ist mir ihrer heutigen Situation ganz zufrieden: „Eigentlich bin ich wunschlos glücklich“ sagt sie und lächelt.

Artikel und Titelbild von Barbara Bürscher

Barbara Bürscher ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: barbara.buerscher[at]mokant.at

1 Comment

  1. mail@mail.at'

    Christian

    8. Juli 2014 at 11:17

    Sicher keine leichte Aufgabe, wobei die Betreuerinnen in diesem Fall noch Glück haben. Demenz ist jetzt nicht unbedingt das Schlimmste, was einem im Alter passieren kann.

    Die Dame scheint ja noch ganz gut drauf zu sein. Ich kannte da einen ganz ähnlichen Fall, in dem eine Schlaganfallpatientin zuhause betreut werden musste, weil das Einzige, was sie sagen konnte, war „Ich will nicht ins Heim“. Das stelle ich mir dann wahnsinnig schwierig vor, wenn man fast den ganzen Tag mit einem Menschen alleine ist, der weder sprechen noch aufstehen kann. Ich habe wirklich Respekt vor diesen Betreuerinnen.

    Da brauchen sich die Österreicher nicht um ihre Jobs fürchten, die meisten Betreuerinnen aus Österreich würden so einen Job gar nicht annehmen.

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