Teddybär-Krankenhaus: Keine Angst vor dem Arzt

Im „Teddybär-Krankenhaus“ lernen Kinder den Krankenhausalltag kennen.

Der kleine Rocky* hat starke Ohrenschmerzen. In seinem linken Ohr befindet sich ein Plastikteilchen, das operativ entfernt werden muss. Eine Horrorsituation für die meisten Kinder. Doch Emil* (6) ist alles andere als verängstigt. Voller Begeisterung und mit viel Konzentration assistiert er bei der schwierigen Operation.

Denn Rocky, sein Plüschhund, ist heute Patient im „Teddybär-Krankenhaus“, einem Projekt der AMSA (Austrian Medical Students‘ Association) und der MedUni Wien, das heuer zum ersten Mal in Gloggnitz (NÖ) stattfindet. Ins Leben gerufen wurde das internationale Projekt von Medizinstudierenden und hat sich seit einigen Jahren über viele Länder verbreitet. Insgesamt sechs Schulklassen, circa 120 Kinder, sind heute für jeweils eine Stunde zu Besuch in der Gloggnitzer Stadthalle. Ziel des Projektes ist es, Kindern zwischen fünf und acht Jahren die Angst vor dem Spitalbesuch zu nehmen. Spielerisch lernen sie den gesamten Ablauf, von der Anamnese über den OP-Saal bis zum Einlösen eines Rezeptes, kennen. Dadurch sollen die Kinder positive Erfahrungen mit dem Krankenhaus verbinden und ihm im Ernstfall gelassener begegnen können. Unterstützt werden die Studierenden an diesem Tag vom Roten Kreuz in Gloggnitz. In Wien findet das „Teddybär-Krankenhaus“, mit Unterstützung der Wiener Ärztekammer, zahlreicher Sponsoren und Sachspenden, seit 2004 zweimal jährlich statt. Das Public-Health-Projekt wurde im vergangenen Jahr mit dem zweiten Platz beim „Förderpreis für innovative Projekte für die Gesundheit“ der Österreichischen Gesundheitsberufekonferenz ausgezeichnet.

Foto: (c) AMSA

Foto: (c) AMSA

Wie im echten Leben
Bei der Anmeldung werden zunächst die Daten wie Größe und Gewicht der Schmusetiere erfasst. Die Kinder sind nicht nur die Begleiter, die „Teddy-Eltern“ der Schmusetiere, sondern auch die Assistenten der „Teddy-Doktoren“. Nachdem eine Diagnose erstellt wurde, geht es zu den vielen weiteren Stationen, die in der Regel auch im echten Spital durchlaufen werden müssen. Dazu gehören ein selbst gebasteltes EKG, eine Röntgen-Station, Ultraschall, Labor, Computertomographie sowie ein OP-Bereich. Den Kindern werden alle Details genau erklärt und am eigenen Schmusetier vorgeführt. Natürlich darf dabei die obligatorische OP-Kleidung nicht fehlen. Die Kinder haben sichtlich Freude daran. Vor allem der OP-Bereich ist heißbegehrt.

Gerade wird einem Teddybären ein Beatmungsgerät auf den Mund gelegt. Die sonst so aufgeweckten Kinder sind mucksmäuschenstill. Dem speziell für solche Projekte konstruierten Teddy wird der Bauch vorsichtig geöffnet. Ein „Teddy-Doktor“ holt langsam die einzelnen plüschigen Organe heraus und erklärt deren Funktionen. „Eine Leber, iiihhh!“.

Foto: (c) AMSA

Foto: (c) AMSA

Doch nicht alle Fälle landen gleich auf dem OP-Tisch. Oft reicht auch ein Verband. Damit soll den Kindern vermittelt werden, dass es nicht immer zwangsläufig etwas Ernstes sein muss, wenn sie im Spital sind. Kommt es doch einmal zu einem akuten Ernstfall, sind Kenntnisse in der Ersten Hilfe von großer Bedeutung. Deshalb gibt es an diesem Tag auch eine entsprechende Station mit einer Erste-Hilfe-Puppe, die reanimiert werden muss. Den Kindern wird beigebracht, dass sie in einer solchen Situation auf den Brustkorb drücken müssen. Abschließend dürfen sie einen echten Rettungswagen des Roten Kreuzes von Innen betrachten und genauer kennenlernen.

Vorbeugen statt Heilen
Für die Studierenden ist das „Teddybär-Krankenhaus“ eine wichtige Erfahrung in ihrer Ausbildung, weil sie auf diese Weise den Umgang mit den kleinen, oft verängstigten Patienten kennenlernen. So können sie später in ihrer beruflichen Praxis besser auf die Sorgen und Nöte der Kinder eingehen.

Auch Viktoria* (8) ist sehr besorgt. Sie hat einen Plüschhund mitgebracht. Überhaupt wimmelt es an diesem Tag nur so von kleinen Vierbeinern. Es werden aber auch Puppen, Hasen, Bären und Seehunde behandelt. Viktorias Schützling hat Bauchschmerzen. Um zu erfahren, was ihm genau fehlt, wird – wie im echten Leben – zunächst Blut abgenommen. Zum Glück befinden sich darin keine Keime. Anschließend geht es zum Ultraschall. Aha! Es befindet sich zu viel Luft in seinem Bauch. „Teddy-Doktor“ Bert Engelhardt verordnet deshalb Obst essen, Bettruhe, viel Pupsen und bloß keine Bohnen essen in den nächsten Tagen.

Foto: (c) AMSA

Foto: (c) AMSA

Engelhardt ist seit zwei Jahren Projektleiter des „Teddybär-Krankenhauses“. Er und seine Kollegen, zehn Medizin- und zwei Pharmaziestudierende, legen sehr viel Wert auf Prophylaxe und einen gesunden Lebensstil. Deshalb darf Obst auf keinem der Rezepte fehlen. Außerdem werden hier keinerlei Tabletten oder andere Medikamente verschrieben. „Die Kinder sollen nicht schon in jungen Jahren lernen, dass man schnell mal eine Tablette nimmt und damit alles wieder ok ist“, so Engelhardt. Den Verarbeitungsprozess von Medikamenten hingegen können die Kinder in der spitalseigenen Apotheke beobachten. Zwei Pharmaziestudentinnen des Akademischen Fachvereins Österreichischer Pharmazeut_innen (AFÖP) zeigen, wie Kapseln gepresst und Salben gemischt werden. Hier dürfen die kleinen „Teddy-Eltern“ fleißig mithelfen.

Engelhardt ist zufrieden. Am Ende des Tages haben alle Kinder etwas weniger Angst vor dem Spitalbesuch und präsentieren ihren Freunden stolz die verarzteten kleinen Stofftiere. Übrigens: Rocky bekommt natürlich viel Obst und Sport verschrieben. Damit es ihm bald besser geht, soll Emil ihm jeden Tag eine Geschichte vorlesen und darauf achten, dass sein Schützling sich nichts mehr in die Ohren steckt.

Das nächste „Teddybär-Krankenhaus“ findet in Wien am 15. und 16. Juli im Rahmen der Kinderuni statt.

(*Namen geändert)

Artikel von: Jolanthe Pantak

Titelbild: (c) AMSA

Jolanthe Pantak ist als Redakteurin für mokant.at sowie als Chef-Kritikerin beim Theaterportal theatania.at tätig. Kontakt: jolanthe.pantak[at]mokant.at

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.