Geistergrätzel WU: Ein Umzug mit Folgen

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Während sich die Studierenden der Wirtschaftsuniversität (WU) über ihren neuen hochmodernen Campus freuen, bleibt das zurückgelassene Grätzel auf der Strecke.

Versperrte Türen, leere Höfe und ein paar einsame Altpapierfetzen, die das Gelände und seine Umgebung zieren. Das alte WU-Gebäude im Alsergrund steht seit einem Jahr leer. Rund 20.000 Studierende sind ihrer Uni in den 2. Bezirk gefolgt. Ihr Fehlen macht vor allem den Lokalen im Umkreis des Universitätszentrum Althanstraße (UZA) zu schaffen. Einige mussten zusperren, der Rest spart an Personal. Auch die verbliebenen Studierenden der Universität Wien spüren die Folgen des Leerstandes. Es fehlt an Infrastruktur und Essens-Möglichkeiten. Der baldige Einzug der Universität für Bodenkultur (BOKU) in das leere Gebäude lässt die Beteiligten auf ein wiederbelebtes „WU-Grätzel“ hoffen.

Keine Studierenden – kein Umsatz
Die Augasse, einst ein beliebter Mittagspausen-Hotspot für die Studierenden, wirkt heute verlassen. „Es ist keiner da“, erzählt Herr Wu, Inhaber des „WU-Noodles“. Er betreibt seinen kleinen Stand zwischen dem UZA und der U-Bahn-Station Spittelau. Zwei Drittel des Umsatzes sind ihm weggebrochen, seit die Studierenden weg sind.

Dem „9erbräu“ im Alsergrund fehlen die Studierendengruppen vor allem mittags. „Die haben hier gegessen, getrunken und danach ihre Zettel ausgepackt. Der ganze Tisch war voller Blätter“, seufzt Frau J., Kellnerin im Bierlokal. Man merkt, dass das „9erbräu“ sich auf die Studierenden ausgerichtet hat. Fast an jedem Tisch befinden sich Steckdosen für Laptops.

„Es ist ein Konkurrenzkampf“
Roman Schärf, Geschäftsführer von „The Roast“ und der angrenzenden Pizzeria „Al Dente“, spricht vom letzten Jahr als einer „traurigen Zeit“. Die Pizzeria blieb bald nach dem Abzug der Studierenden geschlossen. Im „The Roast“ wurde das Personal radikal reduziert. Was früher eine Reinigungskraft übernahm, wird heute vom Servicepersonal zusätzlich erledigt. „Es ist ein Konkurrenzkampf: die Guten bleiben und die Schwächeren müssen gehen“, meint auch Frau J. aus dem „9erbräu“.

Strategien, mit der Situation umzugehen, gibt es viele. Während man im „The Roast“ auf ein neues Bio-Angebot setzt, spezialisiert sich das „9erbräu“ auf Sportübertragungen und Reisebusse. Man gibt sich nach wie vor optimistisch.

Verwirrung um den Nachmieter
Bis zum Redaktionsschluss waren weder die Bezirksvorstehung, noch die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), welcher die Gebäude des UZA gehören, für eine Stellungnahme erreichbar. Auch der Gastronomie wurde die Anpassung der Geschäftskonzepte durch die fehlende Information erschwert, kritisiert Roman Schärf, Geschäftsführer von „The Roast“.

Bereits 2007 war die BIG auf der Suche nach einem Nachmieter. Seither gab es zahlreiche Spekulationen: Das Wien Museum, die Akademie der bildenden Künste, die Universität für angewandte Kunst und das Parlament galten zeitweise als mögliche Nachmieter.

Aktuell sieht alles danach aus, als ob die Universität für Bodenkultur temporär in das Gebäude umziehen würde. Bereits Juni 2014 soll der Umzug beginnen.
Selbst wenn alle Standorte abgesiedelt sind, müssen aber für eine langfristige Nachnutzung rechtliche Fragen geklärt werden. Das UZA wurde größtenteils als Überdachung der Franz-Josefs-Bahn gebaut. So gehört etwa der Grund nach wie vor den ÖBB, die WU ist lediglich ein Superädifikat (Bauwerk auf fremdem Grund).

„Sie haben uns unsere Mensa weggenommen.“
Ein Jahr Leere sieht man dem alten Campusgelände an. Aus den Ritzen der Bodenplatten wächst Unkraut. An den Mauern verwittern Plakate. Vereinzelte Fahrräder erinnern daran, dass nicht alle Studierenden weg sind. Einrichtungen der Universität Wien, wie etwa das Biologie-, das Geo- und das Pharmaziezentrum, befinden sich nach wie vor am UZA. Die Studierenden der Uni Wien fühlen sich alleine gelassen.

„Ich finde es schade, dass so ein riesiges Gebäude einfach leer steht“, meint ein Pharmaziestudent. Mit dem Abzug der WU verschwand auch die Infrastruktur: kein Bankomat mehr, keine Trafiken, keine Copyshops. Die Mitbenutzung der Bibliothek im alten WU-Gebäude ist ebenfalls nicht mehr möglich.

Studierende beklagen die fehlenden Verköstigungsmöglichkeiten in der Mittagspause. Mensa und Mensa-Snack-Bar wurden nach dem Abzug der WU-Studierenden zusammengelegt. Die Qualität der Speisen ging kontinuierlich zurück, bis die Mensa letztendlich geschlossen wurde. Der Versuch von Studienvertretung und Lehrenden, die Schließung zu verhindern, blieb erfolglos.

„Hoffnung BOKU“
Einen Vorteil hat der Abzug der Studierenden aus dem Grätzel. Die MA48 freut sich über mehr Sauberkeit in der Umgebung. Seit der Übersiedelung gibt es deutlich weniger Kleinmüll auf den Straßen sowie weniger überfüllte Abfallsammelkörbe.
Herrn Wu, Herrn Schärf, Frau J. und die beiden Studentinnen, die sich im Hof gerade eine Zigarette anzünden, interessiert das jedoch wenig.
Sie alle haben eines gemeinsam: Sie hoffen, dass diesen Sommer tatsächlich die BOKU einziehen wird.

Artikel von: Hannah Nebosis, Jasmine Schuster, Valentina Till, Tanja Trinckler, Jacqueline Weiß

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Titelbild und Slideshow-Fotos: (c) Hannah Nebosis und Jaqueline Weiß

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3 Comments

  1. mp

    10. Juni 2014 at 21:34

    Andere Unis haben keinen Platz und das Gebäude steht leer. Wiedermal typisch. Die VErantwortlichen wollen keine Umstände vermut ich. Alles andere ist wurst, solangs einen nicht selber trifft.

    • MA

      11. Juni 2014 at 08:51

      Bitte lesen Sie den Artikel nochmal aufmerksam. Es geht bei der Frage um die weitere Verwendung nicht darum, ob ‚die Verantwortlichen‘ keine Umstände wollen. Vielmehr stellen sich mit der Übernahme eine Menge komplizierter rechtlicher Probleme.

      • mp

        11. Juni 2014 at 13:21

        Mag sein, aber wo ein echter Wille ist, ist meist auch ein Weg. Z.B. der Sportplatz vor dem Geozentrum, der wurde gesperrt, weil die Platten daneben angeblich herunterfallen könnten. Ok soweit, aber warum sperrt man den gesamten Bereich und nicht einfach nur den unmittelbaren Gefahrenbereich, der gar nicht auf dem Spielfeld sondern daneben ist. Deswegen darf seit 2 Jahren keiner auf diesem eigentlich für dortige Studenten perfekten Sportplatz spielen und die Studentengruppen müssen irgendwo hin weit weg von der Uni ausweichen.
        Meine Theorie: Für die Verantwortlichen wars die bequemste Lösung, weil eine Teilsperre mehr Papierkram etc…. gebracht hätte.

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