Sozialkritische Kunst: Zwi(t)sche(r)n

Vier Wiener KünstlerInnen setzten mit ihren Projekten zwei Tage lang Zeichen. Erstens: Österreich kann mit Künstler-Nachschub rechnen und zweitens: man kann mit Kunst sehr gut sozialpolitische Zeichen setzten. Drei Projekte – drei zeitgenössische Gedanken.

Sie liegt eingewickelt in einer Rettungsdecke im Wiener Stadtpark. Die Folie glänzt im Sonnenlicht und hebt sich kontrastartig vom stechend grünen Gras ab. Die Leute schauen kurz auf und wenden sich dann ab. Gehen weiter. In den Gesichtern stehen große Fragezeichen. Eine Frau kommt zu ihr und fragt: „Ist alles in Ordnung?“. „Ja, wir führen hier nur ein Kunstprojekt durch“, antwortet sie. Normalerweise sehen die Menschen weg, wenn sie einen Obdachlosen sehen, die junge Frau in einer Rettungsdecke scheint dennoch für Aufsehen zu sorgen. Der Stadtpark löst bei vielen ambivalente Gefühle in Bezug auf Obdachlose aus. Es ist nicht lange her, dass die Polizei die Obdachlosen aus dem Park vertrieben, ihnen ihren spärlichen Besitz entrissen und eine Strafe (aufgrund des Campier-Gesetzes) aufgelistet hat. Nadine Hirschauer und Lisa Kuglitsch sind Studentinnen der Universität für angewandte Kunst. Sie verbinden ihre Kunst mit dem sozialen, öffentlichen Raum. Ihr Projekt nennt sich „Haus ohne Tür“.

Die schematische Behausung ähnelt einem Sarg
„Wir wollten unsere Gedanken mit der Rettungsdecke als Medium umsetzen. Rettungsdecken werden oft von Notstellen verschenkt, um vor Regen zu schützen, um Wärme zu geben. Für unser Projekt heißt es: Wärme als Obdach“, erklärt Lisa. Sie haben die Rettungsdecke kurzerhand umfunktioniert: In ein mannsgroßes goldenes Haus. Die schematische Behausung ähnelt einem Sarg. Die Künstlerlinnen haben die Interpretation aber bewusst offen gelassen. Ein Tag lang stand die Behausung im Stadtpark und löste einige Reaktionen in den Besuchern aus. Denn alles, was glänzt und sogar noch gold ist, lässt jeden Hals noch länger werden. „Ein Obdachloser kam auf uns zu und fragte, ob er es haben kann. Eine andere Frau fragte nach der Türe. Aber am lustigsten war der kleine Bub: Er war davon überzeugt, dass ein goldener Löwe in der Behausung lebt“, grinst Nadine. Das wichtigste am Projekt ist, dass man nicht hinein kommt. Egal wo man hinschaut, es gibt keine Öffnung, kein Spalt. Nichts. „Das Fehlen der Türe soll die Parallele zur Obdachlosigkeit ziehen. Wenn man einmal drin ist, dann ist es sehr schwer, wieder raus zu kommen“, erklärt Lisa. Sehr schön ist zu sehen, dass dennoch Zivilcourage in vielen Leuten steckt: Sie kommen und fragen, was los ist. Warum liegt die junge Frau im Gras? Man sollte also nicht immer alles verteufeln und vielleicht einmal ein bisschen an das Gute im Menschen denken, auch wenn das sehr utopisch wirkt. Das Projekt zeigt, dass die Obdachlosenvertreibung immer noch aktuell ist und ein wunder Punkt bei vielen ist.

„Man sollte das Katzenfutter in Ruhe lassen“
Einen Ausflug durch die Wiener Stadtwildnis? Unter einer Wildnis könnte man sich jetzt allerhand vorstellen: sei es unser geliebter zehnter Bezirk oder doch die nur so vor Menschen wimmelnde Mariahilferstraße. Doch nein, mit Stadtwildnis ist ein unscheinbar wirkender Ort zwischen Gemeindewohnungen und Asphaltstraßen gemeint, der sich nahe der Schlachthausgasse befindet. Valerie Tiefenbacher fragt sich, wie eine heutige Stadtexpedition im Wiener Jungle ausfallen würde. Was findet man? Im 17. Jahrhundert wurden Stadtexpeditionen durchgeführt, um die ortsspezifische Flora und Fauna zu begutachten, hier läuft das anders: Valerie konzentriert sich auf die urbanen Wildnis-Fundstücke. Dabei glaubt man kaum, was man in Wien so alles findet.

Mitten in den vielen Ästen tut sich auf einmal ein riesengroßes Holzgestell auf. Plastikflaschen liegen herum, Plastikschüsseln, Zweige, Draht, Dosen, Butter. Es handelt sich um eine menschliche Behausung. Ganz in der Nähe befindet sich eine für Katzen. „Je länger ich dort war, umso skurriler wurde es. Ich habe eine Art Shelter für Katzen entdeckt. Ein Mann muss das für die Katzen gebaut haben. Leider hab ihn nie getroffen bei meinen Expeditionen. Er hat auch Briefe an die Besucher geschrieben. Man sollte das Katzenfutter in Ruhe lassen und die Katzen auch.“

Unterhosen sollen dann doch lieber getragen werden
Neben anderen Fundstücken war wohl die weiße Calvin Klein Unterhose die teuerste. „Man fragt sich natürlich immer, wie die Gegenstände da hingekommen sind. Bei der Unterhose fallen einem viele Szenarien ein. Kondome konnte ich daneben aber keine finden.“ Man kann sehr viel über den eigenen Lebensort erfahren, wenn man ihn für wenige Sekunden genauer betrachtet. Fragt sich, ob es sich dabei um Informationen handelt, die man so lieber im Grauen hätte lassen sollen. Vielleicht ist man aber von der Sherlock-Holmes-Sorte und liebt es, solche Dinge herauszufinden – jedem das Seine. Unterhosen sollen dann aber doch bitte lieber getragen werden. „Als Fazit kann gesehen werden, dass die Wiener jedenfalls große Katzen und Hundeliebhaber sind. Hundehaufen konnte ich auch sehr viele finden.“

Es gibt keine Definition davon „was ich bin“
Clemens Schneiders Projekt nennt sich ICH INSEKT und stellt sich die Frage, ob wir unsere Verwandlung erkennen, wenn wir selbst zur Plage werden. Innerhalb eines Plastiktorsos irren Kakerlaken und Heuschrecken auf ein paar Ästen herum. Es gibt kein Bewusstsein ohne Körper. Es gibt keine Definition davon „was ich bin“. Selbst wenn man eine klare Empfindung dafür hat. Schneiders Arbeit thematisiert die Frage danach, was unser Körper ausmacht. Verändert sich der Körper, wenn sich der Geist verändert? Ich wollte schon seit einiger Zeit ein Projekt mit Schaufensterpuppen machen. Sie sind mir manchmal unheimlich.“ Es wirkt ziemlich befremdlich, wenn man einen Menschenkörper gefüllt mit Insekten sieht. Vielleicht könnte auch eine Parallele zu Kafkas Die Verwandlung gezogen werden. Es stellt sich die Frage, ob man es selbst gar nicht weiß, wenn man nervt, scheiße ist oder ungut. Bereuen tut man in der Regel im Nachhinein.

Das kurze Projekt der vier jungen Künstler und Künsterlinnen zeigt, dass der Zeitgeist Richtung soziales Bewusstsein und zentrale Lebensfragen wandert. Wir dürfen uns wohl in Zukunft noch über weitere Arbeiten freuen.

Die Arbeiten können hier auf mokant.at betrachtet werden:

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Titelbild: (c) Clemens Schneider

Jennifer Tillmann ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Sie studiert Germanistik und Publizistik an der Universität Wien. Kontakt: jennifer.tillmann[at]mokant.at

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