Volkstheater: Die letzten Tage der Menschheit

© Lalo Jodlbauer

Krieg mit Konfetti: Im Volkstheater erinnert Karl Kraus‘ Die letzten Tage der Menschheit an den Beginn des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren.

Gut eineinhalb Stunden lang teilen sich zwölf Männer die Bühne. Sie sind Insassen einer Irrenanstalt, tragen lange Unterwäsche, haben zerzaustes Haar und so tiefe Augenringe, dass man sie vom Parkett des Volkstheaters aus gut sehen kann. Diese Männer sind aber auch Kriegsoffiziere, Schüler und Frauen. Die zahlreichen aneinandergereihten Szenen verschmelzen in Thomas Schulte-Michels Bearbeitung zu einem runden Ganzen.

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Rainer Frieb; v.l. hinten: Marcello de Nardo, Erwin Ebenbauer, Günter Franzmeier, Roman Schmelzer, Tany Gabriel, Günther Wiederschwinger
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Fliegender Wechsel
Die Originalversion von Karl Kraus ist im Jahr 1918 erschienen, viele der über 200 lose zusammenhängenden Szenen bezogen sich auf Dokumente und  Persönlichkeiten des Ersten Weltkriegs. Das Stück besteht aus einem fliegenden Wechsel von einer Episode in die nächste. Heute sind die historischen und dokumentarischen Bezüge des Dramas nicht mehr so klar wie für das damalige Publikum. Dennoch wird – gerade durch das Setting in der Irrenanstalt – die Absurdität des Kriegs vermittelt (Dramaturgie: Susanne Abbrederis).

Queen of Pop
Einige Eindrücke der Aufführung erinnern eher an ein Lady-Gaga-Konzert (vor der Fleischkleid-Zeit) als an ein Theaterstück. Die Offiziersmäntel mit den Cheerleader-Pompons an den Schultern (Kostüme von Tanja Liebermann) und die Konfetti-Kanonen zum Beispiel. Tatsächlich ist die Aufführung eine Show – das Ensemble singt und wird am Keyboard von Patrick Lammer unterstützt. Die musicalhaften Elemente tragen zur Leichtigkeit und Komik des Stückes bei. Karl Kraus‘ Kritik am Krieg und an der Verrohung des Menschen wird von Gesang und Glitzer fast übertönt.

Das Bühnenbild ist schlicht gehalten. Das Stück lebt von den Schauspielern in ihren verschiedenen Rollen, mit ihren verschiedenen Dialekten. Kostüme und Effekte bringen Farbe ins Spiel. So verwandeln sich die ganz in weiß gekleideten Männer in andere Charaktere, fast unmerklich, hinter der Drehbühne des Volkstheaters.

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v.l.: Roman Schmelzer, Günther Wiederschwinger, Patrick Lammer
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Komik im Krieg
Bedenkt man, dass Die letzten Tage der Menschheit gar nicht zur Aufführung gedacht war, ist es Schulte-Michels doch zum Teil gelungen, mit seiner auf 49 Szenen reduzierten Version die verheerenden Wirkungen des Krieges darzustellen. Hat man anfangs noch das Gefühl, es geht nur um die Lacher des Publikums, wird gegen Ende hin die eigentliche Aussage des Stücks deutlicher. Die letzten Tage der Menschheit im Wiener Volkstheater verspricht einen netten Abend, ist aber wohl eher keine Vorstellung, aus der man mit Gänsehaut und vollem Kopf hinausgeht, und die noch Jahre später im Gedächtnis bleibt.

Das Stück ist bis 12.06. im Volkstheater Wien zu sehen. 

Titelbild: (c) Lalo Jodlbauer

Alissa Hacker ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: alissa.hacker[at]mokant.at

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