KopfhörerInnen: Yann Tiersen – Infinity

YANN TIERSEN: ∞ (INFINITY)
(VÖ: 16.6.2014 | Mute Records)

Cover: (c) Mute Records

Cover: (c) Mute Records

Die Zahl Acht hat es Yann Tiersen angetan. Sie weckt nicht nur alte, mystische Assoziationen, ihre Form weist auch ein unendliches geometrisches Kontinuum auf. Liegend wird sie deshalb zum Zeichen für „Infinity“, für Unendlichkeit. Dass es sich bei Infinity um Yann Tiersens achtes Studioalbum handelt, ist für ihn schicksalhaft: „I didn’t choose the title, the title chose itself.“

Als Yann Tiersen für Die Fabelhafte Welt der Amelie eine nicht minder fabelhafte Filmmusik schuf, gelang dem französischen Künstler der Durchbruch. Seitdem sind 13 Jahre vergangen und das musikalische Multitalent zeigt immer wieder erneut, dass das Komponieren eingängiger Soundtracks nur ein Bruchteil seines Schaffens ist.

Schon die ersten Sekunden des kurzen Openers Infinity ziehen den Hörer hinein in eine stimmungsvolle, dunkel-atmosphärische Traumwelt. Dazu braucht Tiersen nichts als schummrige Klänge, deren wellenartiges Rauschen sofort an ein weites Meer erinnern. Nach einer Weile drängen sich Streichinstrumente in den Vordergrund und sorgen im Dreivierteltakt für Tiersens so typische Mischung aus Folkmusik und Musette (französischer Walzer). Die Regengeräusche am Ende des Liedes gehen nahtlos in den Beginn von Slippery Stones über, vielleicht das eindrucksvollste Stück des Albums. Man fragt sich, wie der Musiker es schafft, mit ein paar Klängen ganze Szenarien hinauf zu beschwören: Es braucht zum Beispiel nicht viel Fantasie, damit sich der verspielte Hintergrund in ein altes Kinderkarussell verwandelt.

Überhaupt fühlt man sich beim Anhören des Albums des Öfteren in Umgebungen mit kargen Landschaften oder nebelbehangenen Gebirgsketten versetzt. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass das Album in Island erdacht und auf einer Insel in der Bretagne fertig gestellt wurde. Dass diese Insel exakt 888 Einwohner aufweist, könnte entweder ein Marketing-Gag oder ein weiteres schicksalhaftes Zeichen sein. Jedenfalls wirkt sich Yann Tiersens Faszination für einsame und menschenleere Landschaften sehr auf die Grundstimmung von Infinity aus.

Auch mit Sprache beschäftigt sich das Album und so arbeitete Yann Tiersen unter anderem mit Sängern zusammen, die fremdsprachige Stimmen beisteuerten. Eine ursprünglich bretonische Geschichte mit dem Titel Ar Maen Bihan wird in Steinn von einer Frauenstimme auf isländisch vorgetragen. Begleitet von rhythmischen, düsteren Klängen wirkt dieser Sprechgesang wie eine erdachte Sprache eines Fantasy-Abenteuers.

So faszinierend jedes einzelne Stück auch ist, würde man sich doch ab und zu einen Ausbruch aus dem ausgewogenen Klang wünschen. Manchmal wartet man darauf, dass sich die langsam entstehende Spannung auf einen Höhepunkt zubewegt, der dann einfach nicht kommen will.

Es gibt Musikalben, die zu jedem Gemütszustand passen und jederzeit als alltagstaugliche Hintergrundmusik dienen können. Infinity ist keines dieser Alben. Es ist eine Hauptbeschäftigung; es will mit Herz und Seele gehört werden. Es setzt fast eine melancholische oder verträumte Stimmungsgrundlage voraus. Wer sich jedoch darauf einlässt, taucht ab in eine abenteuerliche und mystische Welt. Irgendwie bleibt also doch alles beim Alten: Yann Tiersen macht immer noch Soundtracks – für verregnete Sonntage, lange Zugfahrten und Tagträumereien.

Wer sich live von Yann Tiersen überzeugen lassen will, hat am 12. Oktober 2014 im Wiener Gasometer die Gelegenheit dazu.

Rebecca Steinbichler ist Redakteurin und stellvertretende Ressorleiterin (Gesellschaft) bei mokant.at. Kontakt: rebecca.steinbichler[at]mokant.at

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.