Film/riss: Kafka, Kiffer und Chaoten

Kurt Palms neue Komödie Kafka, Kiffer und Chaoten hat erfrischend subversive Ansätze, kann aber nicht auf ganzer Linie überzeugen.

Möglicherweise liegt es am Premierenort und an den Premierengästen, dass die Stimmung bei der Erstprojektion als Abschluss des Crossing Europe in Linz nicht so richtig in die Gänge kommen will. Denn so einen Film schaut man am besten mit diversen Genussmitteln auf DVD daheim, oder mit Freunden lässig im weichen Kinosessel, nicht aber im prall gefüllten Ursulinensaal in paillettenbestickten Kleidern und Sakkos.

Was Kurt Palms neue Komödie verspricht, nämlich eine Art Roadmovie mit künstlerischem Thema, chaotischen Szenen und skurrilen Charakteren zu sein, wird oberflächlich eingehalten. Wir folgen fünf kafkaverliebten Wiener Studenten, die ihre Seminararbeit lieber als Film abgeben wollen – und die daher den bereits gebuchten Sizilien-Campingurlaub für eine Low-Budget-Verfilmung von Kafkas Erzählung Ein Landarzt nutzen. Soweit so gut der vielversprechende Entwurf eines Films im Film.

Die Kiffer vernetzen sich also mit den Chaoten, nämlich einem Regisseur und einem Kameramann, die zwar schon auf Erfahrung zurückgreifen können, deren vorgeblich intellektuelles Expertentum aber stotternd daherkommt: Authenzität? Authentitität? Wie heißt das nochmal? Und dann fehlt natürlich noch der Meister höchstpersönlich. Franz Kafka offenbart seine Existenz auf geisterhafte Weise einem Mitglied der Crew und wird prompt gecastet. Fertig ist die illustre Gemeinschaft, das Wirrwarr vorprogrammiert. Es folgen viel Situationskomik und sprunghafte Sketches, Zerwürfnisse und heimliche Liebschaften und im Publikum kurze Stoßlacher.

Palm persifliert hochtrabende Geistesmenschen und Burgtheaterschauspieler und spottet über die österreichische Filmwirtschaft und deren Bürokratie: Von der großen Filmförderung geht es in den Keller zur kleinen. Groteske Gestalten treten auf und wieder ab. Österreichischer Humor à la Seidel und Schalko lässt grüßen, auch an Glawoggers Contact High ist man erinnert, vielleicht sogar an surreales Kino nach Buñuel. Die Schauspieler sparen nicht mit ironisierten Referenzen zu Godard und Fellini oder Brechts V-Effekt. Das ist unterbödig witzig. Außerdem lässt Palm viele Größen der mürrischen Kulturszene auflaufen: Neben Franz Schuh als Literaturdozent und Hermes Phettberg als Amtsstatist bekommt Hubsi Kramar eine Hauptrolle, Florentin Groll ist dabei, Julia Jelinek kennt man aus Satiren im ORF. Es gibt schöne Musicalszenen und knallige Animationen als Zwischenspiele. Auch die Linzer Althiphopper Texta begleiten musikalisch den Weg. Und hier liegt das Problem.

Dieser radikale Mashup von Stilen und erzählerischen Formen verliert sich in der Beliebigkeit, und auch die Handlung kann den Guss nicht zusammenhalten. Das ist nicht Fisch, nicht Fleisch, das ist leider gerade mal Gemüselasagne.

Nun kann man die österreichischen Institutionen dafür verantwortlich machen, weil sie die Förderungsgesuche Palms von ursprünglich 1,2 Millionen Euro auf 600.000 herabgesetzt hat und Palm so gezwungen hat, „die Krücke zum Zepter zu machen“. Das Produkt beißt nach Palm-Art auch in die fütternde Hand. Auf gut Wienerisch sch…. sich Palm nix. Auch das ist positiv zu sehen. TV-Formate wie die Staatskünstler oder BÖsterreich zeigen immer wieder, wie staatlich finanzierte Satire trotzdem obrigkeitskritisch sein kann. Doch bei KKC kommt das alles zu unausgegoren an. Das ist wirklich schade, fehlt doch oft nur ein Euzerl zum zwerchfellerschütternden Durchbruch.

Insgesamt ist bewundernswert, wie viele Ideen im Film des Multikünstlers Palm stecken, er ist durch seine Absurdität ein wohltuender Schlag in den Mainstream und nebenbei auch eine Alternative zum filmischen Umgang mit Literatur. Wahrscheinlich hätte man sich aber mehr auf die Dramaturgie und weniger auf schrille Zusatzeffekte konzentrieren sollen, um den Film zu einem vollends stimmigen Kinospaß zu machen.

Kafka, Kiffer und Chaoten entstand nach Motiven der Erzählung Franz Kafka verfilmt seinen Landarzt von Eckhard Henscheid und läuft ab 9. Mai in den Kinos.

Der Autor Timon Mikocki war für mokant.at am Crossing Europe 14

Titelbild: © Crossing Europe

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