Caliban: „Man wird auch immer anspruchsvoller“

Andreas Dörner, Sänger der deutschen Metalcore-Band Caliban, erzählt im Interview über einen Auftritt in der Ukraine, kennt Conchita Wurst nicht und findet Vergleiche mit Tokio Hotel nicht so toll.

Progression Tour, Arena Wien – 22:10. Caliban betreten unter dem frenetischen Jubel der Fans als Headliner des Abends die Bühne. Von da an lautet das Motto über eine Stunde lang: Vollgas! Sänger Andy scheut keinen Publikumskontakt. Dass dabei T-Shirt, Teile des Equipments und seine Frisur dran glauben müssen, ist ihm herzlich egal. Keine Gelegenheit wird ausgelassen, um das Publikum zu motivieren und für Mosh Pits, Circle Pits und Wall of Deaths zu sorgen. Kaum zu glauben, dass das derselbe Mann ist, der uns nicht einmal drei Stunden zuvor im Interview über Calibans neues Album Ghost Empire, eine subjektive Rezension oder seine Vorliebe zu Calexico erzählte und dabei einen unglaublich ruhigen und gemütlichen Eindruck hinterließ.

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Foto: (c) Georg Marlovics

mokant.at: Eine Neuheit auf Ghost Empire ist, dass du erstmals auch klaren Gesang übernimmst. Eine Umstellung, die dir schwer gefallen ist?
Andy: Ich übernehme den klaren Gesang ja nicht komplett. Ich addiere mich quasi nur zum Gesang dazu. Mein „klarer Gesang“ ist ja trotzdem noch mehr ein Schreigesang. Bei Dennis‘ (eigentlich für den klaren Gesang zuständig, Anm. d. Red.) Sachen singe ich nur darunter dazu. Wir wollten das bei I am Nemesis (Vorheriges Album, Anm. d. Red.) schon einmal ausprobieren, aber da ist es uns zu spät eingefallen. Für „mal eben so“ ist es ein bisschen zu zeitaufwendig. Es war natürlich eine Umstellung. Ich musste an mir arbeiten, weil es eben das erste Mal war und ich nie groß Gesangsunterricht oder so hatte. Aber es ging recht fix und ich bin glücklich mit dem was herausgekommen ist.

mokant.at: In einem anderen Interview habe ich eine Passage gelesen, die ein bisschen so geklungen hat, als wäre das mehr die Idee der Band gewesen als deine.
Andy: Nein, ich wollte das schon auch immer machen. Ich hab auch früher schon gesungen, aber da war es halt noch richtig scheiße. Da haben wir es intern dann so geregelt, dass ich das erstmal nicht mehr mache. (lacht) Aber jetzt war halt die anscheinend die Zeit dafür da, es nochmal auszuprobieren.

mokant.at: Auf YouTube haben die Fans gespalten reagiert. Die einen finden es toll, die anderen kritisieren, dass zu viel klarer Gesang im Album dabei ist. Zum Beispiel schreibt einer „nettes Pop-Album“. Seid ihr bewusst mehr in Richtung klaren Gesang gegangen oder sind das nur subjektive Wahrnehmungen?
Andy: Also die Platte ist schon streckenweise „popiger“ – aber ich finde, was die Energie und die Aggression angeht, ist sie ähnlich wie die vorherige. Nur weil ich jetzt bei zwei, drei Liedern auch singe, haben die Lieder ja nicht weniger Energie. Dafür haben wir ja genügend andere Lieder, die durchgehend aggressiv sind. Also zu ein paar Platten davor mag sie vielleicht ein bisschen „popiger“ sein, aber zu I am Nemesis … würde ich nicht sagen. Aber man wird ja auch immer anspruchsvoller in dem was man macht. Man möchte nicht einfach nur rumbolzen, sondern auch seine Fähigkeiten ausbauen. Für mich war das dieses Mal eben der Gesang. Das war halt der Weg, den wir dieses Mal gewählt haben. Aber ich finde nicht, dass es jetzt ein „Pop-Album“ ist. Das hatte ich auch mal in einem Interview, dass der gesagt hat, es sei ein Metal-Pop-Album. Das fand ich schon krass und ist totaler Quatsch. Aber da darf man sich halt nicht daran aufhängen.

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Foto: (c) Georg Marlovics

mokant.at: Am neuen Album ist mit „nebeL“ auch erstmals ein komplett deutscher Song zu finden. In der ersten Rezension, die man dazu auf Google findet, schreibt jemand, dass „nebeL“ phasenweise wie Tokio Hotel klingt. Tut sowas weh oder kann man darüber lachend hinwegsehen?
Andy: Das hört man natürlich nicht gerne. Nichts gegen Tokio Hotel, aber mit denen wird man halt nicht so gerne verglichen. Früher hätte es ja vielleicht ein bisschen eher gepasst, mit meinem Aussehen, weil ich da ja noch Kajal getragen habe und so. Aber das war noch Jahre vor der Zeit von Bill und Tokio Hotel. Die Rezension war ja aber sonst nicht so schlecht. Es gab noch eine andere (vermutlich ist jene von stormbringer.at gemeint, Anm. d. Red.), die war sehr hart an der Grenze. Fand ich nicht so toll. Vor allem weil wir sonst eigentlich einen sehr guten Bezug zu den Leuten haben.
mokant.at: Das heißt, man ärgert sich auch in eurem Status noch sehr über schlechte Rezensionen?
Andy: Man kann, man muss nicht… Wenn man sich ständig über sowas ärgern würde, dann dürfte man das mit der Musik nicht machen. Aber das war halt keine objektive Kritik, sondern mehr so nach dem Motto „ballern wir denen mal eine rein“.


mokant.at: Ein anderes, ernsteres Thema: Ihr seid letztes Monat in Kiew aufgetreten, habt auch auf Facebook gepostet, dass es eine Achterbahn der Gefühle war. Wie war das genau?
Andy: Das Konzert an sich war ziemlich cool. Ich denke, dass die Leute dort auch deshalb da waren, um ein bisschen Normalität in ihr Leben reinzubringen, um das zu vergessen, was draußen auf den Straßen gerade los ist. Es war von der Besucherzahl ähnlich wie sonst auch, es sind also nicht viele Leute weggeblieben. Die, die da waren, haben sich total zerlegt, man hat während der Show überhaupt nicht gemerkt, dass außerhalb quasi Krieg herrscht.

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Foto: (c) Georg Marlovics

Ansonsten war das schon ein mulmiges Gefühl dort herumzurennen. Vor allem am Maidan-Platz, wo das alles stattgefunden hat. Wir hatten auch einen Tour-Begleiter aus der Ukraine dabei, der uns herumgeführt hat und einiges erzählt hat, was ich vorher aus den Medien gar nicht so sehr mitbekommen habe. Wie zum Beispiel, dass die Krankenstationen, die die Leute dort eingerichtet haben um ihre Verletzten zu versorgen, von den Polizisten oder der Armee angezündet worden sind. Er hat uns auch das Gebäude gezeigt, von dem aus der Heckenschütze geschossen hat. Das waren Sachen, die haben mich echt schlucken lassen. Die Barrikaden und alles waren ja immer noch dort. Was wirklich krass ist, sind dann die ganzen Touristen, die dort herumlaufen. Ich wollte auch erst gar keine Fotos machen, wir haben dann zwar doch welche gemacht, aber so gut finde ich das auch im Nachhinein nicht. Da sind vor kurzem noch Menschen gestorben.

mokant.at: War es für euch eine Option das Konzert abzusagen?
Andy: Ja. Wir haben im Vorfeld überlegt, ob wir es machen oder nicht. Wir haben mit dem Auswärtigen Amt dort gesprochen, wie die Lage gerade ist. Haben auch mit Bands, die vor uns da waren, Rücksprache gehalten. Eskimo Callboy zum Beispiel war ein paar Tage davor da. Von dem her haben wir dann beschlossen das Konzert zu machen. Ich denke, dass das auch für die Leute dort ganz wichtig ist, wenn ein bisschen Normalität einkehrt.

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Foto: (c) Georg Marlovics

mokant.at: Ganz ein anderes, weniger trauriges Thema: In Österreich gibt es ja gerade kein anderes Thema als Conchita Wurst. Ein Wort zu unserer bärtigen Lady?!
Andy: Conchita Wurst?
mokant.at: Nicht mitbekommen?
Andy: Nein, gar nicht.
mokant.at: Aber Conchita Wurst sagt dir schon etwas?
Andy: Ne… Ist die aus Deutschland oder ist die aus Österreich?
mokant.at: Aus Österreich! Österreich hat erstmals seit Jahrzehnten wieder den Song Contest gewonnen. Das mit einem jungen Herrn, der sich als Frau mit Bart verkleidet.
Andy: Achso, ich habe Fotos von ihr gesehen. Ich wusste zwar nicht wer das ist, aber jetzt, wo wir darüber reden, ist es klar. Ich kenne die Show zwar natürlich, aber wirklich interessieren tue ich mich nicht dafür. Von daher ist das alles an mir vorbeigegangen.

mokant.at: Was würde passieren, wenn Caliban am Eurovision Song Contest teilnehmen würden?
Andy: Boah, neee.
mokant.at: Dass es für euch keine Option ist, das ist klar. Aber rein theoretisch, was würde passieren? Wäre die Fanbase in Europa groß genug um dafür zu sorgen, dass ihr nicht komplett untergeht?
Andy: Wenn man das so spaßmäßig angeht, von wegen „Wir setzen hier mal ein Statement“, dann könnte man vielleicht ein paar Leute finden, die das unterstützen. Aber wenn man das ernst angehen würde, dann wäre das wohl der Untergang. (lacht)

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Foto: (c) Georg Marlovics

mokant.at: Als letzte Frage, die ich stellen muss, weil ich auf eurer Facebook-Seite über ein Video von Johnny Cash mit dem Kommentar „History lesson“ gestolpert bin: Was läuft im Caliban-Tourbus, wenn kein Metal läuft? Johnny Cash?
Andy: Wir hören zwischendurch sehr viel ruhiges Zeug. So richtig Geballer läuft eigentlich nur eine Stunde vor der Show zum warm werden und in Stimmung kommen und vielleicht nach der Show, wenn man Bock hat zu feiern. Aber zwischendurch, da kann schon mal Cash laufen. Calexico hören wir auch gerne, heute war Nick Cave dran – auf jeden Fall chilligeres. Das muss auch sein, man kann nicht den ganzen Tag nur Geballere hören.

Titelbild: (c) Georg Marlovics

Michael Nowak ist als Chef vom Dienst und stv. Chefredakteur für mokant.at tätig. Er studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie Geschichte an der Universität Wien. Kontakt: michael.nowak[at]mokant.at

2 Comments

  1. Gast...

    27. Mai 2014 at 13:47

    “ Nichts gegen Tokio Hotel…“ Er läuft schon seit Jahren nicht mehr mit Kajal rum. Schon mal in einen Song reingehört, außer in „Durch den Monsun“? So beschissen können die Songs ja nicht sein, wenn sie weltweiten Erfolg haben. Erstaunlicherweise kommen die Songs ganz gut an, wenn sie nicht wissen wer dahinter steckt. Super, dass sie selbst von einem Musiker einzig und allein auf das Aussehen reduziert werden. Das ist so ungefähr, als wenn ich sage, dass ich die Band Caliban scheiße finde, weil der Sänger einen Bart hat. Oh,man(n)

    • ???

      28. Mai 2014 at 11:30

      Dir ist schon bewusst, dass Caliban eine Metalband ist? Als Metalband gesanglich mit einer Pop-Rock-Band verglichen zu werden würde ich auch nich so super finden. Dass er TH auf den Kajal reduziert liest auch nur du heraus…

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