Bewährungshilfe: „Die Haft ist für Jugendliche verheerend“

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Klaus Priechenfried vom Verein Neustart über die Arbeit in der Bewährungshilfe mit jugendlichen Straftätern

Der Jugendstrafvollzug genießt in Österreich keinen guten Ruf: Erst im vergangenen Jahr wurde ein Fall bekannt, bei dem ein vierzehnjähriger Bursche von seinen Zellengenossen vergewaltigt wurde. Der Umgang mit jugendlichen Straftätern muss neu gestaltet werden, sind sich Experten einig. Neustart, der einzige Verein in Österreich der Bewährungshilfe anbietet, versucht Wege abseits von Haftstrafen zu begehen. Im Interview spricht einer der beiden Wiener Leiter des Vereins, Klaus Priechenfried, über die Ursachen für Kriminalität, die Arbeit mit Jugendlichen und über die Haftbedingungen in Österreichs Jugendgefängnissen.

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Foto: (c) Michael Nowak

mokant.at: Warum werden Jugendliche kriminell?
Klaus Priechenfried: Auf der ganzen Welt sind es die Gruppe der 17- bis 20- jährigen Männer, die das größte Problem mit der Kriminalität verursachen. Die Kriminalitätskurve zeigt klar eine Spitze bei Männern dieses Alters.Es dürfte einfach so sein, dass in allen menschlichen Gesellschaften junge Männer die Gesellschaft herausfordern und von uns eine Antwort fordern wollen, wenn sie Normen verletzen. Dass das manche natürlich mit heftigeren Taten tun und manche nur mit ganz leichten, macht einen großen Unterschied, und dieser ist meistens in einer psychischen und sozialen Notlage begründet. Je schlechter die Beziehungserfahrungen des Jugendlichen in seiner Kindheit waren, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass in diesem Alter ein Problem auftritt, das schwerer ist als bei anderen.

mokant.at: Welche sozialen Backgrounds haben die Jugendlichen, die Sie betreuen?
Klaus Priechenfried: Der Großteil unseres Klientels kommt aus der Unterschicht, oder unteren Mittelschicht und ist von nicht so hohem Bildungsniveau. Das führt aber noch nicht automatisch zu Kriminalität. Meistens sind es die schlechten Erziehungsbedingungen, die dazu geführt haben. Das ist natürlich nicht bei allen gleich, aber wenn ich jetzt die Gruppe nehme, welche die schwereren Taten begehen, wo es wirklich zu groben Körperverletzungen kommt und zu Missbrauch, dann ist das eine Gruppe, die eine sehr schlechte Kindheit gehabt hat.

mokant.at: Wie häufig werden Mädchen straffällig?
Klaus Priechenfried: Mädchen haben eine Quote von ungefähr fünfzehn Prozent bei uns in der Bewährungshilfe. Je leichter die Delikte sind, umso größer ist die Gruppe der Frauen, je schwerer, umso kleiner wird die Gruppe. Das heißt, bei kleineren Suchtgiftdelikten ist die Frauenquote 25 bis 30 Prozent und bei Diebstählen und dergleichen auch noch bei 15 bis 20 Prozent. Wenn sie aber hinaufgehen zu ganz schweren Körperverletzungen oder Mord, liegt die Quote der Frauen sehr niedrig. Aber auch das gibt es.

Foto: (c) Michael Nowak

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mokant.at: Gibt es da einen Anstieg zu verzeichnen? Man hört ja in den letzten Jahren immer wieder von jungen Mädchen, die in Schlägereien verwickelt sind?
Klaus Priechenfried: Nein, die Kriminalitätsrate wird oft falsch interpretiert. Die Kriminologen zeichnen alles auf. Man geht davon aus, das über lange Zeiträume gesehen, Kriminalität generell zurück geht. In kurzen Zeiträumen geht es aber immer hin und her. Das heißt, man hat Kurven die nicht glatt sind, sondern sehr große Spitzen aufweisen. Wir haben immer wieder zwei Jahre lang hohe Raubquoten, dann wieder ein Jahr lang ganz niedrige. Dann wieder mehr Einbrüche, später wieder keine. Es geht immer so hin und her. Daher können auch Zeitungen, wenn sie sie sich einen Punkt herauspicken der vor vier Jahren relativ weit unten war, immer sagen: „Innerhalb der letzten drei Jahre gab es eine Verdopplung von Einbrüchen“. Würde man die ganze Kurve aber statistisch gesehen glätten und schauen, was sich da in den letzten dreißig Jahren abgespielt hat, dann würde man sehen, dass die Kriminalität in allen Bereichen leicht zurück geht. So auch die Jugendkriminalität. Sie wird tendenziell ein bisschen weniger. Das sind keine großen Rückgänge, sondern langsame, gleichmäßige, eben auf lange Sicht gesehen. Auch die Frauenkriminalität nimmt nicht zu.

mokant.at: Was sind die häufigsten Straftaten Ihrer Klienten?
Klaus Priechenfried: Die häufigsten Straftaten sind Diebstähle und leichte Körperverletzung.

mokant.at: Setzt da die Bewährungshilfe bereits vor der Haft an?
Klaus Priechenfried: Ja, alles gibt es. Bei der Bewährungshilfe, gibt es zum Beispiel die Diversion statt einer Verhandlung. Da kommt es dann gar nicht zu einer Gerichtsverhandlung, wenn der Sachverhalt hinreichend geklärt ist und der Täter sich zur Tat bekennt. Es gibt auch Bewährungshilfe bei einer bedingten Verurteilung. Das heißt, wenn es zu einer Verurteilung kommt und der Richter eine bedingte, oder teilbedingte Strafe ausspricht, dann kann man zum bedingten Strafteil Bewährungshilfe aussprechen. Es gibt auch die Bewährungshilfe nach der Haft, als Auflage bei einer vorzeitigen, bedingten Entlassung. In jedem Fall ist es ein Pflichtprogramm, das bedeutet, der Täter kann sich nicht aussuchen, ob er Bewährungshilfe möchte, sondern der Richter ordnet es an. Wenn wir berichten, dass sich derjenige entzieht und nicht mit uns zusammenarbeitet, dann führt das zum Widerruf der bedingten Strafnachsicht, und dann muss er wieder sitzen.

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Foto: (c) Michael Nowak

mokant.at: Welche Hilfestellung bietet Neustart jugendlichen Straftätern?
Klaus Priechenfried: Bei Jugendlichen versuchen wir immer eine Diversionsmaßnahme (Anmerkung der Redaktion: Bei der Diversion wird eine leichte bis mittelschwere Straftat außergerichtlich verhandelt) durchzuführen. Man kann zum Beispiel dem Täter anbieten, sich mit dem Opfer zu einigen. Das könnte zum Beispiel ein Täter-Opferausgleich bedeuten, was bei uns in Österreich „Tatausgleich“ genannt wird. Da kontaktieren wir zunächst das Opfer, und fragen es, wie es ihm seit der Tat ergangen ist. Dann kann das Opfer bei uns das erste Mal in aller Ruhe über die Tat reden. Das ist für das Opfer viel angenehmer, das sagen sie uns auch immer wieder, als bei Gericht aussagen zu müssen. Dann fragen wir das Opfer unter welchen Umständen es sich vorstellen könnte, sich mit dem Täter zu einigen. Anschließend kontaktieren wir den Täter und fragen ihn, wie es zur Tat kam. Wir konfrontieren ihn mit den Wünschen des Opfers und wenn er einverstanden ist sich zu einigen, dann sehen wir zu, dass wir beide an einen Tisch bekommen. Wenn das Opfer das nicht will, dann muss das nicht sein, aber wir versuchen es, weil es meistens auch ihnen gut tut. Anschließend machen wir ein Einigungsgespräch. Die Einigung kann zum Beispiel eine Wiedergutmachung in Form von Schmerzensgeld bedeuten. Es kann aber auch sein, dass das Opfer sagt: „Ich möchte, dass er einen Antigewaltkurs macht“.  Das alles sind Maßnahmen, die wir sehr empfehlen, denn das Opfer erlebt den Täter wie er wirklich ist. Es verliert sich diese anonyme Bedrohung und das Gefühl, dass es an der nächsten Straßenecke wieder passieren kann, weil es eben konkret an einer Person fest gemacht wird. Dann merkt das Opfer vielleicht, dass auch der Täter seine Nöte hat und in gewisser Hinsicht ein armes Würstel ist.

mokant.at: Welche Wirkung hat diese Vorgehensweise auf den Täter?
Klaus Priechenfried: Da der Täter sich zur Tat bekennen muss und das Opfer kennenlernt, kommt er in die Rolle, Verantwortung übernehmen zu müssen. Bei einer normalen Gerichtsverhandlung steht er da und das Gericht spricht Recht. In gewisser Weise ist er da Opfer eines Verfahrens und in die Passivität gedrängt. Er bekommt eine Strafe und fühlt sich dann vielleicht noch ungerecht behandelt. Da kommt er eigentlich nie in die Rolle, selbst Verantwortung übernehmen zu müssen. Beim Täter – Opferausgleich muss er aber sagen: „Ja ich war’s, ich hab zugeschlagen. Es tut mir leid, und ich möchte dafür eine Entschädigung geben.“  Da kommt er in eine aktive Rolle, für sein Handeln Verantwortung zu übernehmen und dann kann man ja fragen: „Was tun Sie, damit es das nächste Mal nicht wieder passiert?“

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Foto: (c) Michael Nowak

mokant.at: Wie arbeiten Sie speziell mit Jugendlichen daran, dass es nicht wieder passiert?
Klaus Priechenfried: Also in der Bewährungshilfe ist es einfach das um und auf, dass wir am Delikt arbeiten. Das heißt, wir haben den Jugendlichen am besten draußen und nicht in Haft, damit er in der richtigen Lernumgebung ist. Die ersten Aussagen der Klienten sind dann immer: „Das mache ich nie wieder“. Da müssen wir dann natürlich auf den Zahn fühlen und fragen: „Stimmt das? Wieso sollte das das nächste Mal nicht wieder passieren? Damals waren Sie nicht viel anders als Sie jetzt sind“.  Wenn dann der Türsteher in der Disko wieder sagt: „Du schwuler Hund! Was machen Sie jetzt? Hauen Sie nicht mehr zu?“. Es ist einfach klar zu machen, dass ein Problem besteht und dann müssen wir genau daran arbeiten. Was sind die Auslösebedingungen und wenn er wieder in so eine Situation kommt, welche anderen Möglichkeiten gibt es, ohne Gesichtsverlust produktiv auszusteigen. Da kann ich als Mann in der Bewährungshilfe auch gut vorleben, wie man eine männliche Rolle einnimmt, die ohne Gewalt auskommt. Da gab es ja bei den Jugendlichen oft kein Lernfeld in ihrer Umgebung. Es geht dann darum, diese neuen, alternativen Verhaltensweisen immer wieder im Alltag neu zu üben und zu erkennen, wann sie gezogen werden müssen.

mokant.at: Wie ist das Feedback von den Jugendlichen selbst zur Sozialnetzkonferenz?
Klaus Priechenfried: Gut bis jetzt. Wir haben ein paar wenige Rückfälle, leider Gottes, aber meistens geht es gut. Die Jugendlichen selbst sind sehr froh, weil die Haft ist für sie verheerend.

mokant.at: Sie schreiben ja in Ihrem Wienbericht vom Oktober 2013, dass Jugendliche im Gefängnis eine Grundschulung in „Hackordnung, Aggression und Demütigung“ erfahren. Kann man so den Jugendstrafvollzug beschreiben?
Klaus Priechenfried: Es liegt mir fern, die Kollegen dort anzuschwärzen, die können da gar nicht anders. Irgendwann schließen sie die Tür hinter den Jugendlichen und dann sind die in der Zelle allein. Und was sich in der Zelle abspielt, wissen auch die Justizbeamten nur zum Teil. Im vergangenen Jahr als dieser Vorfall passiert ist, wurden ja schon um drei Uhr Nachmittags die Zellen zugesperrt. Dann waren die Jugendlichen alleine, oft das ganze Wochenende. Jetzt muss man sich vorstellen, eine Zelle mit vier Betten zu haben und Siebzehnjährige alleine zu lassen. Das geht schief! Vier Jugendliche, die keinen Auslauf haben, die nur in einem Raum eingesperrt sind. Wie man im zivilen Leben zurecht kommt, lernt man da ganz sicher nicht. Im Gegenteil, das verlernt man ganz systematisch.

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mokant.at: Wo sind ihrer Erfahrung nach die Grenzen von Bewährungshilfe?
Klaus Priechenfried: Wenn die Leute mit uns zusammenarbeiten und mit uns eine Beziehung aufbauen, dann sind die Chancen groß. Es gibt aber natürlich die Schwierigkeit, dass Jugendliche nicht hier auftauchen, verschwinden und erst wieder nach einiger Zeit hier ankommen. Das sind dann die Grenzen, die uns gesetzt sind. Wenn die Jugendlichen nicht kooperieren.

 

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Astrid Aringer war als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: astrid.aringer[at]mokant.at

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