Kunstforum: Stanley Kubrick – Eyes Wide Open

Das Bank Austria Kunstforum in Wien präsentiert in der Kooperation mit dem Museum of the City of New York und GAMM Guinti (Florenz) erstmals Kubricks Fotoessays. Zu sehen ist die Ausstellung noch bis 13. Juli 2014.

Die Verschwörungstheorie, dass Kubrick die US-Mondlandung 1969 gefaked hätte, hält sich sogar noch bis heute. Er habe nur eine Mondkarte vor der Kameralinse hin und her bewegt und damit eine halbe Millionen Menschen belogen. Argumentationen in diesem Bereich bringen nicht viel, es endet in der klassischen Huhn-oder-Ei-Debatte. Ein anderer Mythos über Kubrick ist aber zu bestätigen: Er hatte Flugangst, trotz Pilotenschein.

Wovor sich Stanley Kubrick wohl noch gefürchtet hat? Wahrscheinlich vor dem Mittelmaß. Er war Architekt, Regisseur, Pilot, Fotograf und Mythos. Kaum ein Regisseur hat in den Köpfen der Menschheit für so viel Verwirrung und Fragezeichen gesorgt wie er. In Eyes Wide Open kann man nun die fotografische Seite des Genies kennenlernen.

Keine willkürlichen Schnappschüsse
Kubrick hat sein erstes Foto, an das Look-Magazin, mit sechzehn Jahren verkauft. Damit begann seine Kariere als Fotograf. Eine lebensprägende Phase Kubricks, der bis dato wenig Beachtung zugekommen ist. Bei Betrachtung der Fotos: eindeutig zu wenig!

Die Ausstellung im Bank Austria Kunstforum zeigt 300 Fotoessays von Kubrick. Essays darum, weil seine Fotos nicht nur willkürliche Schnappschüsse sind, die mit Photoshop aufgepeppt wurden, sondern weil jede Serie eine Geschichte erzählt. Eine dieser Essays nennt sich: tale of a shoe shine boy. Eines der beeindruckensten Werke der Ausstellung. Kubrick begleitet den zwölfjährigen Mickey, der als Schuhputzer in den Straßen New Yorks arbeitet. Der kleine Junge ernährt damit seine gesamte Familie. Die mit zehn Köpfen nicht klein ist. Die Fotos zeigen den Jungen losgelöst von seiner Routine. Die Arbeit unterscheidet sich maßgeblich von seinen anderen Fotoserien. Erstmals begleitet Kubrick keine Schauspieler oder Prominente. Er macht einen einfachen Jungen aus Brooklyn zum Protagonisten.

Bei Kubrick muss man auf das Licht achten. Er verabscheute das künstliche Licht und versuchte so viel wie möglich mit dem vorhandenen Tageslicht zu arbeiten. Es wird zu einem Wechselspiel von Licht und Dunkel, das jedes Bild zu einem Gedankenmonument macht.

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(c) Bank Austria Kunstforum

Wie mit dem Lineal abgemessen
Sehr erstaunlich ist auch sein Interesse an den natürlichen Schnappschüssen. Er wollte keine inszenierten Bilder wie Fotos von Frauen, die mit übereinandergeschlagenen Füßen auf einem Stuhl sitzen und vor lauter Grinsen kurz vor einer Gesichtssperre stehen. Kubrick lichtete die Wirklichkeit ab, könnte man sagen, wenn da nicht sein Auge für Perfektion wäre. Er schaffte gekonnt natürlich wirkende Situationen, die aber von ihm bewusst in Szene gesetzt wurden. Viele Bilder wirken wie mit dem Lineal abgemessen. So auch die turnenden Seiltänzer der Fotostrecke how the circus gets set.

Ein Bild das sehr heraussticht nennt sich students hugging. Es gehört zu der Fotoserie columbia: its new head is eisenhower. Es scheint als hätte Kubrick gerade ein verliebtes Pärchen in den Universitätsgängen erwischt, als sie alles andere vorhatten, als zu lernen. Es bleibt fraglich, ob Kubrick auch diese Szene inszenierte oder ob die Studenten wohl doch nur eine Pause vom Unialltag brauchten. Mythos bleibt eben Mythos. Jedenfalls ist die Ausstellung sehr sehenswert. Die Fotoessays erstaunen und lassen sogar noch Freiraum für eigene Gedanken. Bis 13. Juli 2014 sind sie noch zu sehen, ehe sie wieder nach Übersee tuckern.

Titelbild: © Bank Austria Kunstforum / Stanley Kubrick: live and love at the New York subway

 

Jennifer Tillmann ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Sie studiert Germanistik und Publizistik an der Universität Wien. Kontakt: jennifer.tillmann[at]mokant.at

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