Rudolf Sarközi: „Zukunft der Roma in Europa hat begonnen“

„Ich möchte den Menschen zeigen, wie wichtig wir für die Gesellschaft sind.“, Rudolf Sarközi im Interview über Integration, Klischees und unbedachte Vorurteile.

In Österreich leben geschätzte 50.000 Roma. Professor Rudolf Sarközi gilt als Österreichs namenhaftester Vertreter dieser Volksgruppe. Im Konzentrationslager Lackenbach geboren und als einer der wenigen Holocaustüberlebenden, kehrte er nach der Befreiung mit seiner Mutter in das Burgenländische Dorf Unterschützen zurück. Für seinen Einsatz als Vermittler, Vertreter und Botschafter erhielt er zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen. Im Interview spricht mokant.at mit dem Vorsitzenden der österreichischen Roma über die Situation seiner Volksgruppe in Europa, Klischees und Integrationspolitik.

mokant.at: Was ist dran an dem Klischee des lebensfrohen musizierenden Roma, der die Freiheit liebt und sein Geld in dem fahrenden Gewerbe verdient?
Rudolf Sarközi: Dieses Romantisierende gibt es hauptsächlich in der Operette. (lacht) Früher zogen viele Roma aus wirtschaftlichen Gründen als Handwerker und Gelegenheitsarbeiter umher. Später lebten sie oft ausgegrenzt in ärmlichen Siedlungen am Rande der Dörfer und Städte. So war die Situation in Wirklichkeit. Dann gibt es einige Roma, die als Musiker ihr Geld verdienen. Mit handgemachter Musik. Diese prägen unsere zentrale Kultur und fördern dieses romantische Bild. Menschen, die überhaupt keinen festen Wohnsitz haben und nur von dem fahrenden Gewerbe leben, gibt es heute kaum mehr.

mokant.at: Gibt es eine eigene, einheitliche Kultur der Roma?
Rudolf Sarközi: Die gibt es nicht. Nicht einmal unter den österreichischen Roma-Angehörigen. Warum? Wir leben in den verschiedenen Nationalstaaten. Die meisten Sinti sind in Deutschland zu Hause und wurden von dieser Kultur geprägt. Wir haben die Kultur übernommen, die in dem Land, der Region überwiegend vorhanden ist. Um das deutsche Beispiel zu wählen: In Berlin wird der Sinti oder Rom genauso preußisch sein, wie der Preuße und in Bayern, genauso bayrisch wie der Bayer!

mokant.at: Bestehen dennoch übergreifende Traditionen?
Rudolf Sarközi: Auch nicht. Es ist so, dass die Religion früher, aber auch noch heute, Menschen sehr prägt. Viele Roma, vor allem die aus dem Balkan, sind orthodoxe Christen. Aber es gibt auch einige europäische Roma, die Muslimen sind oder anderen Religionen angehören. Sehr viele schlossen sich auch den Zeugen Jehovas an. Etliche deutsche Sinti sind Mitglieder der Pfingstgemeinde. Bei uns in Österreich gehören viele Roma dem katholischen Glauben an. Eigene althergebrachte Tradition pflegen wir deshalb nicht. Dadurch, dass wir kein eigenes Mutter- oder Vaterland haben, blieb uns nichts anderes übrig, als die Religion oder die Lebensweise der Staaten in denen wir leben, zu übernehmen.

Foto: (c) Anna Igel

mokant.at: Wie wichtig ist ein Bewusstsein für die eigene Herkunft und Geschichte?
Rudolf Sarközi: Für mich ist das sehr wichtig. Denn über diese konstituiert man auch seine Identität. Gerade aufgrund der schwierigen Vergangenheit unserer Volksgruppe. Niemand braucht sich für seine Herkunft zu schämen. Ich sag immer: Wenn wir uns jetzt in den Finger schneiden, ist Ihr Blut ist genauso rot, wie meines. Wir sehen mit unseren Augen dieselben Farben. Auch wenn ich dunkelhäutig bin und Sie hell sind. So sollte man überhaupt damit umgehen können.

mokant.at: Integration ist ein großes Wort und derzeit wieder in aller Munde. Was verstehen Sie persönlich unter dem Begriff?
Rudolf Sarközi: Integration ist für mich, dass ich mein Leben und meine Kultur so leben kann, wie jeder andere. Dass ich mich zu meiner Volksgruppe und meinem Brauchtum bekennen kann. Das ist für mich Integration, dann hab ich mich integriert. Auch am Arbeitsplatz, im täglichen Leben, egal wo. Keine Assimilation!

mokant.at: Wie lassen sich jene Menschen integrieren, die am Rande unserer Gesellschaft leben?
Rudolf Sarközi: Vorerst müssen diese den eigenen Willen haben integriert zu werden. Leider Gottes besteht für manche aufgrund von Rassismus und Ausgrenzung der Zugang zur Gesellschaft nicht. Dann ist es sehr schwierig, sich zu integrieren. Ich sage immer: Es hilft nix, wenn mein Gegenüber seine Tür nicht öffnet, damit ich die Möglichkeit habe, hineingehen zu können. Ich möchte das bildlich darstellen: Wenn die Tür verschlossen ist, dann traut man sich vielleicht nicht anzuklopfen. Man muss den Menschen auch dazu einladen, ihm zeigen, dass er willkommen ist. Wir müssen Ihnen die Möglichkeit bieten, sich zu integrieren und sie abholen. Zudem ist es wichtig durch Vorbilder zu zeigen, dass Integration in allen gesellschaftlichen Schichten funktionieren kann.

mokant.at: Würden Sie sagen, dass die Roma „In der Mitte der Gesellschaft“ angekommen sind?
Rudolf Sarközi: Ich habe ein Buch geschrieben, das heißt „Vom Rand in die Mitte“. Es gibt Leute, die diesen Titel kritisieren. Die hinterfragen, ob wir denn in der Mitte schon angekommen sind und ob das denn das richtige Wort sei. Doch hätte man damals unsere Überlebenden des Holocausts nicht wieder am Rand der Dörfer und Städte angesiedelt, sondern in die Mitte genommen, so hätte es eine ganz andere Entwicklung gegeben. Wir mussten eng in der Familie zusammen bleiben, denn das war unsere einzige soziale Absicherung. Wir hatten keinen Zugang zur restlichen Gesellschaft. Die Menschen waren uns gegenüber verschlossen, nur aufgrund unserer Abstammung. Heute sehe ich das überhaupt nicht mehr. Worum ich früher gekämpft habe, das gehört heute zum Alltag. Roma leben in Österreich in der Mitte der Gesellschaft!

mokant.at: Sollten die Roma selber mehr in die Öffentlichkeit gehen?
Rudolf Sarközi: Ja, um ein anderes Bild von unserer Volksgruppe zu zeigen. Sie gehen auch in die Öffentlichkeit, nur häufig anonym.

mokant.at: Was halten Sie von der Darstellung der Roma in den Österreichischen Medien?
Rudolf Sarközi:
Aussagen in den Medien wie „Roma aus Ungarn oder Bulgarien…“ sind unangebracht. Es reicht wenn geschrieben wird „Bürger aus Ungarn oder Bulgarien…“. Durch negative Schlagzeilen, wie die über Bettelklans und Diebesbanden, wird die ganze Volksgruppe diskriminiert, Menschen wie ich. Ich gehöre keinem Klan an, ganz im Gegenteil. Außerdem führen entsprechende öffentliche Beurteilungen dazu, dass sich weniger Volksgruppenangehörige zu ihrer Ethnie bekennen.

mokant.at: Warum sind diese Aussagen über die Roma in den Medien unangebracht?
Rudolf Sarközi: Die Medien verbreiten Meinungen, die die Menschen häufig übernehmen ohne selber entsprechende Erfahrungen gemacht zu haben. Es sollte nicht so pauschal über Menschen berichten werden. Über Roma, Bettler, Arbeitslose, egal wen! Man muss sich überlegen: Was steckt hinter dem Menschen, dem Bettler, dem Alkoholiker? Warum ist eine Person in einer bestimmten Situation? Vielleicht hatte der Mensch nie eine andere Chance, weil er immer ausgeschlossen war. Man sollte nicht nur Vorurteile bilden und reproduzieren.

mokant.at: Haben Sie persönlich aufgrund Ihrer Zugehörigkeit zur Volksgruppe der Roma schon Anfeindungen erlebt?
Rudolf Sarközi: Während der Nachkriegszeit, in meiner Kindheit schon. Das war aber eine andere Situation, da war es nichts Besonderes als Roma- Angehöriger ausgegrenzt zu werden. Heute erfahre ich keine Anfeindungen oder Ausgrenzung.

mokant.at: Wodurch hat sich das Verhältnis geändert?
Rudolf Sarközi: Durch die Anerkennung als Volksgruppe und das Attentat von Oberwart. Dabei sind 1995 vier Roma- Angehörige zu Tode gekommen. Diese Tragödie hat damals die österreichische Bevölkerung stark wach gerüttelt.

mokant.at: Ist Antiziganismus also ein Problem, das der Vergangenheit angehört?
Rudolf Sarközi: Nein, mit Sicherheit nicht. Das wird es immer wieder geben, wie auch Antisemitismus. Aber es hat sich einiges zum Positiven verändert. Früher gab es einige Roma Siedlungen. Heute leben Sie verstreut, es findet niemand mehr was dabei, dass ein Roma sein Nachbar ist. In eurer Generation ist das komplett anders. Ihr seid Europäer, bei euch gibt es keinen großen Unterschied zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft oder Ethnie mehr. Wenn ihr euch nicht von irgendwem nach links oder rechts leiten lässt, dann wird das auch in Zukunft so sein. Es liegt in euren Händen was aus unserem Land wird.

mokant.at: Was sollte Ihrer Meinung nach getan werden, damit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Zukunft in unserer Gesellschaft keinen Platz mehr haben?
Rudolf Sarközi: Verfolgung und Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer Ethnie, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit wird es immer in irgendeiner Form geben. Damit muss man sich anfreunden, ob man will oder nicht. Wir haben es etwas schlechter als die Juden, die haben nämlich einen eignen Staat. Auch der österreichische Jude kann Schutz vom Staat Israel ersuchen. Es gibt diplomatische Vertretungen. Wir haben keinen anderen Staat als diesen. Deshalb sag ich immer: Ich bin Österreicher, ich bin Europäer. Ich stehe zu diesem Land, ich habe eine Leistung für dieses Land gebracht und es hat eine für mich gebracht. Wir müssen alle samt dazu beitragen, dass dieser Staat funktioniert. Der Einzelne muss auch seinen Teil dazu beitragen.

Foto: (c) Anna Igel

mokant.at: Wäre es wünschenswert, dass sich österreichische Roma mehr politisch beteiligen?
Rudolf Sarközi: Ich bin der einzige Roma- Angehörige in der österreichischen Politik. Roma sollten sich auch politisch integrieren. So erhalten sie die Möglichkeit mitzugestalten. Kennedy hat die  Menschen gefragt: Was machst du für deinen Staat? Und genau das sage ich auch: Was machst du für deine Volksgruppe? Für mich ist es wichtig, denen zu helfen, die am ärmsten sind und jeder sollte seinen Teil dazu beitragen, damit es allen besser geht.

mokant.at: Wie sehen Sie Österreichs Roma Politik?
Rudolf Sarközi: Wir sind hier als Minderheit vom Gesetz geschützt. Das ist in anderen Ländern nicht so. Es gibt sehr viele EU Länder, in denen es keine gesetzlich anerkannten Volksgruppen gibt. Zum Beispiel in Griechenland oder Frankreich. Auch in Deutschland hat das sehr lange gebraucht. Wir sind in Österreich auch überschaubarer. Das Nächste ist die geopolitische und wirtschaftliche Situation unseres Landes. Natürlich kommen einige Menschen her, weil sie sich in Österreich ein besseres Leben erhoffen. Aber es ist nicht so, dass alle der Armutseinwanderer Roma sind oder dass alle ungebildet sind. Eines Tages werden diese Menschen in Ländern wie Bulgarien und Rumänien fehlen. Wenn man ihnen hier eine Ausbildung ermöglicht und sie gut integriert, werden sie unserem Staat ein großer Gewinn sein.

mokant.at: Wie ist die Situation der Roma in den osteuropäischen Ländern?
Rudolf Sarközi: Die ist teilweise katastrophal. Hier gibt es auch wieder zwei Seiten. Ungarn zum Beispiel wird immer zurecht verteufelt, aufgrund der ultrarechten Garde der Jobbik. Aber ich kenne kein zweites Land, in dem Roma- Angehörige in wichtigen politischen Positionen sitzen. Davon kann ich in Österreich nur träumen. In Ungarn gibt es das! Warum die Situation der Roma dann auch dort vergleichsweise schlecht ist? Das wird an der Wirtschaft liegen und daran, dass die Politiker es verabsäumt haben in bestimmte Regionen mehr zu investieren. Man muss die ganze Region hochziehen. Bei den Roma etwas mehr, wenn es denen schlechter geht. Wenn Länder wie Bulgarien und Ungarn mehr in Bildung investieren würden, sähe dort die Situation schon ganz anders aus. Gleichzeitig müssen die Leute auch bereit sein, diese Gebiete zu verlassen, wenn sie erkennen: In diesem Land oder Gebiet komme ich nicht weiter.

mokant.at: Wenn das Bildungsniveau der Roma in einigen Ländern Osteuropas schlechter ist als das der Mehrheitsbevölkerung, wie sollte die EU hier eingreifen?
Rudolf Sarközi:
Die Fördergelder der EU sind im Grunde vorhanden. Nur die Länder holen sie nicht ab. Die Leute sind ihnen das nicht wert. Sie würden das Geld lieber woanders investieren, als in eine bessere Schulbildung oder in die Gründung von Firmen. Die Vergabe von Minikrediten wäre eine Möglichkeit um Menschen in die Selbstständigkeit zu führen. Aber diese wird nur teilweise aufgegriffen. Es gibt schon einige Projekte im Bereich der Landwirtschaft oder des Handwerks, wo Roma eingebunden sind. Auch in Ländern wie der Slowakei oder Ungarn. Man muss die Menschen nur irgendwo beteiligen, sie beschäftigen, ihnen die Möglichkeit bieten durch Arbeit ein Einkommen zu erzielen. Vor allem die jungen Menschen müssen lernen jeden Morgen in der Früh aufzustehen und an dem Arbeitsplatz zu sein. Und dort sieben oder acht Stunden zu arbeiten.

mokant.at: Was möchten Sie in den nächsten und letzten fünf Jahren ihrer Amtszeit noch erreichen?
Rudolf Sarközi: Probleme wie Ausgrenzung und Rassismus abbauen. Außerdem noch mehr in Bildung investieren. Damit unsere Jugend aufrecht stehen und mehr Selbstbewusstsein erlangen kann. Durch Bildung sind wir gesellschaftlich anerkannt. Ich investiere in Nachhilfe-Unterreicht für Roma Kinder und Studienbeihilfen. Der ganz andere Schwerpunkt ist das Gedenken, Mahnen und Erinnern. Gedenkstätten zu errichten ist mir sehr wichtig. Das Gedenken soll nicht nur an bestimmten Tagen stattfinden. Es soll nicht belasten, aber das Bewusstsein muss vorhanden sein.

mokant.at: Sie plädieren seit einiger Zeit immer wieder dafür, einen EU- Kommissar für Minderheitsfragen einzuführen. Was wären dessen konkrete Aufgaben?
Rudolf Sarközi: Das ist das nächste große Ziel. Es soll einen Ansprechpartner, einen Verantwortlichen für Minderheitsfragen geben. Die Länder müssen ihre Pflichten erfüllen und wenn sie das nicht tun, muss es Sanktionen geben. Dafür hat ein Abgeordneter für Minderheitsfragen zu sorgen.

mokant.at: Wie soll die Zukunft für Roma in Österreich aussehen?
Rudolf Sarközi: Ich würde mir wünschen, dass sich jeder unserer Angehörigen frei und offen zu seiner Volksgruppe bekennt. Dass er sich als Staatsbürger seines Landes fühlt und gesellschaftlich voll integriert ist. Keine Assimilation. Für mich bedeutet es viel, den Menschen zu zeigen, wie wichtig wir für die Gesellschaft sind. Dass wir ein Teil dieses Volkes sind. Und zu Österreich, unserem Heimatland gehören. Mehr will ich gar nicht. Ich muss gleichzeitig aber auch meine eigenen Volksgruppenangehörigen dazu bringen, mitzuhelfen. Beide Seiten müssen zusammenarbeiten. Ich sage es immer wieder: Die Zukunft der Roma in Europa hat begonnen.

Das Interview für mokant.at führte Hanna Winterfeld

Titelbild: (c) Anna Igel

kultur@mokant.at'

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