SDP: „Dann sind wir jetzt halt eine Partei“

Die Berliner Band SDP spricht im mokant.at-Interview über Jugendsünden, Zukunftspläne, Lieblingslieder und Verbindungen zu Österreich.

Im März 2014 sind Vincent und Dag von der selbersternannten bekanntesten unbekannten Band der Welt mit ihrem neuen Album Bunte Rapublik Deutschpunk auf Tour und spielten dabei am 12.3. im B72 auch ihr erstes Konzert in Österreich, zumindest das erste offizielle. Das ist umso verwunderlicher, weil sich Vincent in Österreich wie zuhause fühlt und auch Dag Verbindungen zu Österreich hat. Warum man, wenn man einen schlechten Tag hat, gleich ein Arschloch ist, Dag sich für seine alten Songs fremdschämt und was die beiden machen würden, wenn sie keinen Erfolg mit der Musik gehabt hätten, gibt es hier nachzulesen.

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Foto: (c) Raimund Appel

mokant.at: Wie oft werdet ihr für sozialdemokratische Politiker gehalten?
Dag: Diese Frage bekommen wir oft gestellt. Wir sind mittlerweile ein wenig genervt davon. Aber zum neuen Album haben wir halt gesagt: „D’rauf geschissen, dann sind wir jetzt halt eine Partei“. Mittlerweile sind wir ja, wie du sicher weißt, auch wirklich Politiker. Wir sind die Staatslenker der Bunten Rapublik Deutschpunk und von daher kommen wir jetzt damit klar. Mit Sozialdemokraten wollen wir aber nicht verwechselt werden, weil es uns ja um musikalische Anarchie geht. Aber Politiker sind wir jetzt eben doch.

mokant.at: Im Nachhinein seid ihr also von der Verwechslungsgefahr eher genervt. War die Ähnlichkeit damals Absicht?
Vincent: Also eine Absicht war es damals nicht. Wir kennen uns ja seitdem wir 12 Jahre alt sind oder so und wenn man sich mit 16 einen Bandnamen überlegt, dann wird der halt… Darum haben wir uns für SDP entschieden, was ja eigentlich nur die Abkürzung von unserem ursprünglichen Namen ist.
mokant.at: Stonedeafproduction…
Vincent: Pssscht! Damals fanden wir das super cool, heute finden wir den originalen Namen nicht mehr so pralle und deshalb SDP. Aber wie du schon gesagt hast, die Frage mit den Politikern kommt dauernd. Damit haben wir auf den letzten beiden Alben aufgeräumt. Einmal Die bekannteste unbekannte Band der Welt und jetzt eben Bunte Rapublik Deutschpunk. Das war unser musikalischer Befreiungsschlag.

mokant.at: Wie oft wird die bekannteste unbekannte Band der Welt mittlerweile auf der Straße erkannt?
Dag: Das kommt darauf an, wo man gerade ist und ob ich jetzt alleine mit Kapuzenjacke durch Spandau spaziere oder mit Vincent gemeinsam auf einer Party bin, wo viele Leute sind, die auch in das Alter und das Spektrum reinpassen.
Vincent: Man wird vor allem deutlich öfter erkannt, wenn man zu zweit unterwegs ist. Da werden wir eigentlich noch fast jedes Mal erkannt. Alleine eben weniger.

mokant.at: Freut man sich da in eurem Status noch darüber oder ist es schon nervig?
Vincent: Also es gibt ja Bands, die besonders aggressive oder böse Musik machen. Die werden dann in der Regel auch etwas unangenehmer erkannt. Aber bei uns sind das ja alles nette Leute. Das Schlimmste was passiert ist, dass man gerade voll verpennt aussieht und man muss ein Foto machen.
Dag: Aber man ist ja auch nur ein ganz normaler Typ und ist vielleicht gerade genervt oder hat es eilig. Da muss man dann aufpassen, weil sobald man kurz angebunden ist oder so, ist man gleich das Arschloch. Aber das muss man manchmal halt in Kauf nehmen. Man kann nicht immer der Übernette sein, man ist ja auch nur ein Mensch. Aber wir freuen uns natürlich …
Vincent: … als Politiker halt.
Dag: Ja, als Politiker muss man auch mal ein paar Hände schütteln und grinsen!

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Foto: (c) Raimund Appel

mokant.at: Ihr steht jetzt am Anfang eurer Tour. In den ersten 13 Tagen habt ihr 12 Auftritte. Ganz ehrlich, macht das noch Spaß?
Vincent: Also für mich ist auf Tour sein generell eine der geilsten Sachen überhaupt. Das ist so wie eine riesengroße Klassenfahrt. Unser Tourbus ist ein bisschen so wie ein rollendes Hotel. Wir sind zehn Kumpels. Es sind nur Leute dabei, die man auch persönlich gerne hat und da freut man sich auch das ganze Jahr darauf. Man muss halt aufpassen, dass man nicht krank oder heiser wird. Das haben wir schon einmal erlebt und das ist nicht lustig.
Dag: Natürlich ist es anstrengend, aber es macht übelst Spaß. Das kommt immer darauf an, was man für ein Spaßverständnis hat. Für viele Leute darf Spaß ja nicht anstrengend sein. Für mich ist das nicht so, nicht nur bei der Musik. Mir machen Sachen Spaß, wo man Power geben muss und die einen unter Druck setzen. Deswegen macht mir die Tour, auch wenn sie krass anstrengend ist, enorm Spaß.

mokant.at: Weil hier am Tisch ein Bier steht – geht das überhaupt? Kann man sich einen Kater erlauben, wenn man am nächsten Tag wieder ein Konzert hat?
Dag: Ja, kann man. (lacht) Aber wenn man sich an den ersten beiden Tourtagen schon die Kante gibt, dann geht das natürlich auf die Stimme. Man kann schon feiern, man kann schon mal ein bisschen betrunken sein, aber dass man auftrittsbereit ist, das ist man den Leuten und auch den Anderen schuldig.
Vincent: Das Wichtigste ist natürlich der Auftritt. Aber wenn man jetzt gerade einen super Auftritt gemacht hat und das ganze Adrenalin hat, dann gehen ein, zwei, drei, vier …
Dag: fünfzehn …
Vincent: … fünfzehn, sechzehn Bier schon. (lacht)

mokant.at: Ganz etwas Anderes: Dag, du hast Germanistik studiert. Vincent, du Musik-, Kommunikations- und Erziehungswissenschaften. Was wäre euer Plan B gewesen, wenn es mit dem Musik machen nicht geklappt hätte?
Vincent: Also ich wusste schon seitdem ich relativ jung war, dass ich irgendetwas mit Musik machen möchte. Ich könnte mir auch vorstellen bei einem Radiosender zu arbeiten, in einer Plattenfirma oder bei einer Zeitschrift. Aber ich war mir immer sicher, egal was passiert, ich will etwas mit Musik machen.
Dag: Ich wusste auch spätestens mit 18, dass ich hauptsächlich Musik machen will. Aber ich wusste nie, wie das klappen kann. Musiker ist ja kein Beruf, wo man von irgendwem eingestellt wird. Ich habe halt neben dem Studium und dem Parkour, ich bin ja auch Parkour-Trainer, immer versucht möglichst viel Platz für Musik zu halten. Wenn es nicht geklappt hätte, hätte ich wahrscheinlich mehr auf der Uni oder eben als Trainer gemacht.

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Foto: (c) Raimund Appel

mokant.at: Ich weiß ja gar nicht, ob man das erwähnen darf, aber ihr seid beide letztes Jahr 30 geworden.
Vincent: Ja, jetzt geht das Leben los!
mokant.at: Was macht ihr in zehn Jahren? Immer noch „Hurra, hurra, die Schule brennt“ singen und Mittelfinger verteilen?
Vincent: Da muss man mal schauen. Dag und ich, wir kennen uns ja, wenn man unser Leben betrachtet, schon länger als wir uns nicht kennen. Das Ganze war ja nie so wirklich geplant. Wir waren halt immer beste Kumpels, haben gemeinsam Klingelstreiche gemacht und dann halt irgendwann gemeinsam was auf Kassetten-Rekorder aufgenommen. Aber wir haben nie gesagt: „Wir starten jetzt als Band durch“. Es hat aber dann durch Zufall irgendwie doch geklappt, dass die Leute die Musik cool fanden, auf die wir selber Bock haben. Ich denke mal, so werden wir das weitermachen. Wenn das in zehn Jahren vielleicht keiner mehr cool findet, dann werden wir wahrscheinlich trotzdem immer noch Musik machen.
Dag: Ja, also ich kann mir vorstellen, dass ich mit 40 sage: „Ich singe jetzt auf keinen Fall nochmal „Leiche“ – mache ich nicht mehr, ist vorbei“. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass ich sage „Der Song von früher ist voll witzig – singe ich gerne“. Das weiß man halt nicht. Ich habe mit 20 auch nicht gewusst, wie ich mit 30 sein werde. Das Gute an SDP ist halt, dass wir uns alle Türen offen gehalten haben. Wir können ja alles machen, vielleicht ist beim nächsten Album ja schon die Hälfte Balladen-Scheiße. Keine Ahnung.
Vincent: Das ist bei unserer Musik einfach das Geile. Wir haben immer genau die Musik gemacht, auf die wir gerade Bock hatten. Hatten wir gerade Herzschmerz, haben wir an dem Tag halt so einen Toten Hosen mäßigen Liebessong gemacht, haben wir Lust auf Party gehabt, haben wir halt Party-Musik gemacht. Bisher haben wir das Glück gehabt, dass die Leute das dann auch hören wollten. In zehn Jahren werden wir auch genau das machen worauf wir Bock haben. Entweder es gefällt dann noch jemanden oder eben nicht.

mokant.at: Kann man sich seine eigene Musik eigentlich privat anhören?
Dag: Man hört sich selbst nicht wie andere Musik. Alte Lieder sind dann nochmal ganz was Anderes, weil man so eine Art Fremdschäm-Faktor seinen eigenen alten Sachen gegenüber entwickelt. Aber ich höre es mir auf jeden Fall an, aber halt auf eine andere Art.
Vincent: Also bei mir ist das so, dass wenn wir ein Album fertig gemacht haben, dann kann ich es erstmal nicht mehr hören. Ich brauche dann einen gewissen Abstand dazu. Ich feiere es total während wir die Songs machen, aber dann brauche ich halt ein bisschen Zeit. Aber irgendwann macht es dann wieder Spaß die Songs zu hören.
Dag: Das geht mir aber auch so. Es gibt da so Phasen, da kann ich es auf keinen Fall hören und werde voll aggro davon.
Vincent: Ja, und Dags Strophen höre ich mir generell nicht an.
Dag: Klar, ich skippe Vincents Strophen auch immer.

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Foto: (c) Raimund Appel

mokant.at: Hat man sowas wie ein Lieblingslied von seinen eigenen Songs?
Dag: Phasenweise …
Vincent: Ich habe so meine Lieblingslieder auf jedem Album.
mokant.at: Wenn du ein einziges Lied wählen müsstest?
Vincent: Von allen die wir jemals gemacht haben?
mokant.at: Ja.
Vincent: Das ist nicht möglich … Das ist wirklich nicht möglich. Weil die Songs so unterschiedlich sind, auch von der Stimmung her. Also wenn wir jetzt nur Liebeslieder hätten, dann könnte ich dir vielleicht mein Lieblings-Liebeslied sagen, aber …
mokant.at: Welches ist dein Lieblings-Liebeslied?
Vincent: … Ich glaube „Ich muss immer an dich denken“, aber das wechselt halt. Momentan ist es das.
Dag: Mir geht es eigentlich auch voll ähnlich. Es gibt Lieder, wo wir zusammen einfach voll geil SDP-mäßig klingen. Aber es gibt halt auch andere Lieder wie „Candle Light Döner“, die ich aus einem Feeling herausgeschrieben habe und die voll meine persönlichen Gefühle betreffen. Von dem her kann ich die schwer vergleichen und sagen, dass ein Song besser ist als der andere.

mokant.at: Abschließend: Warum hat es so lange gedauert bis ihr nach Wien gekommen seid?
Dag: Es ist ja nicht unser ganz erster Auftritt in Österreich. Mein Vater lebt seit zehn Jahren in Österreich und bei dem haben wir mal im Garten gespielt.
Vincent: Auf so einem alten Bauernhof bei einer Hof-Feier. Ich bin aber auch traurig, dass es so lange gedauert hat, bis wir nach Wien gekommen sind. Wobei es ja eigentlich erst unsere zweite Tour ist, obwohl es uns ja schon so viele Jahre gibt. Also müsste man eigentlich sagen, dass wir schon in Wien sind. Ich habe nämlich zu Österreich ein ganz spezielles Verhältnis. Ich bin halber Österreicher, auch wenn es man mir nicht anhört. Ich bin zwar in Berlin geboren und aufgewachsen, aber mein Vater und meine ganze Familie väterlicherseits kommt aus der Steiermark. Die sind auch heute alle beim Konzert und darum bin ich auch viel aufgeregter als bei jedem anderen Konzert.
Dag: Ja, mein Vater wohnt auch in der Steiermark und meine Mutter ist seit über 20 Jahren mit einem Österreicher zusammen.
Vincent: Ich habe, wenn ich nach Österreich komme und den Dialekt höre, schon ein sehr starkes Zuhausegefühl.
Dag: Vincent heißt ja eigentlich auch nicht Vincent, sondern Wiencent. (lacht)
Vincent: Von daher haben wir eine sehr starke Österreich-Verbundenheit.

Passend dazu: Review zum neuen Album Bunte Rapublik Deutschpunk

Titelbild: (c) Raimund Appel

Michael Nowak ist als Chef vom Dienst und stv. Chefredakteur für mokant.at tätig. Er studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie Geschichte an der Universität Wien. Kontakt: michael.nowak[at]mokant.at

2 Comments

  1. Sascha Schlüter

    20. März 2014 at 21:11

    sehr cooles interview 🙂 ich feier das sehr gut und locker geführt …gut gemacht

  2. Sdp!

    13. Juli 2014 at 16:11

    Sympathischste Band der Welt!

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