Selbstversorgungshof: „Soweit es gut geht“

Foto: (c) Astrid Aringer

Zwei Neobauern über ihr neues Leben in der Selbstversorgung am
Platfarming-Bauernhof.

Auf der Fahrt werden die Straßen nach und nach immer enger, die Häuser weniger und ringsum befinden sich vor allem Wiesen und Bäume. Es ist kalt an diesem Spätfebruartag, draußen regnet es und der Himmel ist grau. Am Ziel angekommen, deutet optisch nichts darauf hin, dass man sich auf einem Selbstversorgungs-Bauernhof befindet. Es ist ein klassischer Dreikanthof, der weiß verputzt ist, einen hölzernen Stall hat und eine Garage für Traktoren und Autos bietet. Die Wienerin Bella ist vor kurzem hierhergezogen, um mit Jungbauer Alois ihren gemeinsamen Traum vom Leben in der Selbstversorgung am Gemeinschaftsbauernhof zu verwirklichen. Dabei sind die beiden weder ein Paar, noch kennen sie einander besonders lange.

Dumpstern statt einkaufen?
An der Eingangstüre werden wir von Bella und Alois begrüßt und in die Bauernstube, mit Küche und Eckbank weiter gebeten. Wir begegnen auch kurz den Großeltern des Jungbauern, die ebenso hier wohnen. Vor einigen Jahren haben sie den Hof ihrem Enkel überschrieben. „Wir machen heut an Apfelstrudel“, erklärt der Niederösterreicher überraschend. Bella beginnt die Äpfel zu schälen und zu schneiden, während Alois die Aufgabe des Nüsseknackens zukommt. Die Äpfel, Nüsse und Eier für den Strudel stammen aus Eigenanbau, während die restlichen Zutaten gedumpstert sind. Beim Dumpstern werden weggeworfene Lebensmittel, aus dem Müll gesammelt. Die Beiden versuchen, so selten wie möglich einkaufen zu gehen. Die klassische Nahrungsmittelindustrie mit seiner Überschussproduktion wollen sie nicht mehr unterstützen, meinen sie. Deswegen holen sie lieber noch genießbares Essen aus dem Müll, bevor es verdirbt. Aber keine Fertigprodukte, betonen sie. „Die Großeltern sind aber nach wie vor etwas skeptisch und peinlich berührt, Nahrungsmittel aus dem Müll zu essen“, erzählt Alois.

Während Bella die Apfelfüllung in den Strudelteig füllt, beginnt sie zu erzählen, warum sie vor Kurzem beschlossen hat, auf einen Selbsterhalterhof zu ziehen. Wenige Monate zuvor hat sie noch in einem Büro als Assistentin gearbeitet, in einer kleinen Wohnung in der Wiener Innenstadt gewohnt und an den Wochenenden ihre Freunde getroffen. Doch dieses Leben war für sie nicht mehr erfüllend, erzählt sie: „Ich wollte meinen Job immer nur so lange machen, solang er mir Spaß macht und seit einiger Zeit war das nicht mehr so“. Schon früher hegte sie immer wieder den Traum auszusteigen und sich selbst zu versorgen. „Das ist irgendwie von innen herausgekommen, so ganz kann ich das gar nicht erklären“, beschreibt sie ihren Entschluss, diesen Weg einzuschlagen.

Foto: (c) Astrid Aringer

Foto: (c) Astrid Aringer

Im Herbst 2013 begab sich die Wienerin schließlich auf die Suche nach Gleichgesinnten und wurde bei einem Informationsabend über ehrenamtliche Mitarbeit auf Bauernhöfen in Wien fündig. Einer der anwesenden Teilnehmer erzählte ihr von Alois, einem jungen Niederösterreicher, der gerade dabei war, ein auf gemeinschaftlicher Arbeitsteilung basierendes Selbsterhalterprojekt am Bauernhof seiner Großeltern aufzubauen. Dieser hätte bei einem Vortrag auf der Universität für Bodenkultur erwähnt, dass er noch Leute für sein Vorhaben suchen würde. Kurzerhand kontaktierte Bella den Jungbauern und schon nach dem ersten Treffen fasste sie den Entschluss zu Alois zu ziehen: „Ich hab ihm erzählt, dass ich das längerfristig machen möchte und er hat mir alles gezeigt. Ich hab Glück gehabt, dass wir uns gleich so gut verstanden haben“. Seit dem ersten Treffen im Herbst verbrachte Bella die Wochenenden am Hof, um zu testen, ob ihr Traum vom idyllischen Leben am Bauernhof auch der arbeitsreichen Realität stand hält. Im Dezember kündigte sie Job und Wohnung in Wien, vor Kurzem hat sie ein Studium begonnen, dass sich unter anderem mit landwirtschaftlichen Themen auseinandersetzt. Ende Jänner zog sie dann ganz bei Alois ein.

 „Vor industriellem Essen hat mir gegraust“
Nachdem der Jungbauer den Apfelstrudel ins Rohr gegeben hat, machen wir uns zum Stall auf, wo die Schalen der verarbeiteten Äpfel an die Schafe verfüttert werden. Alois selbst ist bis zu seinem 14. Lebensjahr am Hof seiner Großeltern aufgewachsen und hat anschließend eine Landwirtschaftsschule besucht. Damals war sein Interesse an Landwirtschaft noch nicht sehr ausgeprägt und die Mithilfe am Hof eher Muss, denn Freude. Nach der Schule zog es ihn nach Wien, wo er sein Studium der Kulturtechnik- und Wasserwirtschaft begann und für einige Jahre lebte. Während dieser Zeit entwickelte sich sein Interesse für Lebensmittel aus Eigenproduktion. „Warum, weiß ich selbst jetzt gar nicht so genau“, meint er. Ein Auslöser dafür war wohl seine Ablehnung der industrialisierten Landwirtschaft. „Ich wollte dann nicht mehr einkaufen gehen, weil mir graust hat. Da war so ein Ekel vor den meisten verarbeiteten Produkten, weil sie einfach unnatürlich und schädlich wirken. Das bestätigen ja mittlerweile viele Ernährungsstudien“, erzählt er.

Foto: (c) Astrid Aringer

Foto: (c) Astrid Aringer

Alois beschloss, wieder auf den Hof der Großeltern zurückzukehren. Dort begann er vor drei Jahren den  Bauernhof, sowie den Obstgarten auszubauen und Fleisch selbst zu produzieren: „Damit ich wieder vor mir selbst rechtfertigen kann, Fleisch zu essen“, meint er. Immer mehr Produkte wurden im Laufe der Zeit selbst her gestellt – „Das hat sich dann einfach schrittweise ergeben“. Gemüse- und Obst, Honigprodukte, Eier und Schafffelle sind ein kleiner Auszug der Produkte, die am Hof mittlerweile selbst hergestellt werden. Alois Augen leuchten, während er bei der Hofbesichtigung das vier Hektar große Gelände zeigt und seine neuen Projekte vorstellt. Der Stall der Schafe und Hühner wurde von ihm mit Holz aus dem eigenen Wald, sowie vom örtlichen Müllplatz aufgebaut. Wiederverwertung ist ihm ein großes Anliegen. Der Jungbauer experimentiert gerne und beschäftigt sich mit ungewöhnlichen Anbaumethoden. Kürzlich haben Bella und er verschiedene Pilzsorten in Baumstämme eingepflanzt, erzählen sie. Wenn sie reif sind, müsse man drei Mal auf den Baumstamm klopfen, dann beginnen sie aus dem Baumstamm zu wachsen. Shiitake-Pilze sind jetzt auch in Niederösterreich beheimatet.

 „Nicht mit Zwang alles selbst anbauen“
Im Anschluss zeigen die Jungbauern den neuen Erdäpfelacker und die Bienenstöcke. Doch längst nicht alle Nahrungsmittel des täglichen Bedarfs werden am Hof selbst angebaut. Von einem richtigen Selbstversorgerhof könne man eigentlich noch nicht sprechen, meint Alois. Getreide, Milch und Fleisch bekommen sie von ihren Nachbarn, einem Biobauern, der einen Teil von seinem Grundstück gepachtet hat: „Insofern stammt’s ja wieder vom eigenen Grund“, sagt Alois. Das Thema Selbstversorgung gehe er entspannt an. „Es muss auch nicht alles zwangsweise selber gemacht werden, was ich esse, aber alles, was halt Spaß macht, soweit es interessant ist und soweit es gut geht“. Circa 50 Prozent der Nahrungsmittel des täglichen Bedarfs werden am Hof selbst hergestellt, der Rest wird gedumpstert. Wenn die Pläne der beiden Jungbauern aufgehen, so könnten in Zukunft bis zu 80% aller Nahrungsmittel selbst produziert werden, schätzen sie. Wir gehen weiter und die beiden zeigen, inwieweit der Ausbau des Hofes vorangeschritten ist. Das Obergeschoss ist noch nicht ganz fertig, im Seminarraum soll demnächst der neue Boden verlegt werden.

Generationenübergreifende WG
„Also, im Moment sind wir ja eine generationenübergreifende Vierer-WG“, schmunzelt Alois, während wir die Baustelle besichtigen. Wenn der Ausbau des Hofes beendet ist, sollen in naher Zukunft neben der Wienerin bis zu vier weitere Personen auf den Hof ziehen. Zusätzlich möchten sie temporäre Mitbewohner, wie Wwoofer (Anmerkung der Redaktion: Beim Wwoofing arbeiten Menschen gegen freie Kost und Logis temporär auf Biobauernhöfen), Couchsurfer und andere Leute aufnehmen. „Platfarming“, nennt sich das Konzept, an dem sich die Pläne für den Gemeinschaftsbauernhof anlehnen. Wie der Name schon andeutet, wird hier Menschen eine Plattform für gemeinsames Arbeiten und Leben am Bauernhof geboten.

Foto: (c) Astrid Aringer

Foto: (c) Astrid Aringer

Doch wie wird es für die Großeltern, wenn plötzlich bis zu fünf weitere, wildfremde Personen am Hof leben werden? Bereits vor 29 Jahren hätten sechs Personen auf noch kleinerem Raum als jetzt zusammen gelebt, wirft Alois ein. Zudem hätten sie ja auch ihren eigenen, räumlich abgetrennten Wohnbereich, wo sie ihre Privatsphäre wahren können. Allerdings gibt er zu, dass sie in gewisser Weise mit seinem Projekt zwangsbeglückt wurden: „Das ist mir klar, aber bis auf ihren Tod zu warten, um meinen Traum zu leben, wäre noch unfairer ihnen und mir gegenüber“. Vor allem sein Großvater war anfangs nicht begeistert von den Zukunftsplänen seines Enkels. Doch seit die neue Mitbewohnerin Bella da sei, wären beide immer entspannter“, findet er. Sie helfe den beiden ja auch bei der Arbeit. „Und ich sehe ja auch, wie sie aufleben wenn sie ihr Wissen weitergeben können und mit neuen Menschen interagieren“, meint er.

Jeder macht, was er will?
Die zukünftige Arbeitsteilung am Gemeinschaftsbauernhof stellen sich beide recht idyllisch vor. Alle Mitbewohner sollen einfach die Arbeiten übernehmen, die ihnen am meisten Spaß machen. Doch was tun, wenn das nicht funktioniert? Was ist, wenn niemand die unangenehmen Tätigkeiten übernehmen will und sich Konflikte ergeben? Beide schließen das aus. Sie sind der Überzeugung, dass bei sechs Personen jeder andere Vorlieben haben wird. „Ich übernehme sowieso gerne alle Arbeiten, die überbleiben“, meint der Niederösterreicher. Bella wirft ein, dass sie momentan ohnehin alles ausprobiere, weil ihr in vielen Bereichen noch die Erfahrung fehle. Alois interessiere sich zudem besonders für die Fleischproduktion, während die Wienerin vor allem die Gartenbewirtschaftung und die Gewinnung von Wolle übernehmen werde. „Außerdem sollen ja nicht irgendwelche Leute am Hof zusammen wohnen, sondern Menschen, die sich besonders für Landwirtschaft in allen sein Facetten interessieren“, meint Alois abschließend.

Erwerbsarbeit zum Überleben notwendig
„Doch die zukünftige Gemeinschaft wird nur dann überleben können, wenn sie auch andere Einnahmequellen hat“, ist sich Alois sicher. Deswegen hat er einen Plan für das finanzielle Überleben der Gemeinschaft entworfen. In Zukunft möchte er, dass mindestens zwei Personen einer Erwerbsarbeit nachgehen und rund 50 Prozent ihres Einkommens solle dann in die Hofkassa fließen. Mit dem Geld würden dann Dinge gekauft werden, die der Gemeinschaft zugute kämen. Saatgut, Samen, Werkzeuge und Reparaturen sollen dadurch finanziert werden. Die nicht erwerbstätigen Mitbewohner könnte er geringfügig über den extra gegründeten Verein am Hof anstellen, damit auch sie versichert sind. Eine weitere Einnahmequelle soll der Seminarraum werden. Dieser soll gegen Miete für Seminare und Workshops zur Verfügung gestellt werden. Ein befreundeter Waldpädagoge möchte in Zukunft regelmäßig mit Schulklassen den Hof besuchen, eine andere Bekannte Familienaufstellungen im Seminarraum abhalten.

Schon jetzt gäbe es viele Interessenten aus dem nahegelegenen St.Pölten, welche sich am Gemeinschaftsgarten beteiligen möchten. Regelmäßig kämen auch Leute vorbei, die selbst ähnliche Hofprojekte aufbauen möchten. Die Frage nach neuen Mitbewohnern sehen die Neobauern daher gelassen: „Was sich halt ergibt“. Wichtig für beide ist, dass Menschen mit demselben Ziel zusammenfinden. Bella scheint sich in ihrem neuen Zuhause wohl zu fühlen. Regelmäßig postet sie Updates auf einer eigens gegründeten Facebookseite für das Bauernhofprojekt. Doch ob die Pläne der Jungbauern für ihren Gemeinschafts- und Selbstversorgungshof aufgehen werden, wird sich wohl erst in einigen Jahren herausstellen.

Titelbild: (c) Astrid Aringer

Astrid Aringer war als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: astrid.aringer[at]mokant.at

2 Comments

  1. maki

    18. März 2014 at 13:48

    klingt sehr vielversprechend! gibts auch irgendwo den FB-Link zu dem Projekt?

  2. asar

    19. März 2014 at 12:23

    hier der fb-link zum projekt 🙂
    https://www.facebook.com/bellaskleinefarm?fref=ts

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