Dialog im Dunkeln: Ein Tag im eigenen Hirngespinst

Der Dialog im Dunkeln ist buchstäblich eine Führung hinters Licht. Bei der Ausstellung gibt es nichts zu sehen. Warum? Weil alles im dunklen abläuft. Sehbeeinträchtigte Guides führen das Publikum durch einen großen lichtfreien Parcours. Dabei stößt man auf ganz neue Probleme: die eigenen Beine.

„Ihr wisst eh alle, wie man mit einem Gehstock umgeht. Oder?“, fragt der Gruppenleiter und blickt in die eher fraglosen Gesichter der sechsköpfigen Gruppe. Als der Großteil verneint, gibt er uns eine kleine Einführung. Der Zweck dieser Gehilfe ist eine Art Verlängerung des Arms, womit man die Unebenheiten des Bodens quasi „ertasten“ und sich vor ungewollten Stolpereinheiten schützen kann. Für rund vierzig Minuten wird das unsere einzige Hilfe sein, um in einer stockdunklen Landschaft zu recht zu kommen.

Der Gruppenführer leitet uns in einen dunklen, engen Gang. Die Wände sind mit schwarzem Samt überzogen. Mit jedem Schritt wird es finsterer. Bald kann niemand mehr etwas Sehen. Nicht einmal die eigene Hand vor Augen. Auf einmal höre ich das Lachen einer jungen Frau. „Mein Name ist Marie (*Namen von der Redaktion geändert). Ich bin sehbehindert und werde für heute euer Guide sein.“ Maries Sehkraft nahm seit ihrer Kindheit konstant ab. Heute kann Sie nichts mehr sehen. Eine Blindenschleife trägt sie im Alltag nicht. „Ich möchte nicht markiert sein, wie ein Gegenstand der irgendjemand gehört.“

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© Dialog im Dunkeln, Wien

Der Beginn des Parcours ist einfach. Wir sollen einem Brückengeländer folgen. Das Holz ist sehr rau und hat einige Kerben. „Wir gehen jetzt auf einer großen Brücke, die uns in einen Garten führt.“, erklärt Marie. Sie huscht wie eine Katze um uns herum. Ohne Gehstock. Das TikTok meiner Kumpanen dröhnt währenddessen in meinen Ohren wie das Hämmern eines Spechts. Wir kommen zu einem Vorhang. Vorsichtig schiebe ich den rauen Stoff bei Seite. Auf einmal riecht es nach Tannen, Moos und Blumen. Neben mir rauscht ein Wasserfall und es scheint als würde ich mich in meinem eigenen Wunderland befinden. Obwohl es stockfinster ist, glaubt das Gehirn etwas zu sehen. Prompt bäumen sich riesige Tannen vor mir auf und das Gras das ich unter meinen Füßen fühle, ist saftig und grün. Vögel zwitschern. „Eure Augen sind daran gewöhnt, die Dinge zu sehen. Euer Gehirn trickst euch nun quasi aus. Ihr glaubt Dinge zu sehen, die vielleicht in dieser Art gar nicht bestehen. Das Gute am nichts sehen ist: Alles kann so aussehen, wie ihr wollt!“, sagt Marie.

„Ich bin halt anders.“
Wir gelangen in eine simulierte Großstadt. Auf einmal steigen Asphalt- und Abgasgerüche in meine Nase. Alles wirkt anstrengend im Gegensatz zum ach so idyllischen Raum von vorhin. „Nun sollt ihr ohne mich eine Straße überqueren.“ Marie schnellt vor und lässt uns vor einer tickenden Ampel stehen. Auf die Frage, ob tatsächlich etwas auf der Straße fährt, meint sie nur, dass wir es ausprobieren sollen. Als die Ampel schnell zu ticken beginnt, scheitere ich jedoch nicht an den fahrenden Gegenständen, sondern an den noch stehenden. Rumps. Ich renn gegen ein Auto. Ich höre das schallende Lachen von Marie. Trotz Gehstock ist es also nicht gerade leicht, allen Objekten aus dem Weg zu gehen.

„Ich glaube, dass die anderen Leute eines der großen Probleme am Blindsein sind. Ich komme im Alltag zwar alleine zurecht. Doch wenn es um Kleinigkeiten, wie das Lesen von Busfahrplänen geht, kann es schon zu Missverständnissen kommen. Man sieht mir zwar nicht an, dass ich blind bin aber wenn ich frage, ob man mir etwas vorlesen kann, fühle ich die Blicke der Leute. Das kann schon wehtun. Ich bin halt anders.“

Wir kommen zu einem nachgebauten Dorf. Mein Wunderland erweitert sich und ich stelle mir eine kleine Kapelle vor, umgeben von Dorfläden. Wir gehen in einen dieser Shops hinein und Marie führt uns zu den Regalen. Wir sollen das Angebot ertasten. Schnell wird klar, dass der Tastsinn eindeutig nicht so gut trainiert ist, wie der Sehsinn. So wird ein Telefon schnell zu einem Faxgerät oder ein Mixer zu einem Massierstab. Als wir in einen engen Tunnel kommen, meint Marie zu dem Mann hinter mir, dass er nicht gebückt gehen brauche. Er könne ruhig stehen. Es gehe sich aus. Sie würde es hören, wenn einer so geht. Unheimlich wurde es, als sie sich umdreht und mich fragt, wieso ich grinse.

„Man sieht die Welt mit den Händen“
„Klar nützen viele die Situation auch aus. Es gab auch schon Führungen, wo mich ein Mann einfach so an meinen Brüsten angefasst hat. Er sagte, es wäre ein versehen gewesen aber ich merke, wenn jemand stolpert oder einfach losgrapscht. Ich habe ihn dann vor der Gruppe darauf angesprochen und ich glaube er wurde rot.“

Zum Schluss kommen wir auf ein Boot, dessen Stufen etwas schwierig zu bewältigen sind. Der Gehstock baumelt dabei vor meinen Füßen und entpuppt sich als kleine Stolperfalle. Marie führt uns zu den Sitzgelegenheiten und wir begeben uns auf eine kurze Bootsfahrt. Erstaunlich wie viele Bilder auf einmal entstehen. Es ist als ob sich alle Fotos und Gemälde in meinem Kopf zusammenfügen und daraus eine neue Welt kreieren. Ein Tag in meinem eigenen Hirngespinst. Als das Boot eine Kurve zieht, trifft uns ein riesiger Schwall Wasser und das Gekreische hallt durch den gesamten Raum.

„Leute die von Geburt an blind sind, haben ein komplett anderes Raumdenken als wir. Man sieht die Welt mit den Händen. Alles besteht aus verschiedenen Formen.“
Der Dialog im Dunkeln soll die Leute sensibilisieren. Es kommt zu einem Rollentausch zwischen Sehenden und blinden Menschen, wie es im Alltag sonst unmöglich ist. Wie Marie sind auch die anderen Guides des Dialog im Dunkeln fest beim Museum angestellt. Alltagssituationen, die sonst so einfach erscheinen, werden schnell zu großen Hindernissen. Sogar das Gehen, das man seit seinem ersten Lebensjahr übt, wirkt unglaublich schwierig. Der Parcours ist fast wie ein kleines Abenteuer. Es lohnt sich dem Museum einen Besuch abzustatten, auch um die eigenen Sinne etwas zu schärfen und sich besser kennenzulernen.

Titelbild: © Dialog im Dunkeln, Wien 

Jennifer Tillmann ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Sie studiert Germanistik und Publizistik an der Universität Wien. Kontakt: jennifer.tillmann[at]mokant.at

1 Comment

  1. ko

    25. März 2014 at 08:07

    sehr schöner artikel. war selbst mal in der schule im dialog im dunkeln und es ist wirklich eine tolle erfahrung

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