Hofmobiliendepot: Enzyklopädie des Ungeschmacks

© Werkbundarchiv – Museum der Dinge/ Armin Herrmann

Die Ausstellung Böse Dinge. Enzyklopädie des Ungeschmacks ist eine Hommage an historische und aktuelle Geschmacklosigkeiten.

Wer gerne Museen besucht, um sich von künstlerischer Ästhetik und Anmut inspirieren zu lassen, sollte derzeit einen hohen Bogen um das Wiener Hofmobiliendepot machen. In der Ausstellung Böse Dinge erwartet den Besucher genau das, was schon ihr Titel verrät: Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks.

Dass schlechter Geschmack irgendwie en vogue ist, wissen wir spätestens seit den zahllosen Bad Taste-Parties, die seit geraumer Zeit nicht mehr aus der Clubszene wegzudenken sind. Doch die Thematisierung von Hässlichkeit ist keine aktuelle Erfindung: „Wollen wir erkennen, worin der gute Geschmack besteht, müssen wir zuerst den schlechten Geschmack beseitigen“, sagte Gustav Pazaurek bereits vor mehr als 100 Jahren. Der Kunsthistoriker hatte es sich zum Ziel gemacht, schlechten Geschmack zu bekämpfen und eröffnete 1909 die Abteilung der Geschmacksverirrungen im Stuttgarter Landesgewerbemuseum.

© Pazaurek-Sammlung, Landesmuseum Württemberg, Stuttgart, Foto: H. Zwietasch

© Pazaurek-Sammlung, Landesmuseum Württemberg, Stuttgart, Foto: H. Zwietasch

Kampf gegen den schlechten Geschmack
Dass Gustav Pazaurek seine Arbeit ernst nahm, sieht man daran, dass er einen komplexen Kriterienkatalog zum Erfassen von Geschmacksfehlern entwarf. Mit diesem wollte er stilistische Entgleisungen ein für alle mal festmachen und in Unterkategorien wie Unzweckmäßigkeitbillige Originalität oder funktionelle Lügen verdammen. Außerdem plädierte er dafür, eine „Folterkammer“ an jedes kunstgewerbliche Museum anzugliedern, in der abschreckende Beispiele gezeigt werden sollten.

Die Sonderausstellung Böse Dinge. Eine Enzyklopädie des Ungeschmacks im Möbel Museum zeigt über 50 Leihgaben aus der Pazaurek’schen Originalsammlung und erweitert sie mit zahlreichen Objekten aus anderen Museen. So wird beispielsweise ein neobarocker Kerzenständer aus dem 19. Jahrhundert zum Vorzeigeobjekt für Ornamentwut und Schmuckverschwendung. Unter die Fehlerkategorie Konstruktionsattrappen und Künstlerscherze fällt ein Schnurrbartkamm in Gestalt eines Frauenbeins. Zitate Pazaureks aus seinem Werk Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe an den Wänden lassen die Ausmaße seiner Arbeit – oder vielmehr Obsession – erahnen.

© Werkbundarchiv – Museum der Dinge/ Armin Herrmann

© Werkbundarchiv – Museum der Dinge/ Armin Herrmann

Kitsch und Trash ohne Grenzen
Ein interessanter Ansatz der Sammlung ist es, heutige Produkte derselben Systematik zu unterwerfen und sie ebenfalls in Fehlerkategorien einzuteilen. Von Mobiltelefon-Haltern in Totenkopf-Optik über Kinder-Sneakers im Obama-Look bis hin zu diversen busen- und penisförmigen Objekten: Kitsch, Trash und anderen Geschmacklosigkeiten sind hier keine Grenzen gesetzt. Obwohl alle diese „bösen Dinge“ in einem einzigen Raum ausgestellt sind, ist die Fülle des Sammelsuriums fast unüberschaubar.

Auch für gesellschaftskritische Elemente findet die Ausstellung Platz. Neue Fehlerkategorien finden die „Bösartigkeit“ der Dinge im Zusammenhang mit sozialen, ökonomischen oder ökologischen Faktoren. So wird an den Krokodillederstiefeln nicht deren Hässlichkeit, sondern das Artenschutzverbrechen kritisiert und beim Kinderspielzeug Choke a Duck die Förderung von Gewaltakzeptanz. Auch Kategorien wie rassistische Gestaltung (Negerküsse), Kadaverchic (ein ausgestopftes Meerschwein auf Rädern) oder Ressourcenverschwendung (Einweg-Essstäbchen) sollen die Diskussion über aktuelle Wertmaßstäbe anregen.

© Werkbundarchiv – Museum der Dinge/ Armin Herrmann

© Werkbundarchiv – Museum der Dinge/ Armin Herrmann

Böse Mitbringsel
Im Rahmen der Aktion Bring dein Ding präsentiert das Hofmobiliendepot außerdem Mitbringsel der Museumsbesucher und erweitert so seine Enzyklopädie des Ungeschmacks. Wer ein besonders unzweckmäßiges, überdekoriertes, bizarres, primitives oder politisch-unkorrektes Ding loswerden möchte, kann dies noch bis zum Ende der Ausstellung tun. Beim Markt der bösen Dinge werden die angesammelten Bösartigkeiten zugunsten der sozialen Organisation neunerhaus verkauft.

An den vielen bereits gespendeten Objekten wird eines sehr deutlich sichtbar: Pazaureks Versuch, die Menschheit zu gutem Geschmack  zu erziehen, ist gescheitert. Im Zeitalter des Stilpluralismus wird Diversität befürwortet und trashiges Design als Form von Ironie gefeiert. Der Schrecken nimmt kein Ende – zum Glück, denn sonst würde uns das Vergnügen dieser etwas skurrilen Sammlung verwehrt bleiben.

Die Ausstellung ist noch bis zum 6. Juli im Wiener Hofmobiliendepot zu sehen.

© Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H.

© Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H.


Titelbild:
(c) Werkbundarchiv – Museum der Dinge/ Armin Herrmann

 

Rebecca Steinbichler ist Redakteurin und stellvertretende Ressorleiterin (Gesellschaft) bei mokant.at. Kontakt: rebecca.steinbichler[at]mokant.at