Olympische Exoten: „Dabei sein ist alles“

In Sotschi sind neben dem Dauerbrenner Hubertus von Hohenlohe auch die Bobfahrer aus Jamaika und die thailändische Stargeigerin Vanessa Mae am Start

Seit ihrem Beginn in der Antike waren die Olympischen Spiele nur für Amateursportler vorgesehen. Erst in den 70ern und 80ern des letzten Jahrhunderts wurde diese Regelung gelockert und schlussendlich gänzlich abgeschafft. Heute sind fast alle Teilnehmer der Olympischen Spiele Profisportler. Die Betonung liegt aber auf fast. Beinahe so widerspenstig, wie ein kleines Dorf in Gallien, leben auch seit der Zulassung der Profisportler noch viele Sportler den olympischen Gedanken „Dabei sein ist alles!“ aus. Viele von ihnen haben in ihrem Leben ein oder zwei Mal Schnee gesehen und trotzdem ist ihr großes Ziel die Teilnahme an den Winterspielen. Liebevoll werden sie als „Exoten“ bezeichnet. Auch wenn sie es meist nicht zu nennenswerten Erfolgen schaffen, hinterlassen sie doch oft einen bleibenden Eindruck.

„Jamaika hat ne Bobmannschaft“
Die vielleicht bekannteste Geschichte zur Thematik ist der Film Cool Runnings. Auch wenn die Charaktere im Film frei erfunden sind, basiert die Geschichte doch auf einer wahren Begebenheit. Bei den Olympischen Spielen 1988 in Calgary war tatsächlich erstmals eine jamaikanische Bobmannschaft am Start. Bis 2002 starteten die Jamaikaner auch bei allen folgenden Winterspielen. Auch wenn die Herren aus der Karibik nie ganz vorn dabei waren, feierten sie mit einem zehntenPlatz im Zweierbob 1992 sogar einen beachtlichen Erfolg. Besonders bei den Startzeiten konnten die flinken Jamaikaner oft überzeugen.

Mitte Jänner kam dann die frohe Botschaft für die Olympischen Spiele 2014: Jamaika hat sich im Zweierbob qualifiziert. Zunächst stellte sich für die Publikumslieblinge noch die Frage der Finanzierung. Es fehlten etwa 80.000 Euro. In guter alter „Cool Runnings“-Manier kamen diese jedoch schnell zusammen. Der Großteil wurde im Zuge eines allgemeinen Spendenaufrufes gespendet. Der Zweierbob besteht übrigens aus dem 46-jährigen Winston Watt und seinem 30-jährigen Anschieber Marvin Dixon.

Video-Link zum Auftritt der Jamaikaner 1988
(Kann aus rechtlichen Gründen nicht eingebettet werden)

Der „springende“ Brite
Ebenfalls einen bleibenden Eindruck hinterließ der Brite Michael Edwards. Seinen großen Auftritt hatte Edwards 1988 in Calgary. Er belegte im Skispringen sowohl auf der Normal- als auch auf der Großschanze den ungefährdeten letzten Platz. Seine Voraussetzungen waren aber auch eher suboptimal: Der damals leicht übergewichtige Edwards begann erst 1986 im Alter von 23 Jahren mit dem Skispringen, zuvor hatte er vergeblich versucht, sich über den Reitsport, Volleyball und Judo für Olympische Spiele zu qualifizieren. Sein erfolgloses Auftreten brachte ihm den liebevollen Spitznamen Eddie „the Eagle“ Edwards ein.

Südamerikanische Dauerbrenner
Zumindest etwas erfolgreicher sind die Simari Birkner-Geschwister. Seit 2002 waren die drei Argentinier bei allen Olympischen Spielen im alpinen Skilauf vertreten. Der Älteste der Geschwister ist Cristian Javier Simari Birkner, dieser erreichte 2002 immerhin den beachtlichen 17. Platz im Slalom. Seine beiden Schwestern Macarena und Maria Belen belegten im selben Jahr die Plätze 17 und 18. Die Ergebnisse von 2002 konnten die Geschwister seitdem nicht mehr verbessern, vielleicht gelingt es Christian Javier oder Macarena 2014. Im Gegensatz zu ihrer Schwester sind die beiden nämlich für Sotschi qualifiziert. Für Maria Belen kam im Jänner die Hiobsbotschaft, dass sie nicht im argentinischen Aufgebot steht. In ihrem Blog protestierte sie vehement gegen diese „subjektive“ Entscheidung. Ihr läuft allerdings die Zeit davon, denn Meldeschluss ist am 5. Februar.

Der hartnäckigste unter den Exoten ist aber ganz klar Hubertus von Hohenlohe. Bereits 1984 in Sarajevo debütierte der 1959 in Mexiko geborene Adelsspross. Im Vergleich zu den Simari Birkner-Geschwistern hat der extrovertierte Dauerbrenner aber recht wenig mit Südamerika am Hut. In Mexiko geboren, verbrachte er den größten Teil seines Lebens in Spanien und Österreich. Auch in Sotschi wird er wieder am Start sein, obwohl er in einem Interview mit der Süddeutschen bereits 2010 im Rahmen der letzten Spiele zugab: „Ich frage mich schon manchmal am Start, was ich da eigentlich mache. Aber man bekommt diese Sucht nicht los.“

Von der Bühne auf die Piste
Als prominenteste neue Olympia-Exotin darf sich Vanessa-Mae Vanakorn Nicholson aus Thailand bezeichnen. Die Virtuosin zählt zu den berühmtesten Geigerinnen der Welt. Seit 2009 lebt sie in der Schweiz, wo sie auch mit dem Skifahren begann. Im Jänner konnte sich die 35-jährige über vier FIS-Rennen in Slowenien im Slalom für die Olympischen Spiele qualifizieren. Seitens des Nationalen Olympischen Komitees gab man sich in Thailand erfreut: „Jeder kennt Vanessa-Mae, wir begrüßen das hundertprozentig”, hieß es in einer ersten Aussendung. Sie ist allerdings nicht die erste Vertreterin ihres Landes. Bereits 2002 startete der damals 43-jährige Prawat Nagvajara im 30 km-Langlauf Rennen, sein Auftritt endete aber eher unglücklich – er brach sich das Bein.

Bild: (c) Michael Nowak

Togo als Hochburg des afrikanischen Wintersportes
In Sotschi werden auch wieder einige afrikanische Sportler dabei sein. Nach dem aktuellen Stand der Dinge werden drei Nationen Athleten nach Sotschi schicken: Marokko, Zimbabwe und Togo werden ihren Kontinent in Russland mehr oder weniger würdig vertreten. Die Spiele in Sotschi sind somit bereits die sechsten mit marokkanischer Beteiligung, Togo und Zimbabwe hingegen geben ihr Debüt. Mit voraussichtlich drei Athleten wird Togo dabei gleich die am stärksten vertretene afrikanische Nation sein.

Einen ähnlichen Fall wie bei Maria Belen Simari Birkner gibt es in Algerien: Der junge Mehdi-Selim Khelifi erfüllte alle sportlichen Kriterien im Langlauf, sein Land verweigert ihm unverständlicherweise jedoch die Teilnahme. Auch Khelifi läuft die Zeit davon. Sein Traum nach Vancouver nun zum zweiten Mal bei Olympia dabei zu sein, wird wahrscheinlich noch vier weitere Jahre lang ein Traum bleiben müssen.

Bruno Banani: Rodeln statt Unterhosen
Mit Bruno Banani ist auch der südpazfische Inselstaat Tonga vertreten. Bruno Banani ist Rennrodler und heißt eigentlich Fuahea Semi. 2008 veranstaltete das rodelbegeisterte tongaische Königshaus ein Casting, bei dem ein Teilnehmer für die Olympischen Spiele 2010 gefunden werden sollte. Bei diesem Casting, das wohl alles hatte, nur keinen Schnee, setzte sich Fuahea Semi durch. Aus marketing-technischen Gründen wurde er auch gleich auf den klingenden Namen Bruno Banani umgetauft. 2010 scheiterte die Qualifikation noch, umso erfreulicher also für Tonga, dass es diesmal klappte. Darüber, dass ihm die Teilnahme vom nationalen Verband dennoch verweigert wird, braucht sich Banani wohl keine Sorgen machen. Das würde das Königshaus schon hinbiegen.

Titelbild: flickr.com/Jude Freeman

Michael Nowak ist als Chef vom Dienst und stv. Chefredakteur für mokant.at tätig. Er studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie Geschichte an der Universität Wien. Kontakt: michael.nowak[at]mokant.at

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