Film/riss: Her

(c) Warner Bros.

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Spike Jonzes fünffach oscarnominiertes Drama rund um Joaquin Phoenix in der Review. Was bleibt? Der Mensch.

Könntest du dich in ein Betriebssystem verlieben?

Was, wenn das Betriebssystem weiß, was du willst, denkst, brauchst und für dich da ist? Was, wenn du praktisch den ganzen Tag mit ihm verbringst, deine Gedanken mit ihm teilst? Und was, wenn es mit der emotionsgefüllten Stimme von Scarlett Johansson zurückflüstert?

Die Einsamkeit der Zukunft
Theodore (Joaquin Phoenix) lebt in einer futuristischen Welt voller Kommunikation: Sprachsteuerung, moderne Nostalgik-Liebe für Handgeschriebenes und Retrokleidung, helle und offene Strukturen. Theodore ist einsam. Irgendwie wirkt jeder aufdringlich, irgendwie treibt jeder mitmenschliche Push noch mehr in die Isolation. In der Krise ist jeder allein. Was bleibt, ist das Bedürfnis nach Nähe, nach Verbindung.

Her ist sie. Sie, sein OS, Operating System, ein komplett an menschliche Bedürfnisse angepasstes Betriebssystem. Im ersten Schritt der Installation entscheidet er sich für sie – für eine weibliche, sanfte Version des Systems. Sie, Samantha. Was ein so perfekt konstruiertes „menschliches“ und autodidaktisches System mit sich bringt? Es lernt, es mutiert  bis es will, bis es braucht. Bis sie ihn braucht und er sie.

Die Thematik einer künstlichen Intelligenz, die lernt und ein Eigenleben entwickelt, ist bei weitem nicht neu. Wir kennen sie aus Kubricks Space Odyssey, aus I, Robot, sogar aus Wall-E. Der vom Mensch geschaffene Mechanismus, der den Menschen schließlich übertrumpft Filmemacher finden immer wieder Gefallen an dieser Dystopie. In Her bekommt das Thema jedoch eine gänzlich neue Facette: Intimität.

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(c) Warner Bros.

Die Zeitlosigkeit des Menschseins
Joaquin Phoenix überzeugt, wie so oft. Er spielt schüchtern in seinen Schnauzbart hinein, schreit lautlos seine Krise heraus und formt seinen Charakter perfekt an die Leinwand. Die körperlich abwesende Scarlett Johansson glänzt mit gewaltiger Stimmpräsenz. Amy Adams gibt den sympathischen, mäuschenhaften Sidekick und auch über andere, nette Ergänzungen darf man sich freuen: Chris Pratt in seiner leicht doofen aber sympathischen Standardrolle und Rooney Mara als zynische Ex-Frau.

Gleichermaßen aktuell wie zeitlos fließt der Film über die Leinwand. Die nächste Stufe der Technikevolution wird unaufdringlich und szenisch erzeugt. Die immerwährende Grundsubstanzen der menschlichen Suche bleiben jedoch erhalten: Liebe und Verlust, Nähe und Isolation – Spike Jonze schafft mit seinem Meisterwerk den Sprung zwischen den Ebenen. Er schafft sogar noch mehr: Theodores Verwirrung tritt über den Bildschirm heraus. Auch dem Zuseher werden Sprünge abverlangt, auch der Zuseher muss sich entwickeln: befremdliche Momente schlagen in Mitgefühl um, Unverständlichkeit trifft auf tiefes, intuitives Verständnis. Her springt nicht nur, der Film durchbricht die (Genre-)Ebenen und die Mischung aus Science Fiction, Drama und Romanze funktioniert. Her ist eine zutiefst humane Studie in scheinbar körperloser Dimension.

Kinostart Österreich: 28. März | Verleih: Warner Bros.

Sabrina Freundlich ist stellvertretende Chefredakteurin von mokant.at. Sie beschreibt sich als writeophile and fortune cookie lover. Kontakt: sabrina.freundlich[at]mokant.at

5 Comments

  1. Rebecca Steinbichler

    18. Februar 2014 at 00:22

    Wunderschön geschrieben! Wusste schon nach dem ersten Absatz, dass ich den Film sehen will.

    • Sabrina Freundlich

      18. Februar 2014 at 19:03

      Danke vielmals, freut mich!

  2. jenkins.kate7@gmail.com'

    hundekönig

    25. Februar 2014 at 16:32

    Hab den Film jetzt gestreamed weil ich es nicht mehr erwarten konnte. Danke für das Review – hat mich total neugierig gemacht!

    • sf

      27. Februar 2014 at 12:10

      Das hör/les ich besonders gerne, danke!

  3. schoenfelder.kathrin@gmail.com'

    EineKatze

    26. Februar 2014 at 01:51

    So, jetzt will ich den Film doch sehen. War mir echt lange unsicher. Überzeugende Kritik!

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