Trend: TAGebuchslam

(c) Michaela Jokl

Der Tagebucheintrag: Peinlichkeiten und Fehltritte. Intimes in der Öffentlichkeit.

Das Licht auf den Tribünen verschwindet. Die Musik verstummt. Das Schweinwerferlicht beleuchtet nur die Bühne. Kein Laut, kein Flüstern stört die Stille. Unzählige Augenpaare sind auf ein kleines Buch, in den Händen einer jungen Frau, gerichtet. Die Uhr tickt. Die Buchseiten rascheln. Wörter strömen über die Lippen der Frau. Das Publikum antwortet mit lärmendem Lachen. Applaus wirbelt die Luft im Theater an der Gumpendorferstraße auf.

Taschengelderhöhung Tausend Schilling
Sein Tagebuch dem großen Bruder zu zeigen, war unvorstellbar. Berührten fremde Blicke die beschriebenen Seiten, folgten Morddrohungen und Hassbriefe. Doch heute ist es anders: Beim Tagebuchslam kämpfen zehn Kandidaten um die Gunst der Zuschauer. Moderatorin Diana Köhle veranstaltet bereits zum dritten Mal einen Tagebuchslam, mit dem selben Konzept. Teilnehmer lesen ihre Tagebucheinträge in einer begrenzten Zeit, von fünf Minuten, vor. Regel ist, dass die Einträge echt sind – der Originaltext ist mit dabei. Das Publikum übernimmt die Aufgabe der Jury. Die Lautstärke und Intensität des Applauses, bestimmt wer gewinnen soll. Preis ist eine Taschengelderhöhung im Wert von Tausend Schilling.

Doch Diana Köhle ist nicht nur Moderatorin und Organisatorin. Als Opferlamm eröffnet sie den Abend. „Wenn ich von anderen verlange, sich auf die Bühne zu stellen, muss auch ich, mich aus dem Fenster lehnen.“ Ihre Stimme hallt im Saal wieder. Trifft auf fremde Ohren, die begierig lauschen und dem zuhören, was ihre Hände vor langer Zeit in das Tagebuch gekritzelt haben. Die Geschichte stockt. Die Sprecherin selbst hält inne – bricht in Lachen über ihre eigenen Worte aus. Mit dem Satz „Ich bin noch immer freundlos“ schließt sie ab.

Foto: (c) Michaela Jokl

„Wenn du das liest, bist du blöd“
Mit diesen Worten steigt die Gewinnerin des Abends, in den Auftritt ein. Ein kleines gelbes Buch mit goldenem Schloss blitzt in ihren Händen. Sie öffnet es und beginnt daraus vorzulesen. Die Blicke der Zuschauer hängen an ihren Lippen. Wörter fliegen durch den Raum – füllen das Theater mit Erinnerungen. Die vierzehnjährige Sonja erzählt vom Schmusen und davon, wie sie sich nicht entscheiden kann, mit welchem Jungen sie gehen soll. Vom Leben in der steirischen Pampa und vom Fummeln, trotz Latzhose. Sie klappt das Buch zu. Das Publikum tobt und geleitet sie mit stürmischem Applaus von der Bühne. Für Sonja, die heute nicht mehr vierzehn, sondern um einiges älter ist, bedeutet die Teilnahme „Mut zur Peinlichkeit und zu schrägen Aktionen, die nichts bringen.“ Peinlichkeit, mit der sie andere zum Lachen bringt und unterhält.

Das Innerste nach Außen
Nach und nach treten alle zehn Teilnehmer auf. Sie schwirren im Licht der Bühnenscheinwerfer und teilen ihre intimsten Gedanken mit unbekannten Menschen. Ein Tagebuch nach dem anderen findet seinen Platz auf dem Tisch inmitten der Bühne. Dahinter auf dem Sessel, rutschen die Vortragenden hin und her. Hände blättern eilig durch die Seiten – als wäre es ein Wettlauf mit der Zeit. Erste Wörter wandern über bebende Lippen. Jedem Satz folgt ein Lachen, ein Aufschrei. Der Tagebucheintrag, einst geheim, wird jetzt vor einem Publikum vorgetragen. Es werden Zeilen vorgelesen, die nie für fremde Ohren bestimmt waren. Das Private wird in der Öffentlichkeit präsentiert. Auf dem Teller liegen erste Küsse und Liebeserklärungen, aber auch schmerzvolle Enttäuschungen. Die Kandidaten vollziehen einen Seelenstriptease.

Foto: (c) Michaela Jokl

„Ihr seht meine Seele quasi nackt – was macht ihr damit?“
Vielleicht ist es die exhibitionistische Ader, die jeder Mensch hat. Die ihn auf die Bühne treibt und im grellen Licht der Schweinwerfer, den Blicken des Publikums ausliefert. Ein Publikum, dass auf die Fehltritte anderer wartet und über Peinlichkeiten lacht. Die Gesichter der Zuschauer sind versteckt im Schatten der Tribüne. Vereinzelnd blitzen helle Augenpaare auf – fixieren die Mitte der Bühne. Slammerin Aldina fragt sich, wer sich so etwas ansieht. „Ok, ihr seht meine Seele quasi nackt, was macht ihr damit?“ – Ihre Frage steht in der Luft, wartet auf antwortende Worte. Wie gefesselt sitzen die Zuschauer auf ihren Sesseln. Auch wenn viele von ihnen, selber Tagebuch geschrieben haben, stehen sie heute nicht auf Bühne. Sie verschwinden in der Dunkelheit, mit dem Wunsch unterhalten zu werden. „Es kann ganz witzig sein, die peinlichen Geschichten anderer zu hören, die heute vielleicht bereut werden.“ meint Besucherin Steffi.

Doch ist es nicht nur Erheiterung, sondern auch Identifikation. Ob erstes Mal oder Zahnspangenkuss; viele Menschen im Publikum waren schon einmal in derselben Situation und erkennen sich in den Vortragenden wieder. Sie warten auf Geschichten, die sie auch erlebt haben oder immer erleben wollten. Auf Emotionen, die sie genauso empfunden haben. Vergangene Momente schweben durch den Raum und werden gemeinsam wiederbelebt. Die Zeit verrinnt. Das Lachen wird lauter, die Teilnehmer weniger. Die Gewinnerin steht fest.

Titelbild: (c) Michaela Jokl

Klara Kostal ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: klara.kostal[at]mokant.at

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