Maria Happel: „Mut haben hinzuschauen“

Mutter Courage

Maria Happel gibt zurzeit Brechts Mutter Courage – ein Interview über Krieg und Mutterliebe

Es schneit, ein eisiger Wind weht durch die rabenschwarze Bühne im Burgtheater. Vier riesengroße Zinnglocken schweben wie Damoklesschwerter über den Köpfen der Schauspieler und Musikanten. Das Hintergrundbild dreht sich und spielt mit dem diffusen Licht. Leichen, Blut, Angst und der blanke Schrecken beherrschen die Szenerie.

Seit dem 8. November ist Bertolt Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ in der Inszenierung von David Bösch im Wiener Burgtheater zu sehen. Anna Fierling (alias Mutter Courage) zieht mit ihren drei Kindern und dem Marketender-Wagen im dreißigjährigen Krieg durch ganz Europa. Mit Courage und Opportunismus versucht sie ihre Waren in Mitten des Schlachtfeldes zu verkaufen. Ihr Ziel: Sich und die Kinder durch den Krieg zu bringen.

mokant.at: Warum haben Sie sich für die Rolle entschieden?
Maria Happel: Naja, das war gar keine Frage. Wenn einem die Rolle angeboten wird, dann gibt es gar kein vertun. Anna Fierling, also Mutter Courage, gehört schon zu den Rollen der Theaterliteratur, um die man sich reißt. Natürlich ist man auch stolz so eine Rolle verkörpern zu dürfen, es ist auch eine große Verantwortung. Viele große Kolleginnen haben die Latte schon sehr hoch gelegt!

mokant.at: Sind Sie dann eingeschüchtert oder ist das für Sie eine Herausforderung?
Maria Happel: Beides, aber das Erste würde ich nie zugeben. (lacht laut)

mokant.at: Würden Sie sagen, Anna Fierling ist mehr Mutter oder doch eher eine „Hyäne des Schlachtfelds“?
Maria Happel: Sie ist beides, nur die Frage ist: Was ist zuerst da? Das Huhn oder das Ei? Also wird sie zur Hyäne, weil sie ihre Kinder retten will? Oder ist sie von Grund auf böse und denkt nur an ihren Profit und die gerechte Strafe ist es, dass sie ihre Kinder verliert. Wir haben die erste Variante genommen. Sie versucht einfach, als alleinerziehende Mutter durchzukommen.

mokant.at: Entdecken Sie gewisse Züge von Anna Fierling auch in sich selbst?
Maria Happel: Ich denke, das ist immer so. Die Rollen haben einen Großteil zu einem selbst: Auch das, was man als fremd empfindet, ist einem plötzlich viel näher als man gedacht hat und als Mutter ja sowieso! Wie oft hab ich den Satz gesagt, dass ich niemals so wie meine Mutter zu meinen Kindern sein werde, aber wie oft ist es schon passiert, dass ich es dann doch war! (lacht)

mokant.at: Von welchen Zügen waren Sie zu Beginn abgeneigt?
Maria Happel: Anna Fierling ist sehr hart und vielleicht auch sehr verbittert. Sie lässt sich dann aber doch vom Geld verführen. Das sind alles menschliche Züge, die in einem stecken und die niemandem fremd sind. Deshalb bleibt die Figur auch trotz ihrer Härte zu guter Letzt auch Sympathieträger.

mokant.at.: Ist Mutter Courage eine Heldin oder eine Antiheldin?
Maria Happel: Täteropfer. Also beides.

mokant.at: Wie wichtig ist für Sie Courage im Leben?
Maria Happel: Naja da kann man gar nicht oft genug darauf hinweisen, wie wichtig Zivilcourage ist. Weggucken ist natürlich die einfachere Sache. Da gehört auch die Aussage mit hinein, dass es uns alles nichts angehen würde. Wir halten uns für privilegiert. Uns geht es gut, denn wir haben ja keinen Krieg. Aber gerade wenn man sich mit dem Stück beschäftigt, dann merkt man, dass wir Glück haben. Natürlich kann man abschalten und vollkommen ausblenden, was jetzt zu dieser Zeit auf der Welt los ist. Man kann den Fernseher abschalten, aber es passiert trotzdem. Da fängt Courage schon an: den Mut zu haben, hinzuschauen!

mokant.at: Inwiefern wird Courage im Stück ausgedrückt?
Maria Happel: Ich glaube, dass der Weg wie wir ihn zeigen, sehr schwierig ist. David Bösch sind sehr harte Bilder gelungen – das ganze Ensemble und das Bühnenbild. Man merkt, dass es nicht wegzuzappen ist, das ist eine andere Nähe. Der Abend macht was mit einem, man geht nicht unbeteiligt aus dem Theater hinaus.

mokant.at: Und Sie als Schauspielerin? Bei Brechts Stücken sollen ja nicht nur die Zuschauer belehrt werden, sondern auch die Schauspieler.
Maria Happel: Es ist jetzt nicht so, dass wir die Zeigefinger-Seite von Brecht zeigen wollen. Ich nehme was mit, aber es nimmt auch mich mit. Mutter Courage und ihre Kinder ist kein Stück, wo man die Rolle in der Garderobe an den Haken hängen kann. Das arbeitet in einem. Es beginnt erst jetzt, dass ich versuche die Zivilcourage im Leben umzusetzen. Ich versuche Haltung zu wahren und mich zu kümmern. Zum Beispiel im Asylantenheim gibt es ja genau solche Mütter, wie Anna Fierling. Es gibt Kinder, die mit fünf Jahren schon drei bis vier Sprachen sprechen, nur leider können sie kein Deutsch und deshalb sollen sie abgeschoben werden. Diese Kriege im bürokratischen Weg sind ja auch sehr schwierig für die Betroffenen. Hier anzufangen und zu sagen „Komm wir machen darauf aufmerksam!“ ist ein Schritt, den ich tun möchte.

mokant.at: Eine Szene in „Mutter Courage und ihre Kinder“ ist besonders schwer erträglich. Als Schweizerkas tot und verstümmelt in einer Schubkarre vor Anna Fierling getragen wird, muss sie um sich und den Rest ihrer Kinder zu beschützen, verleugnen, dass sie ihn kennt. Wie fühlt sich diese Szene für Sie als Mutter an?
Maria Happel: Es gibt nichts Schlimmeres für eine Mutter als am Grab ihres Kindes stehen zu müssen – zu überleben, die Kinder vor einem gehen lassen zu müssen. Meine Mutter hat nachdem sie meine Schwester verloren hat, angefangen, die Dinge zu vergessen. Sie hat beschlossen, Alzheimer zu bekommen. Ich frage mich, wie man damit umgehen kann. Meine Großmutter hat sieben Kinder geboren und davon hat nur meine Mutter überlebt. Dieser Verlust ist das Schlimmste für eine Mutter, man mag es sich auch gar nicht vorstellen.

mokant.at: David Bösch hat einen sehr umstrittenen Schluss des Stückes inszeniert. In der Originalfassung zieht Anna Fierling nach dem Tod ihres letzten Kindes mit ihrem Wagen alleine weiter. Doch in Böschs Fassung trauert sie im Schneefall. Einige sagen, Anna Fierling würde sterben, andere wiederum meinen, dass sie nur trauert. Wie sieht es denn nun wirklich aus?
Maria Happel: Ja, da haben wir einen offenen Schluss eingebaut. Den kann sich jeder so denken, wie er oder sie es möchte. Eine meiner Töchter hat eben gesagt: „Die stirbt doch nicht! Die schläft, steht auf am nächsten Tag und geht weiter.“ Es gibt aber auch das Bild, wo man sagt, dass sie sich mit einem Rotwein in den Schnee legt und nie mehr aufwacht.

mokant.at: Das ist schon das vierte Mal, dass Sie in einem von Brechts Stücken mitspielen. Haben Sie eine Brecht-Vorliebe?
Maria Happel: Das vierte schon? (lacht) Ich glaube ja. Ich mag Brecht richtig gerne, ich find es auch ganz toll, dass wir ihn im Burgtheater wieder aufleben lassen.

mokant.at: „Ich lache mit dem Weinenden und weine mit dem Lachenden.“ Was halten Sie von dieser Aussage Brechts?
Maria Happel: Die Witze in Brechts Stücke sind meistens solche, wo einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Hier erkennt man die beiden Masken des Theaters: die Weinende und die Lachende. Die Komödie und die Tragödie. Das eine geht ohne das andere nicht. Ich lache über den Clown, der eigentlich unendlich traurig ist, das verwebt sich so. Man muss sich bei Brecht immer fragen: Wo fangen die Witze an?

mokant.at: Ist das Stück aktuell?
Maria Happel: Ja. Es ist zwar der Dreißigjährige Krieg gemeint, aber auf der ganzen Welt gibt es jetzt 2013 immer noch Kriege. Das dürfen wir nicht vergessen.

mokant.at: Eine Ihrer Passagen im Stück lautet: „Da ist einer mit ner Kass und einer mit nem Glauben, ich weiß nicht was schlimmer ist!“ Was ist denn nun schlimmer?
Maria Happel: Die Kombination – eindeutig! Das ist das Allerschlimmste: Geld, Macht und Fanatismus.

mokant.at: „Mutter Courage und ihre Kinder“ ist ja nicht das einzige Stück, in dem Sie mitspielen. Was machen Sie, damit Sie die Rollen nicht verwechseln?
Maria Happel: Also ich habe da ein Ritual. Jeder Tag beginnt anders und richtet sich nach dem Stück am Abend. Es gibt Stücke, da muss ich mir den Text nicht anschauen, aber es gibt auch Stücke, da bin ich zwei Stunden in der Badewanne und geh den Text noch einmal durch. Letztendlich ist es aber so, dass wir ein Stück erarbeitet haben. Da gibt es einen bestimmten Ablauf und der Schalter legt sich sofort um. Der Text ist an Bewegungen gekoppelt, wenn ich von der linken Seite komme, folgt die Szene und wenn ich die Tür öffne, dann die. Da ist alles vernetzt.

mokant.at: Wie war es mit David Bösch zu arbeiten?
Maria Happel: Super! Er ist sehr besetzt von diesem Weg, den er geht. Er ist, glaub ich, wenn die Probe um zehn beginnt, um acht Uhr schon da. Er erwartet einen und ist schon komplett im Stück. Ich hab ihn auch noch nie vor mir gehen gesehen! Es gibt bei ihm rundum nichts mehr anderes als das Stück und die Figuren. Das hat mich sehr beeindruckt.

mokant.at: Sie singen, schreien, lachen und brüllen. Was machen Sie, damit Sie am nächsten Tag nicht aufwachen und komplett heiser sind?
Maria Happel: Sagen wir mal so, im Moment bin ich gut im Training. Kurz vor der Premiere hatte ich einen Einbruch, weil mein Muskel gestreikt hat. Der Stimmmuskel verhält sich quasi wie eine Achterbahn. Wie beim Schifahren, wenn man zulange fährt, dann fangen die Knie an zu zittern und genauso ist es mit der Stimme. Bei mir hilft Schlaf. Ich versuche, wenn ich solche Phasen habe wie jetzt – ich habe gerade neun Vorstellungen hintereinander – so viel wie möglich zu schlafen und dazwischen die Klappe zu halten. (lacht)

mokant.at: Auf der Bühne befindet sich eine riesengroße Drehscheibe. Gab es bei den Proben Schwierigkeiten damit?
Maria Happel: Ja, da kam es schon zu der einen oder anderen Slapstick-Nummer, die man nicht geplant hatte. Dann geht’s eben in die eine Richtung und dann in die andere und upps, da liegt man schon am Boden. Ja es war insgesamt eine sehr humorvolle Zeit. Wir haben viel gelacht, obwohl wir sehr konzentriert gearbeitet haben. Wahrscheinlich brauchten wir das, um mit dem schwierigen Schicksal umgehen zu können.

mokant.at: Was können die Zuschauer aus dem Stück lernen?
Maria Happel: Man sollte Krieg auf keinen Fall unterstützen und den Krieg auch kritisch betrachten. Ich denke, dass das einer der wichtigsten Aspekte ist. Vor allem geht es ja auch immer um den Glaubenskrieg. Religion an sich kann auch den Frieden predigen, aber sobald es in einen Fanatismus übergeht, bedeutet jede Religion, egal welche, einfach Krieg.

Titelbild: (c) Georg Soulek

Jennifer Tillmann ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Sie studiert Germanistik und Publizistik an der Universität Wien. Kontakt: jennifer.tillmann[at]mokant.at

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