Mario Lucic: „Tschuschen sind die größten Rassisten“

Foto: (c) Martin Fellner & Barbara Tiefenbacher

Der „Teilzeit-Depressive“ Mario Lucic über Comedy Hip-Hop und Michael Niavarani

mokant.at war live dabei, als der selbst ernannte Ghetto-Neurotiker Mario Lucic seinen ersten Solo-Auftritt im Theater am Alsergrund hatte. Der 23-jährige Comedian mit kroatischen Wurzeln sprach in seinem ersten Programm „Willkommen in der Krise“ über unsere Gesellschaft und die anscheinend doch so große Kluft zwischen Österreichern und Ausländern. Außerdem demonstrierte er dem Publikum einen AMS-Besuch und einen seiner typischen Fortgeh-Abende. Im Interview spricht er über seine Beziehung zu Österreich und Kroatien und seinen Wunsch von Comedy leben zu können.

Bild: (c) Martin Fellner & Barbara Tiefenbacher

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mokant.at: Im Vorfeld haben wir versucht über dich zu recherchieren. Was dabei herauskam, war ein kroatischer Fußballspieler mit italienischem Wikipedia-Artikel und ein Forschungsassistent an der ETH Zürich. Jedoch kein Comedian Mario Lucic. Wie kann man sich deinen zukünftigen Auftritt im Web und in echt vorstellen?
Mario Lucic: Ich spreche über die ganzen „Ausländerthemen“. Also Dinge, die mir in echt schon passiert sind. Beispielsweise wie im Programm vorgetragen, der Besuch beim AMS. Meine Comedy soll aber nicht nur auf das reduziert werden. Ich habe schon vor, auch andere Themen miteinzubeziehen. Dieses war mein erstes richtiges Programm und Themen, die mich persönlich geprägt haben.

mokant.at: Wie willst du dich aber nun im Internet präsentieren?
Mario Lucic: Das kann ich nicht so genau beantworten. Ich kann nur hoffen, dass sich die Veranstalter von solchen Comedy-Auftritten wie heute, bei denen ich mich bewerbe, auch melden. Im Endeffekt bin ich ja niemand, ich kenne noch keinen aus dieser Branche.

mokant.at: Du beschreibst dich selbst als Ghetto-Neurotiker. Was kann man sich darunter vorstellen?
Mario Lucic: Der Name Ghetto-Neurotiker ist von dem Film „Der Stadtneurotiker“ von Woody Allen abgekupfert. Er zelebriert darin seine neurotische und hypochondrische Art, die im Prinzip meiner gleicht. Ich selbst wohne in einem Plattenbau beim Rennbahnweg, also bin ich der Ghetto-Neurotiker.

mokant.at: Dann kannst du uns auch gleich erklären, was denn eigentlich Comedy-Hip-Hop ist?
Mario Lucic: Ich mache Comedy-Hip-Hop salonfähig. Ich höre Hip-Hop seit ich vier oder fünf Jahre alt bin. Diese Musik war schon immer ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben. Ich habe Parts aus Hip-Hop-Liedern in mein Programm eingebaut, damit ich den Leuten zeigen kann, dass ich diese Musik repräsentiere. Sie macht Stimmung und ich komme dadurch gleichzeitig in beste Laune.

Bild: (c) Martin Fellner & Barbara Tiefenbacher

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mokant.at: Realness spielt bei Hip-Hop genau wie für dich eine große Rolle. Wenn ich dir jetzt auf der Stelle eine Million Euro geben würde, würdest du ein Programm vortragen, welches ich geschrieben habe, weil ich denke, dass es kommerziellen Erfolg haben wird?
Mario Lucic: Kommt darauf an, ob mich das Programm ansprechen würde. Trifft es auf mich zu, würde ich es sicher machen. Wenn ich jedoch nicht davon überzeugt wäre, glaube ich nicht, dass ich es tun würde. Es hätte gar keinen Sinn, weil ich es nicht rüberbringen könnte und Angst hätte, dass es floppt.

mokant.at: Hast du denn schon einmal negative Erfahrungen gemacht, dass zum Beispiel keiner gelacht hat?
Mario Lucic: Bis jetzt noch nicht.

mokant.at: Michael Niavarani ist ein österreichischer Kabarettist mit iranischen Wurzeln. Wie findest du ihn und seinen humoristischen Umgang mit seinem Herkunftsland?
Mario Lucic: Ja, eigentlich super, ich bin ein Fan von ihm. Er hat auch eine neurotische Ader. Ich finde, so wie er sein Programm verpackt, auch den Umgang mit seinem Heimatland, macht er sehr gut.

mokant.at: Apropos Niavarani: Vor kurzem hat er in einem Interview gesagt, dass er erst nach fünf bis sechs Jahren von dem Beruf leben konnte. Wie hältst du dich momentan über Wasser?
Mario Lucic: Ich arbeite 18 Stunden in einem Lebensmittelgeschäft und mache nebenbei die Matura nach. Das heißt, Comedy betreibe ich zurzeit als Nebenberuf. Jetzt stehen einmal Schule und Arbeit an erster Stelle. Mal schauen, was dann passiert.

Bild: (c) Martin Fellner & Barbara Tiefenbacher

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mokant.at: Ich möchte dich gerne mit einer Aussage aus deinem Programm konfrontieren: „Tschuschen sind die größten Rassisten“. Kannst du das erläutern?
Mario Lucic: Ich habe das aus meinem Umfeld herausgenommen. Uns Kroaten wird es praktisch in die Wiege gelegt, dass die Zusammengehörigkeit und Heimatliebe sehr wichtig sind. Das ist in Wien nicht anders. Wir lassen keinen an uns heran. Da kommen immer diese Aussagen: „Geh nicht mit Zigeunern herum. Nimm dir lieber ein kroatisches Mädchen. Geh in die Kirche.“ Dieses Gelaber gab es schon immer.


mokant.at:
Also spielt Patriotismus bei euch eine große Rolle?
Mario Lucic: Ja, wirklich extrem. Bei Kroaten überhaupt. Beispielsweise haben viele das Bild vom ersten kroatischen Präsidenten Franjo Tudman und dem Papst zuhause hängen. Dies symbolisiert die Vereinigung von Volk und Kirche. In Wien spürt man das bei den jungen Leuten nicht mehr so stark wie bei der älteren Generation.

mokant.at: Wo fühlst du dich denn eher angehörig, in Österreich oder Kroatien?
Mario Lucic: In beiden Ländern werde ich als Ausländer angesehen. Ich bin ja eigentlich kein richtiger Kroate, weil ich in Wien geboren bin und auch die österreichische Staatsbürgerschaft habe. Man kann sagen, dass ich bin in beiden Ländern fremd bin. Aber meine Familie wohnt in Kroatien und ich besuche sie auch öfters im Jahr.

Bild: (c) Martin Fellner & Barbara Tiefenbacher

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mokant.at: Wie nimmst du die Mentalität der Kroaten beziehungsweise der Österreicher wahr?
Mario Lucic: Wir haben eh ein bisschen was gemeinsam. Wir rauchen Tschick, trinken Kaffee, lesen Zeitung, lästern über andere und lassen uns nicht aus der Ruhe bringen. Wobei ich glaube, dass der Familienzusammenhalt in Österreich nicht so extrem ist wie in Kroatien.

mokant.at: In deinem Programm hast du dich als Teilzeit-depressiv beschrieben. Auch hier lassen sich teilweise Parallelen zur österreichischen Mentalität erkennen. Was meinst du damit?
Mario Lucic: Ich bin ein Pessimist, schon von der Einstellung her. Mich können Dinge leicht runterziehen, weil ich mir viele Sachen schnell zu Herzen nehme. In früheren Zeiten habe ich auch oft schlechte Stimmung gehabt.

mokant.at: Du hast gemeint, dass Menschen mit Zukunftsvorstellungen beim AMS keine Chance haben. Auch ein Grund für den Pessimismus?
Mario Lucic: Ich kann jetzt nur aus eigener Erfahrung sprechen. Die Berater hören dir nicht zu. Sie interessieren sich nicht für dich, egal was du willst. Ich war in drei Kursen und da jammern alle, wie deppert die Berater sind. Die Kurse an sich sind ja überhaupt unnötig. Drei Monate bin ich dort hingegangen und habe von acht bis zwölf Uhr nur ferngeschaut. Das wollen sie dir zahlen, aber wenn Mädchen einen Visagisten-Kurs belegen wollen, ist das natürlich zu teuer.

mokant.at: Abschließende Frage: Was sind deine Träume und Ziele bezüglich des Kabaretts?
Mario Lucic: Ich sehe mich eher als Comedian. Kabarett ist für mich anspruchsvoller. Man kann zum Beispiel Politik oder Wissenschaften einbauen. Hierfür braucht man ein breit gefächertes Wissen, wo ich mir schwer tue. Ich hoffe schon, dass ich Comedian werde, aber das kann man nicht beeinflussen.

Titelbild: (c) Martin Fellner & Barbara Tiefenbacher

Barbara Tiefenbacher ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Kontakt: barbara.tiefenbacher[at]mokant.at

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