Graffiti: Vergängliche Kunst

Zwischen Selbstüberhöhung und verbotenen Orten: Schlaglichter aus Wiens Graffiti-Szene

Die Gesichter sind verhüllt. Niemand würde sie erkennen. Es geht um Minuten und Sekunden. Mehr Zeit haben sie nicht. Ihr lauter Herzschlag ist die motivierende Musik. In jedem Augenblick könnte ein Security auf sie aufmerksam werden und sehen, was sie mit dem Wagon anstellen. Nervös schütteln sie die Farbdosen. Blau, Grün, Gelb, Pink, Violett, Rot – ihre bunten Farbwaffen sind bereit zum Abschuss. Jemand presst seinen zitternden Zeigefinger auf den Druckknopf der Farbdose, das Ventil öffnet sich und die Farbe beginnt ihr Spiel mit den Luftpartikeln. Mit kreisenden, hektischen Bewegungen malt er seinen Namen auf den glänzenden Wagon. Die Farben vermischen sich und werden eins.

Szenen wie diese spielen sich in Wiens Straßen und U-Bahn-Stationen beinahe täglich ab. Graffiti sind vom Stadtbild genauso wenig wegzudenken wie Fiaker, Würstelstände oder der Stephansdom. Besprühte Fassaden, Parkbänke und Mülltonnen begegnen den Bewohnern auf ihren alltäglichen Wegen und hinterlassen die verschiedensten Eindrücke – Empörung, Begeisterung, Gleichgültigkeit. Nicht erst seit der umstrittene Sprayer Puber seinen Schriftzug in der ganzen Stadt verbreitet, gehen die Meinungen zur Grafffiti-Szene auseinander. Nur selten bleibt jedoch jemand stehen und denkt darüber nach, wie ein bestimmtes Bild entstanden ist oder was es bedeutet.

Graffiti als Unterschrift
Für Patrick S. (der lieber anonym bleiben möchte) sind Graffiti mehr als Farbschichten auf der Wand. „Wer sich in der Szene auskennt, liest ein Graffiti wie eine Unterschrift. Mit etwas Übung kann man erkennen, wer es gemacht hat, welcher Crew er angehört und wie erfahren er ist.“ Der 26-Jährige ist selbst seit einigen Jahren als Sprayer aktiv – eine Tatsache, die man dem Wiener Studenten mit dem aufmerksamen Gesicht und der unauffälligen Kleidung nicht sofort ansieht. Mit seiner leisen Stimme und seiner bedachten Art entspricht er nicht dem Klischee eines narzistischen Randalierers. Sein Sprayername besteht nur aus vier Buchstaben: kurz und knapp, gemalt in wenigen Sekunden. Diesen hat er mittlerweile an vielen Stellen verbreitet. Er ist fasziniert von der Idee, eine fremde Stadt zu besuchen und dort auf Schriftzüge von Freunden zu stoßen.

Dieses Markieren von Orten mit dem eigenen Namen wird in der Szene taggen genannt. Es hat seinen Ursprung im New York der 1980er-Jahre. Das Phänomen begann mit einem Fahrradboten, der sein Kürzel während der täglichen Route auf zahlreichen Wänden hinterließ. Dieses Vorgehen wurde oft kopiert, wobei die Tags immer kreativer und aufwändiger wurden. Hauptgedanke dabei ist, den eigenen Namenszug überall in der Stadt und an so riskanten Orten wie möglich anzubringen.

Schweizer Sprayer Puber macht sich Feinde
Wer zurzeit in Wien mit offenen Augen durch die Straßen geht, kommt am Pseudonym Puber kaum vorbei. Der Schweizer Sprayer wird längst per Haftbefehl gesucht und gilt als besonders respektlos, da er auch Werke anderer Tagger übersprüht. Damit bricht er ungeschriebene Regeln der Graffiti-Szene und ist auch bei Patrick S. unbeliebt: „Puber übertreibt maßlos, schmiert an Schaufenster und kennt keine Abgrenzung. Ich kann nachvollziehen, dass er seinen Namen überall sehen möchte, aber das kann man auch anders machen, dezenter.”

Kein Kavaliersdelikt
Doch wo ist die Grenze zwischen „dezenten” Kritzeleien und Vandalismus? Oberst Johann Golob von der Landespolizeidirektion Wien warnt ausdrücklich davor, das unerlaubte Sprayen als Kavaliersdelikt zu sehen. „Sobald ein fremdes Gut beschädigt oder verunstaltet wird (das geht von der Hausmauer über den U-Bahn Sitz bis hin zum Verkehrsschild) kommt es zur Anzeige“, erklärt er. Ein Blick ins Strafgesetzbuch verrät, dass die Verunstaltung von fremdem Eigentum als Sachbeschädigung gilt. Diese kann mit einer Freiheitsstrafe von bis zu sechs Monaten bestraft werden. Übersteigt der Schaden einmal dreitausend Euro, steigt der Strafrahmen auf bis zu zwei Jahre. Dieser Strafrahmen erzeugt Unverständnis bei Patrick S.: „Es ist verrückt, dass Sexualtäter oft besser davon kommen als Sprayer.”

Das System hacken
Angesichts des hohen Risikos und der Tatsache, dass Wien auch legale Plätze zum Sprayen anbietet, stellt sich die Frage nach den Beweggründen für illegale Aktionen. Wer Patrick S. beim Erzählen zuhört, bekommt eine Vorstellung von dem Reiz, der so viele Graffitikünstler antreibt: „Vielen geht es vor allem darum, neue Orte herauszufinden. Wann komme ich wie durch diese Tür? Schaffe ich es bis aufs Dach? Es geht nicht immer nur ums Sprayen selbst, sondern um den Weg dort hin. Darum, das System zu hacken.”

Striktes Vorgehen der Wiener Linien
Dieser Wunsch nach einem Austricksen des Systems kostet die Wiener Linien eine Viertelmillion Euro jährlich. Etwa fünfhundert Mal im Jahr verschaffen sich illegale Sprayer Zutritt zu abgesperrten Bereichen in Bahnhöfen und hinterlassen Bilder auf den Wagons. Die Mehrheit der Fälle lässt sich nicht aufklären. „Wir treffen Sicherheitsvorkehrungen wie Videoüberwachung und Zäune, jedoch kann aus den weitläufigen Stationen kein Fort Knox gemacht werden”, erklärt der Sprecher der Wiener Linien Dominik Gries. Der Verkehrsbetrieb sieht das Besprühen von Zügen deutlich als Sachbeschädigung und reagiert ausnahmslos mit Anzeigen. Dadurch, dass jeder Vorfall dokumentiert wird, können einem Sprayer auch frühere Delikte nachgewiesen werden. Für den Schaden, der sich auf mehrere zehntausend Euro belaufen kann, muss in so einem Fall der Täter aufkommen.

Mehr als vierhundert Graffiti entfernt
Graffitientfernungen bieten verschiedene Unternehmen in Wien an. Sie begutachten die Schäden und je nach Beschaffenheit des Untergrundes werden verschiedene Entfernungsmethoden eingesetzt. Diese reichen von einfachem Übermalen über Sandstrahlentfernung bis hin zum Einsatz von chemischen Mitteln. Je nach Größe der bemalten Fläche dauert eine Reinigung ein paar Stunden oder auch mehrere Tage. So hat „Wiener Wohnen” im vergangenen Jahr mehr als vierhundert Graffiti entfernt. Wie ist es für einen Sprayer, wenn ein aufwändig gemaltes Bild plötzlich durch Reinigung oder Übersprayen eines anderen Künstlers verschwindet? Patrick S. zuckt mit den Schultern. Das sei eben ein Merkmal dieser Kunstform: „Graffiti ist vergänglich.“

Artikel von Lukas Ableidinger, Rebecca Scheffauer, Rebecca Steinbichler, Jennifer Tillmann
Die Autorinnen und Autoren absolvierten zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ein Praktikum bei mokant.at

Titelbild: flickr.com/fovs

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