Skinheads: Alles rechtsradikale Schläger?

Von wegen weiße Rassisten: Die Ursprünge der Skinhead-Bewegung sind multikulturell.

Springerstiefel, Hosenträger, enge Jeans und kurz geschorene Haare. Die meisten Menschen denken bei ihren Vorstellungen von Skinheads an frustrierte, rechtsradikale Jugendliche. Doch wo liegen die Wurzeln dieser Subkultur? Wie kam es zu den Klischees, die dieser Bewegung anhaften? mokant.at ging diesen Fragen nach.
Die allgemeine Medienlandschaft verstärkt in den meisten Fällen das oben beschriebene Bild. Gibt man bei Google „Skinheads Wien“ ein, führen die meisten Links zu Artikeln, die von Gewalttaten oder rechtsradikalen Akten berichten. Im Zuge der Recherche waren auch die meisten wissenschaftlichen Arbeiten wenig hilfreich, da diese oftmals genauso mit Vorurteilen belastet waren. Stattdessen konnten Websites, Foren, Songtexte und Filmreportagen besser informieren, da hier die betroffenen Menschen selbst zu Wort kommen.

Rude Boys und Mods
Die Kultur der Skinheads ist seit ihrem Beginn einem stetigen Wandel unterzogen. Wie Frank Lauenburg in seinem Buch „40 Jahre Skinheads“ beschreibt, waren vor allem zwei Subkulturen in den Städten Großbritanniens prägend für die Entstehungsgeschichte der Skinheads: Auf der einen Seite waren das die Rude Boys, auch Rudies genannt. Diese Gruppe junger Männer bestand aus Kindern von karibischen Einwanderern. Die zweite Gruppe bildeten die Mods (Modernisten), die mit ihrer trendig geschnittenen Kleidung auffielen.
Was diese beiden Gruppen primär verband, war die Zugehörigkeit zur englischen Arbeiterklasse. Politisches Engagement stand zu Beginn nicht im Vordergrund; viel eher widersetzte sich die neue Subkultur der Gesellschaft ganz generell. Während viele Angehörige der Arbeiterklasse den sozialen Aufstieg betrieben, waren die Skinheads stolz auf ihre Herkunft. Auch heute noch gibt es solche traditionellen Skinheads, Trad Skins, die dem Spirit of 69 Ende der 60er-Jahre anhängen.
Einer von ihnen ist Radoslaw, der seit fünf Jahren in Wien arbeitet. Radoslaw betreut eine Facebook-Seite, die sich mit dem ursprünglichen Gedanken der Skinhead-Bewegung, dem Stolz auf die Arbeiterklasse, auseinandersetzt. Für ihn bedeutet das Leben als Skinhead vor allem stolz auf sich zu sein, egal was man arbeitet. „Es bedeutet auch, sich selber zu akzeptieren. Außerdem sind für mich Musik und der Spaß mit den Freunden wichtig – und gegenseitig für sich zu sorgen.“

Musik als Bindeglied
Tatsächlich war die Ska-, Reggae- und Soulmusik ein wichtiger Ankerpunkt für die Entstehung der Skinheadszene. Aus den Heimatländern der Rude Boys schafften es Ska und Reggae in die britischen Untergrund-Klubs. Zu Beginn waren diese Musikstile noch nicht vom Mainstream vereinnahmt, das machte sie für die Mods interessant. Einer der bekanntesten Musiker der Szene ist Laurel Aitken, der 1960 nach England immigrierte. Aitkens Musik fanden unter den Skinheads breiten Zuspruch; sowohl schwarze als auch weiße Skinheads gehörten zu seinen Fans.
Für viele Skinheads ist die gemeinsame Musik eines der Hauptargumente gegen das Vorurteil, alle Skins wären Rechtsradikale. Trad Skin Radoslaw kommt es jedenfalls nicht auf die Hautfarbe an: „Ich habe viele Freunde aus verschiedenen Nationen. Jeder sollte sein eigenes Leben führen. Solange mich keiner wütend macht, kann ich mit jedem befreundet sein.“
Durch das Aussehen der beiden Gruppen entwickelte sich schließlich auch der Look der Skinheads: Die Rude Boys mit ihren kurzen Haaren und den aufgekrempelten Jeans, die Mods mit ihren Doc Martens, Hemden und ebenfalls Jeans. Das spezielle Aussehen prägte ein Lebensgefühl, von dem sich schnell eine größere Gruppe von Jugendlichen angesprochen fühlte – unabhängig von der Hautfarbe.

Entwicklung ab den 80er-Jahren
Mit Entstehen der Punk Bewegung Ende der 1970er-Jahre trat die Skinheadkultur für einige Zeit in den Hintergrund. Bereits in den 80ern wuchs die Bedeutung der Skinheads wieder. Doch auch diese Szene hatte wenig mit rechter Gesinnung zu tun. Viele traten verstärkt antirassistisch oder unpolitisch auf. Trotzdem schafften es rechtsradikale politische Gruppen, wie die British National Front und später auch die British National Party, unzufriedene weiße Jugendliche in der Szene anzusprechen. Als möglicher Grund für den Zulauf zu radikalen Parteien wird oft die damals hohe Arbeitslosenrate genannt. Während es weiterhin traditionelle Skinheads gab und bis heute gibt, wuchs die Zahl jener, die mit dem multikulturellen Hintergrund der Bewegung brachen.

Linke Bewegung
Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken und sich von rechtsradikalen Gruppen abzugrenzen, formierten sich neue Gegenbewegungen unter den Skinheads. Eine davon ist Skinheads Against Racial Prejudice, kurz SHARP, die vor allem mit ihren Logos offen eine antirassistische Haltung demonstriert. Eine der bekanntesten Persönlichkeiten in dieser Szene ist Roddy Moreno, Sänger der Band The Oppressed. Er erklärt, warum echte Skinheads keine Rassisten sein können: „Skinhead was born from a combination of British working class Mod and Jamaican Rude Boy style. To be racist denies this origin.”
Noch weiter links stellen sich die Red and Anarchist Skinheads, kurz RASH oder Redskins. Die RASH-Gruppierung in Berlin und Brandenburg beschreibt sich selbst auf ihrer Homepage als „eindeutig antirassistisch orientiert“. Sie spricht sich gegen Sexismus, Homophobie und die Diskriminierung von Randgruppen aus. Zusammenhalt und das Zugehörigkeitsgefühl zur Arbeiterklasse stehen bei beiden Gruppierungen jedoch im Vordergrund.

Titelbild: flickr.com/erick hrz aguirre

Manuel Stenger war als Redakteur für mokant.at tätig

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