Gudrun Braun: „Ganz viel erlerntes Verhalten“

(c) Christina Maria Stowasser

Hundetrainerin Gudrun Braun im Interview über aggressive Hunde und überforderte Halter

Am Infotag für führerscheinpflichtige Hunde war mokant.at vor Ort im Wiener Tierschutzverein. Dort sprachen wir mit der Hundetrainerin Gudrun Braun, um die Sinnhaftigkeit und Problematik des Hundeführerscheins für sogenannte Listenhunde zu hinterfragen.

mokant.at: Was versteht man unter einem Listenhund?
Gudrun Braun: Die Stadt Wien hat eine Liste von zwölf Hunderassen veröffentlicht, für die es einen Hundeführerschein braucht. Fälschlicherweise werden diese oft als Kampfhunde bezeichnet.

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Foto: (c) Christina Maria Stowasser

mokant.at: Woher kommt eigentlich der Begriff „Kampfhund“?
Gudrun Braun: Bestimmte Hunderassen sind früher für Hundekämpfe verwendet worden. In England und den USA wurden diese Hunde von Teilen der Arbeiterschaft für Wetten verwendet, wodurch man Geld verdienen konnte. Vom Wesen her sehr gutmütig und familienfreundlich, brachten diese Hunde dann das nötige Geld zum Überleben. Jene Hunde, die besonders stark waren, wurden für die Zucht verwendet.

mokant.at: Hat aggressives Verhalten ihrer Erfahrung nach mehr mit der Erziehung oder den Genen zu tun?
Gudrun Braun: Der Hund ist ein Raubtier. Für ihn ist Angriff die beste Verteidigung. Wenn er Angst hat, ist es somit das Beste, als erstes zu reagieren, um einen Überlebensvorteil zu haben. Doch dann gibt es auch noch ganz viel erlerntes Verhalten dabei. Wenn Verhalten bestätigt wird, wird es auch gleichzeitig stärker.

mokant.at: Wie erzieht man einen Hund zu aggressivem Verhalten?
Gudrun Braun: Indem man negative Reaktionen verstärkt. Ein Hund, der ängstlich ist und dadurch aggressives Verhalten zeigt, wird mittels Lernprozess in seinem Verhalten bestärkt. Es gibt vier Strategien, wie ein Hund bei Angst reagiert: Er läuft davon, er greift an, er wird ganz starr oder er überspielt die Situation. Wenn der Hund angreift und dies wird vom Halter belohnt, lernt er praktisch, so mit dieser Situation umzugehen. Lernverhalten passiert von Geburt an.

mokant.at: Ist die Gefahr dann eigentlich immer am anderen Ende der Leine zu suchen?
Gudrun Braun: Der Hundehalter ist definitiv ein wichtiger Punkt. Ein Hund sollte vor allem in den ersten Lebenswochen viele Erfahrungen sammeln. Wenn er aber in einer reizarmen Umgebung aufgewachsen ist, wird er auch im späteren Leben ängstlicher sein.

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mokant.at: Ist aggressives Verhalten bei manchen Hunderassen stärker ausgeprägt als bei anderen?
Gudrun Braun
: Nicht unbedingt, sehen sie sich einen Chihuahua an. Die zeigen ganz viel aggressives Verhalten. (lacht) Aber die kann man sich unter den Arm klemmen und das war es. Die Bissgewalt ist von einem großen Hund natürlich stärker und die Verletzung dadurch intensiver ausgeprägt. Listenhunde können sehr liebevolle Hunde sein, wenn man sie richtig erzieht.

mokant.at: Also sind die Größe und Kraft eines Hundes auch von Bedeutung?
Gudrun Braun: Körperliche Voraussetzungen sind ein wichtiger Punkt. Wenn ich eine Rasse habe, die leicht erregbar ist, reagieren diese Hunde natürlich viel leichter und viel stärker. So eine Hunderasse hat natürlich auch mehr Potential und ist durch ihren Körperbau dann intensiver.

mokant.at: Gibt es aber gewisse Hunderassen, die schneller erregbar sind?
Gudrun Braun: Es gibt Hunderassen wie Staffordshire Terrier, Bull Terrier, Pitbull et cetera, die mehr zu diesem Verhalten neigen. Und dadurch haben sie natürlich mehr Potential. Man hat sich dann bei der Zucht auf jene Hunderassen spezialisiert.

mokant.at: Es müssen aber nicht unbedingt Listenhunde sein, die diese leichte Erregbarkeit aufweisen?
Gudrun Braun: Nein, ich habe zum Beispiel einen Spitz zu Hause, der ist auch ein Choleriker. (lacht)

mokant.at: Verstärken Halsbänder Aggressionen?
Gudrun Braun: Der Zug eines Halsbandes schmerzt und ist unangenehm. Kommt es dann zu einer Begegnung mit einem anderen Hund, werden Aggressionen verstärkt. Statt Halsband würde ich ein Brustgeschirr empfehlen, welches den Druck vom Hals wegnimmt.

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mokant.at: Gibt es Hunderassen, die Ihrer Meinung nach auf die Liste gehören?
Gudrun Braun: Die Frage ist ja, was wollte man mit dieser Liste erreichen. Man wollte einfach den verantwortungslosen Hundehaltern, welche ihre Mitmenschen gefährdet haben, den Wind aus den Segeln nehmen. Aber diejenigen Personen haben eben nicht den Hundeführerschein gemacht, sondern die Tiere einfach ausgesetzt oder im Tierheim abgegeben.

mokant.at: Was wäre Ihr alternativer Vorschlag dazu?
Gudrun Braun: Ein Eignungstest wäre für jeden eine gute Idee, der einen Hund halten möchte. Unabhängig davon, ob es ein Listenhund ist oder nicht. Um zu hinterfragen, ob diejenige Person auch dafür geeignet ist. Das wäre die beste Lösung für die gesamte Bevölkerung. Wir im Tierschutzverein sind damit konfrontiert, dass sich die Leute die Anschaffung eines Tieres nicht wirklich gut überlegen.

mokant.at: Verstehen manche Hundebesitzer einfach die Sprache des jeweiligen Tieres nicht?
Gudrun Braun: Ja, richtig. Und viele haben auch gar keinen Willen dazu, sich damit zu beschäftigen.

mokant.at: Sollte dann der Hundeführerschein mit Informationen zur Sprache der Hunde verknüpft sein?
Gudrun Braun: Im Grunde genommen ist dies ja schon enthalten. Aber die meisten nehmen sich halt nur den Katalog mit 150 Fragen zur Hand, aber nicht die zusätzlichen Lernunterlagen, wo man sich dazu genauer informieren kann. Stattdessen werden einfach die Fragen auswendig gelernt.

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mokant.at: Es gibt ja auch Wach-, Polizei- oder Therapiehunde. Könnten Listenhunde nicht auch andere Aufgaben übernehmen?
Gudrun Braun
: Es gibt zum Beispiel ganz viele Listenhunde in England, die als Therapiehunde arbeiten. Diese sind in Schulen, Therapiezentren, Altersheimen und Krankenhäusern unterwegs. Dies wäre auch bei uns eine tolle Einsatzmöglichkeit. Diese Hunde sind auch sehr begierig zu lernen.

mokant.at: Wieso möchten Menschen überhaupt Listenhunde adoptieren, wenn sie so einen schlechten Ruf haben?
Gudrun Braun: Weil diese Hunde in den meisten Fällen total menschenbezogen und liebevoll sind. Wenn man sie richtig trainiert und erzieht, sind das wirklich sehr entzückende Hunde.

mokant.at: Wie wird überprüft, wer welchen Hund bekommt oder auch nicht?
Gudrun Braun: Bei uns gibt es eine Übergangsphase von vier bis sechs Wochen, wo die Besitzer mit dem Hund zusammenwachsen können. Sie werden dabei auch von unseren Trainern betreut. Auch wenn sie den Hund schon übernommen haben, bekommen sie von uns entsprechende Hilfe.

mokant.at: Kann es vorkommen, dass sie einen Hund dann auch nicht vergeben?
Gudrun Braun: Ja sicher. In 60 Prozent der Fälle gibt es ein negatives Ergebnis. Das ist aber auch gut so, wenn man letztendlich sagt: „Ich habe mir das einfacher vorgestellt“. In den meisten Fällen herrscht dann auch Einsicht.

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mokant.at: Wie viele Listenhunde haben Sie hier im Tierschutzverein?
Gudrun Braun: Ungefähr 170 Listenhunde von 360 Hunden insgesamt. Als der Hundeführerschein eingeführt wurde, war die Zahl noch höher.

mokant.at: Zum Abschluss bitten wir Sie noch um ein persönliches Statement zum Thema Listenhund.
Gudrun Braun: Mein Anliegen wäre, dass die Berührungsängste gegenüber Listenhunden abnehmen. So können die Leute kennenlernen, was für nette Wesen diese Tiere eigentlich sind. Ein besseres Verständnis würde sowohl für Hundebesitzer als auch Nicht-Hundebesitzer einen Gewinn darstellen.

Titelbild: (c) Christina Maria Stowasser

Manuel Stenger war als Redakteur für mokant.at tätig

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