Karin Leszkovits: „Man verliebt sich nicht in das Geschlecht“

Die österreichische Frauenfußballerin und ehemalige Nationalteamspielerin Karin Leszkovits im Interview mit mokant.at.

Passend zur Frauenfußball-EM in Schweden (die Halbfinalpaarungen lauten übrigens Deutschland gegen Schweden und Norwegen gegen Dänemark) trafen wir die ehemalige österreichische Nationalteamspielerin Karin Leszkovits. Im Interview erzählte uns die 31-Jährige unter anderem über ihre nicht nur positiven Erfahrungen als Teamspielerin unter dem mittlerweile verstorbenen Teamtrainer Ernst Weber sowie über ihre finanziellen Einkünfte als Fußballerin. Außerdem sprachen wir mit ihr über den Unterschied zwischen Damen- und Herrenfußball und sie teilte uns ihre Meinung zur Homosexualität im Frauenfußball mit.

mokant.at: Wie bist du zum Fußballspielen gekommen?
Karin: Ich wollte schon als Kind immer Fußball spielen, aber meinen Eltern waren Schule und Noten immer wichtiger. Fußball in einem Verein schied deshalb schon einmal aus. Ein paar Burschen im Haus meiner Eltern spielten beim FavAC (Favoritner Athletikklub; Anmerkung der Redaktion) und haben mich und die anderen Kinder im Hof quasi zum Fußballspielen verdammt. Als ich dann mit 15 in der Berufsschule war, habe ich durch Zufall mitbekommen, dass sich eine Lehrerin mit einer Schülerin über ein Training unterhielt. Die Lehrerin war Sektionsleiterin bei Hellas Kagran und lud mich daraufhin ein, einmal bei einem Training unverbindlich vorbeizuschauen. Die bei Hellas Kagran waren grundsätzlich gleich angetan von mir. Ich brauchte jedoch sehr viel Überredungskunst bei meinen Eltern, um sie davon zu überzeugen dort spielen zu dürfen. Meine Lehrerin hat ihnen dann zusätzlich noch versprochen, mir im Falle schlechterer Noten Nachhilfe zu geben, was ich aber nie in Erwägung zog, da eine Berufsschule ja kein Gymnasium ist.

mokant.at: Wo hast du überall gespielt und was waren deine größten Erfolge?
Karin: Mein Verein Hellas Kagran war damals in der zweiten Divison stationiert und von da an, ist es eigentlich relativ schnell gegangen. Angefangen habe ich im Oktober 1997 und bereits ein Jahr später hieß es ich stünde in der Wiener Auswahl. Zuerst war ich regelrecht davon begeistert in der Auswahl spielen zu dürfen, mit der Zeit verliert man jedoch ein wenig die Freude, weil man dort ständig mit fremden Leuten aus diversen Vereinen zusammenkommt und spielen muss. Zwei Jahre später kam dann schon das Nationalteam. Anfangs war ich auch hier stolz, aber dann reisten wir eine Woche nach Dänemark zur EM-Qualifikation. Abgesehen davon, dass wir dort ordentlich abkassiert haben, war ich froh, dass ich dort nicht mehr dabei sein muss. Damals war Ernst Weber Nationalteamtrainer (er kam im April 2011 unter tragischen Umständen – vermutlich freiwillig – ums Leben, Anmerkung der Redaktion). Er war sicher ein guter Trainer, keine Frage, aber menschlich war er ein riesengroßes …
Wir hatten dort einen fixen Tagesablauf. Um acht Uhr Frühstück, um 9:30 Uhr Training, um 12:30 Uhr Mittagessen. Dann hatten wir Zimmerruhe und durften wirklich nichts machen, außer die Dinge die uns vorgeschrieben wurden. Nach dieser Woche war ich wirklich froh, wieder daheim zu sein. Bei der nächsten EM-Qualifikation habe ich dann gleich vorweg gesagt, ich würde keinen Urlaub mehr bekommen. Daraufhin haben sie mich dann gar nicht mehr einberufen. Bei der Auswahl spielte ich aber nach wie vor. Mit der wurden wir dann einige Male in Folge Bundesländermeister.

mokant.at: Du hast vorhin davon gesprochen, dass ihr ordentlich abkassiert habt. Also hast du phasenweise Geld für Einsätze erhalten?
Karin: Im Nationalteam und bei der Auswahl, wobei man nicht von richtigen Summen reden kann. Im Nationalteam waren es damals tausend Schillig für eineinhalb Wochen, und das Quartier wurde mir außerdem gezahlt. Beim Verband hat jede Spielerin vierhundert Schilling pro Bundesligamatch bekommen und als wir Bundesländermeister geworden sind, hat jeder tausend Schilling dafür erhalten. Aber diese Einnahmen hatte ich nicht lange. Aber sie waren schön und motivierend.

mokant.at: Hattest du irgendwann die Illusion oder die Hoffnung, dass du vielleicht finanziell vom Fußballspielen leben kannst, etwa durch einen Wechsel zu einem Profiverein im Ausland?
Karin: Also ich spiele wirklich gerne Fußball, aber das Leben eines Profisportlers wäre nichts für mich gewesen. Das ist mir spätestens bei meiner Zeit im Nationalteam klar geworden. Mehrmals täglich Training zu haben sowie diese vielen Vorschriften haben mich immer abgeschreckt. Sicherlich, wenn es ein Angebot aus dem Ausland gegeben hätte, wäre es sicher eine Überlegung gewesen. Denn so ein Angebot bekommt nicht jeder. Aber es war niemals mein Ziel, Profi zu werden und mein Geld damit zu verdienen.

mokant.at: Gab es Momente in deinem Leben, in denen du für dein eher außergewöhnliches Hobby komische Bemerkungen von Freunden oder Familienmitgliedern geerntet hast?
Karin: Mein Freundeskreis hat sich dann auf den Fußball fixiert, von der Seite also eher nicht. Meine Eltern waren anfangs eher skeptisch. Aber nicht, weil es Fußball war, sondern eben wegen der Schule. Sie waren dann aber doch relativ oft bei den Matches anwesend, bis ich ihnen gesagt habe, sie nicht mehr dabei haben zu wollen. Aber das haben sie sich trotzdem nicht nehmen lassen. Mein Papa fragt eher erst seit den letzten paar Jahren, ob ich nicht endlich aufhören möchte. Weil wir seiner Meinung nach nichts mehr gewinnen würden. Er versteht einfach nicht, dass ich nicht mehr nur spiele, sondern mich mittlerweile auch Funktionärsarbeiten an diesen Verein binden.

mokant.at: Wie lange gedenkst du noch selbst aktiv zu bleiben?
Karin: Das kann ich dir morgen nach dem Training sagen (lacht). Bei der Frauen-EM hat der Kommentator gemeint, das beste Alter für eine Frauenfußballerin sei 38. Da hätte ich mit meinen 31 Jahren ja noch einige gute Jahre vor mir. Nein, aber im Ernst. Solange es mir Spaß macht. Bei uns (SV Wienerfeld, Anmerkung der Redaktion) bin ich ja momentan die einzige, die Tore schießt, die brauchen mich also (lacht). Es macht mir einfach noch Spaß und das gesamte Umfeld ist okay. Die Karriere kann also noch bis 35 dauern, oder bis 36, ich kann mir aber genauso morgen das Kreuzband reißen und dann glaube ich – glaube ich – werde ich nicht mehr den Weg zurückfinden wollen. Ansonsten bleibe ich dem Sport aber noch ein paar Jahre erhalten.

mokant.at: Beim SV Wienerfeld?
Karin: Ja, nur noch beim SC Wienerfeld. Es sei denn, auch dort passiert irgendetwas unvorhersehbares. Aber da ich ja dort auch Funktionär bin, bleibe ich sicher bei Wienerfeld. Denn der Vorstand wird sich etwas dabei gedacht haben, als sie mich gewählt haben.

mokant.at: Welche Funktion übst du beim SV Wienerfeld aus?
Karin: Schriftführer Stellvertreter und sportlicher Leiter Stellvertreter. Also eigentlich bin ich für die Damensektion verantwortlich und treffe dort Entscheidungen in Absprache mit dem sportlichen Leiter, der dann die letzte Entscheidung trifft und verantwortet. Aber bis jetzt – und das ist nun fast ein Jahr – wurden alle meine Ideen angenommen und auch umgesetzt.

mokant.at: Diese Tätigkeit macht dir Spaß und könnte deine Berufung für die Zeit nach deiner aktiven Karriere werden?
Karin: Ja. Wenn ich einmal zu spielen aufhöre, werde ich sicherlich diese Hintergrundarbeit weiter machen. Trainer werde ich hingegen ganz sicher nie. Denn das ist das Allerschlimmste, was dir passieren kann. Da wirst du geliebt wenn du kommst und sobald etwas passiert ist man der Arsch. Ich bin zwar schon einmal als Trainer eingesprungen und das war zu diesem Zeitpunkt auch ein schönes Gefühl, aber ich möchte nicht dauerhaft ein Training leiten müssen und anderen Leuten vorschreiben, was sie zu tun haben. Also ich mache ganz sicher nie irgendwelche Trainerprüfungen oder dergleichen. Aber diese Funktionärsarbeit mit Organisation und Administration werde ich sicher weiter machen, bis mich halt jemand wegschickt (lacht).

mokant.at: Nun zu einem etwas heikleren Thema. Als Außenstehender hat man oftmals das Gefühl beziehungsweise den Eindruck, ein Großteil der Spielerinnen wäre homo- oder bisexuell. Woran könnte das liegen, oder täuscht der Eindruck?
Karin: (denkt kurz nach) Offensichtlich haben in diversen Vereinen – aber nicht nur im Fußball, sondern auch beim Hockey, Football oder Handball – Mädchen, aber auch Burschen wahrscheinlich, diesen Drang dazu. Weil diese Sportarten vielleicht doch Männersport sind. Aber woran das genau liegt, kann ich auch nicht sagen. Ob es jetzt wirklich ein Großteil ist, wage ich jedoch nicht zu behaupten. Es gibt sicher einige, von denen man es weiß, einige von denen man es nicht weiß, einigen sieht man es an und anderen sieht man es wieder gar nicht an. Warum das so ist, keine Ahnung.

mokant.at: Glaubst du ist Homosexualität etwas, das in den Genen liegt, oder etwas das man möglicherweise sogar anerziehen kann?
Karin: Generell bin ich der Meinung, man verliebt sich nicht in das Geschlecht, sondern in die Person. Es gibt einige, die sagen, sie haben Beziehungen mit Mann und Frau und das geht auch. Darüber habe ich mir eigentlich noch keine Gedanken gemacht und werde ich auch nie, denn jeder soll so leben wie er lebt. Es ist ja deshalb keiner ein anderer Mensch, nur weil das jetzt so ist. Es gibt ja leider viele, viele Leute, die dem Thema gegenüber naiv sind. Die es als Krankheit oder als Sünde betrachten. Das ist aber nicht so. Viele verhalten sich gegenüber Homosexuellen seltsam, sobald sie von deren Neigung erfahren haben. Fast so als ob man sich bei ihnen anstecken könnte. Also ich glaub nicht, dass es in den Genen liegt und schon gar nicht, dass man so erzogen werden kann. Sondern das ergibt sich halt einfach und könnte irgendwann jeden betreffen. Entweder du bist an gleichgeschlechtlichen Leuten interessiert oder eben nicht. Denn wenn es dich wirklich nicht interessiert und du hast einen Freundschaftskreis in dem alle homosexuell sind, bist aber selbst wirklich nicht so, dann passiert dir das auch nicht, weil du dann irgendwo einen Freund hast oder wie auch immer. Aber wenn du dir sagst, es kommt so wie es kommt, dann verliebst du dich ja doch in die Person und nicht in ein Geschlecht.

mokant.at: Im Männersport – also zumindest im Profisport – sind Outings ja eher die Ausnahme. Warum glaubst du gibt es diesen Unterschied zwischen Männern und Frauen?
Karin: Die Antwort auf diese Frage beginnt bereits ganz wo anders. Erstens kann man Herrenfußball mit Frauenfußball gar nicht vergleichen. Wenn man sich beide Spiele anschaut, ist Damenfußball – selbst wenn es gut ist – einschläfernd im Gegensatz zu Männerfußball. Daher verdienen die Männer auch einen Haufen Geld. Wenn ein Prominenter plötzlich sagt, er sei schwul, wirkt sich das wohl negativ auf seinen Ruf aus.

mokant.at: Also glaubst du, ein Outing wirkt sich bei Profisportlern negativer auf die Karriere aus, als bei Profisportlerinnen?
Karin: Ich glaube, der Großteil der Profisportlerinnen, macht seine sexuelle Neigung nicht öffentlich. Wenn man sie in der Öffentlichkeit händchenhaltend sieht, dann wird es wohl so sein, aber dass sie es bewusst publik machen, wäre mir neu und glaube ich auch nicht. Ich glaube auch nicht, dass sie das vom Verein aus dürfen. Die haben sich ja eben an gewisse Richtlinien zu halten, die wiederum das gesamte Leben total einschränken. Also ich glaube, Profidamen müssen vom Verein aus ihr eigenes Privatleben ebenfalls abschotten.

Titelbild: (c) Dominik Knapp

Dominik Knapp war von März 2013 bis Jänner 2017 als Redakteur und stellvertretender Chef vom Dienst (Korrekturleser) bei mokant.at tätig. Neben dem Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften beschäftigt er sich vorwiegend mit Sport in all seinen Facetten (bevorzugt Tischtennis, Padel und Tennis) sowie dem Eurovision Song Contest.

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