Lifeball: Soziale Schwestern

Wer steckt hinter den Aidsnonnen am Lifeball? Wir haben mit einer der Ordensschwestern gesprochen

In Wien kennt man sie vornehmlich als Stylepolice am Lifeball, tatsächlich steckt aber viel mehr hinter den Schwestern der perpetuellen Indulgenz. Mutter Daphne Maria Sanguina Mater d’Or verrät im Gespräch die Ziele und Hintergründe der mysteriösen Schwesternschaft.

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Christina Maria Stowasser

„Kommt doch rein, wie schön, dass ihr gekommen seid!“ – Freundlich werden wir in ihr Hotelzimmer gebeten. Daphne und Charlott machen sich gerade für den Lifeball, der in wenigen Stunden beginnen wird, zurecht. Sie sind extra aus Berlin angereist, um zusammen mit Schwestern aus anderen Ordenshäusern den Lifeball zu eröffnen und als Stylepolice das Motto des Abends – 1001 Nacht – zu kontrollieren.

Mehr als Stylepolice
„In Wien kennt man uns leider oft nur als Stylepolice“, seufzt Daphne, während sie mit blauer Farbe sorgfältig die Augen umrandet. „Dabei sind wir Schwestern viel mehr“. Die Schwestern, das sind die Mitglieder des Ordens der perpetuellen Indulgenz, einer 1979 in San Francisco gegründeten Gruppe, die ursprünglich für schwule Gleichberechtigung einstand. „Anfangs war es wichtig, gegen christliche Moral und Dogmen vorzugehen. Aber als in den frühen 80ern das große AIDS-Sterben begann, da fragte man sich, für wen man denn noch kämpfen soll, wenn alle wegsterben? Ab dann wurde sehr viel Aufklärungsarbeit zum Thema HIV und AIDS betrieben“, erklärt Daphne.

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Christina Maria Stowasser

So wurde damals auch die weltweit erste Aufklärungsbroschüre in sexuell positiver Sprache verbreitet, die sich von medizinisch abgeklärten Werken abhob und genussvoll zu lesen war. Seitdem ziehen die Schwestern durch die Welt um universelle Freude zu verbreiten, verinnerlichte Schuld zu tilgen, Safer-Sex-Materiale zu verbreiten und Gelder für von HIV und AIDS betroffene Menschen zu sammeln. Die dabei gesammelten Gelder werden am jeweiligen Standort für Hilfsorganisationen, die sich für Menschen mit HIV und AIDS einsetzen, aufgewendet. Die Bandbreite der unterstützten Projekte ist vielfältig, sie reicht von Straßenfesten und Beratungsstellen bis hin zu etwa einem Sterbehospiz und einem integrativen Kindergarten. Der Orden ist weltweit vertreten, es gibt Häuser in Europa, Nord- und Südamerika und Australien. Alle Mitglieder stehen über eine Emailliste im täglichen Kontakt, Treffen gibt es zweimal jährlich.

Dem Tod entgegentreten
Besonders auffällig ist die farbenfrohe Gesichtsbemalung der Nonnen, um die sich mehrere Mythen ranken. „Ihr Ursprung liegt irgendwo zwischen 1979 und 1981 – von damals gibt es keine Aufzeichnungen, es wusste ja niemand, dass diese Gruppierung einmal weltweit so große Erfolge feiern würde“, sagt Daphne. Die erste Vermutung geht auf eine der Ursprungsschwestern zurück: Sie ging anschaffen, und schützte durch die deckende weiße Gesichtsfarbe ihre Identität vor ihren Freiern.

Eine weitere These liegt in der Farbsymbolik: ein weißer Untergrund als Zeichen des Todes (in vielen Kulturen gilt weiß als Trauerfarbe) und bunte Akzente, um dem Tod entgegenzutreten. Der Tod ist hierbei nicht nur im physischen, sondern vor allem auch im sozialen Sinn gemeint. Daphne erinnert sich: „Gerade in den ersten Jahren, als die Leute unglaublich Panik vor AIDS hatten, wurden HIV-positive Menschen massivst ausgegrenzt, wodurch sie oft zuerst einen sozialen Tod gestorben sind. Als keiner etwas mit ihnen zu tun haben wollte, waren die Schwestern da und haben sie in den Arm genommen. Es war und ist uns wichtig zu vermitteln, dass trotzdem alles gut ist. Wenn keiner dich mehr lieb hat, dann hab keine Angst – wir kommen zu dir, wir drücken dich, wir haben dich lieb und wir wollen dir Freude schenken. Daher ist dieses ‚Verbreiten von universeller Freude‘ ein wichtiger Punkt bei uns.“

Langer Weg zum „Ruhm“
Um Nonne zu werden, muss man zunächst den Ruf verspüren. Die Nonnen missionieren nicht, alle Mitglieder treten von sich aus an den Orden heran. In einer dreimonatigen Probezeit, dem Aspirat, werden Einführungen zur Geschichte der Schwestern und der schwulen Missionierung, zum Thema HIV und AIDS und gängigen Hilfstherapien, zum Verhalten in der Öffentlichkeit und Ähnliches gegeben. In dieser Zeit trägt die angehende Nonne schwarz und ist ungeschminkt. Danach beginnt das Postulat, eine ebenfalls dreimonatige Phase, in der weiße Gesichtsgrundierung erlaubt ist, jedoch kein Schminken der Lippen, da es ihr noch nicht gestattet ist, zur Öffentlichkeit zu sprechen.

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Christina Maria Stowasser

Anschließend tritt die Nonne in den sechsmonatigen Zeitraum des Noviziats ein, in der bereits volles Makeup sowie die spezifische Ordenshaube („Wir nennen das Titten“) erlaubt ist. Zu diesem Zeitpunkt wird die Nonne auch von anderen Mitgliedern als vollwertiges Mitglied anerkannt, nach Ende des halben Jahres schließt sie mit einem Noviziatsprojekt (meist die Organisation eines karitativen Events) ab und erfährt durch Abstimmung aller Ordensschwestern des Hauses ihre Beförderung. Ihren Namen kann übrigens jede Nonne selbst wählen.

Ein Orden für alle
Ausgeschlossen wird niemand – im Orden sind alle Menschen ganz ungeachtet ihres Geschlechts und ihrer Orientierung willkommen. Mit Stolz erklärt Daphne, dass sie im Berliner Orden auch die kleinste Nonne der Welt haben: „Schwester Francine ist nur knapp 1,35 Meter groß und sitzt im Rollstuhl. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie unglaublich positiv die Menschen auf sie reagieren. Sie vermittelt so viel Kraft und gibt Mut.“ Für die Zukunft würde sich Daphne eine Ausweitung des Ordens wünschen: „Weltweit sind wir momentan 2.000 Schwestern, schön wäre es, wenn wird irgendwann einmal 10.000 wären! Auch eine Vertretung in Asien wäre wünschenswert und für Europa eine weitere Niederlassung in Österreich. Wer weiß, vielleicht findet sich ja jemand, der ein Ordenshaus in Wien gründen möchte?“

Titelbild: (c) Christina Maria Stowasser

Annabella Kittel war als Redakteurin für mokant.at tätig.

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