Streetworker: Hilfe auf der Straße

Bei den Streetworkern wird abhängigen Menschen individuelle Hilfestellung geboten.

Notfallsets an drogenabhängige Klienten ausgeben, erste Hilfe leisten, Beratung und Unterstützung süchtiger Menschen. Einfach klingt Brigitte Schreiners Berufsleben nicht. Wenn man sie jedoch darüber sprechen hört, bekommt man den gegenteiligen Eindruck: Jede Erzählung aus dem Alltag scheint positiv behaftet, alles wirkt geradezu makellos. Ändern würde Brigitte Schreiner an ihrem Arbeitsumfeld nichts. Die ausgebildete Sozialarbeiterin arbeitet seit einem Jahr als Streetworkerin der Suchthilfe Wien. Doch wie sieht der Alltag in einem so ungewöhnlichen Job wirklich aus?

Mit dem Rucksack unterwegs durch Wien
Die Basis der Streetworker ist der Stützpunkt am Karlsplatz. Hier finden die Klienten zwischen 10:00 und 13.30 Uhr täglich Raum, um mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zu sprechen, sogenannte Notfallsets zu holen oder kurz Abstand vom alltäglichen Trubel der Straße zu finden. Sperren diese Räumlichkeiten mittags zu, geht die Arbeit auf der Straße los. In Zweierteams ziehen die Mitarbeiterinnen durch Wien, die Hotspots der Klienten kennen sie längst. „Es ist wichtig, sowohl Kontakt zu neuen Klienten aufzubauen, als auch die Altbekannten wieder zu unterstützen“, erklärt Brigitte Schreiner begeistert. Sie gibt aber auch zu, dass es oft schwierig ist, eine komplett unbekannte Truppe anzusprechen. „Man muss ein Gefühl dafür entwickeln, wann es passend ist, die Menschen anzureden. Manchen ist eine Unterhaltung auch unangenehm.“

Emotionale Beziehungen zu den Klienten
Die Streetworker sind auch bei den Betroffenen keine Unbekannten: „Es ist mir auch schon passiert, dass die Leute aktiv auf mich zugehen und mich um Hilfe bitten“, erzählt die Sozialarbeiterin. Gehen die Angesprochenen auf das Angebot der Streetworker ein, geht es zum Stützpunkt auf den Karlsplatz. Dort wird dann durch Gespräche die weitere Vorgehensweise festgelegt. Die Arbeit dort und in der Stadt geht also Hand in Hand. Dass sich jemand vehement gegen ihr Angebot wehrt, hat Brigitte Schreiner noch nie erlebt. Im nächsten Satz versichert sie jedoch: „Wenn jemand sagt, er will nichts mit uns zu tun haben, ist das natürlich auch okay.“ Von den Streetworkern werden jegliche Reaktionen auf ihre angebotenen Hilfeleistungen toleriert und akzeptiert. Beziehungen zu den Klienten können und müssen laut Brigitte Schreiner über lange Zeit entstehen.

Gewalt ist, wie die Sozialarbeiterin sagt, so gut wie kein Thema. „Wenn man zu Klienten eine emotionale Beziehung aufbaut, ist das massiv deeskalierend“, begründet die erfahrene Streetworkerin diese entspannte Haltung zu ihrem Job. Die Betreuung der Klienten ist sehr individuell und reicht von einer einmaligen Information oder der schlichten Ausgabe eines Notfallsets bis hin zu einer intensiven psychischen Betreuung über einen langen Zeitraum. „Man weiß natürlich nie, was einen erwartet, wenn man in die Arbeit kommt – das ist sehr aufregend“, meint Brigitte Schreiner, um dann schnell hinzuzufügen: „Im positiven Sinne.“ Auch die Bandbreite der betreuten Personen ist sehr groß. Den Altersdurchschnitt schätzt die Sozialarbeiterin auf 20-45 Jahre, mit Ausreißern: Die jüngste Klientin war in etwa 13-14 Jahre alt. So verschieden wie die Altersgruppen sind auch die Substanzen. Meistens handelt sich um einen Mischkonsum verschiedener Drogenarten. Generell gilt: Alles, was illegal ist, fällt in die Zielgruppe der Streetworker.

Die Sucht: eine chronische Erkrankung
Die Substanz, die in Österreich am meisten konsumiert wird, ist Cannabis. Gleich danach reiht sich der Konsum von Ecstasy, Kokain und Amphetaminen ein, etwa zwei bis vier Prozent der Allgemeinbevölkerung haben damit schon einmal Erfahrungen gemacht. Die allgemeine Situation der Versorgung abhängiger Personen in Österreich sieht der Mediziner Hans Haltmayer, ärztlicher Leiter des Ambulatoriums Jedmayer, als „ein generell sehr gutes und differenziert ausgebautes Versorgungssystem, das in Ballungszentren besser ist als in den ländlichen Gebieten“.

Die Versorgung am Land sieht Haltmayer aber dennoch als ausreichend an, sie laufe eben nur anders ab. In Oberösterreich wenden sich Betroffene beispielsweise zuerst an eine Spezialambulanz, in anderen Gebieten ist eben der Hausarzt die erste Ansprechperson. Unterzieht sich der Patient einem stationären Entzug, so dauert dieser in etwa drei Wochen. Für den ärztlichen Leiter des Jedmayer besteht ein erfolgreicher Entzug aus einer guten Vor-, sowie Nachbereitung. Letztere kann den Patienten nachhaltig helfen, nicht rückfällig zu werden und trägt maßgeblich zur Reintegration bei. Trotzdem liegt die Rate der Patienten, die dauerhaft abstinent bleiben, nur bei zwanzig Prozent. „Man darf nicht vergessen, dass Sucht eine chronische Erkrankung ist“.

Judith Schrenk ist als Redakteurin für mokant.at tätig.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.