VinziPort: Ein Hafen für Gestrandete

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Zu Besuch bei VinziPort, der Notschlafstelle für heimatlose Menschen aus dem EU-Raum

Es riecht nach Szegediner Gulasch und gebratenen Erdäpfeln. Dutzende Männer stehen mit einem Teller in der Hand in einer Reihe. Die Geräuschkulisse, die noch vor wenigen Minuten den Raum ausgefüllt hat, hat sich in ein bescheidenes, erwartungsvolles Schweigen verwandelt.Bei den Männern handelt es sich um heimatlose EU-Bürger. Seit November 2010 finden sie im VinziPort, einem ehemaligen Gasthaus in der Linzerstraße 169, eine auf drei Monate befristete Unterkunft für die Nacht. An den architektonischen Gegebenheiten des Hauses wurde nichts verändert. Stuckornamente umrahmen die Beleuchtungselemente im Speisesaal. An den Wänden sind alte Landschaftgemälde angebracht. Einfache Tische und Stühle aus Buchenholz sorgen für die funktionale Raumausstattung. Elisabeth Barton hat das Treiben im Blick. Die 52-Jährige arbeitet seit April 2012 ehrenamtlich für die Organisation. „Jetzt wird’s dann ein Jahr“, sagt die Obfrau des VinziPorts lächelnd.

Foto: (c) Raimund Appel

Studentenproteste als Ausgangspunkt
Als vor mehr als drei Jahren bei der Audimaxbesetzung viele Obdachlose in der Universität eine Schlafmöglichkeit fanden, wurde der Bedarf an zusätzlichen Unterkunftmöglichkeiten für heimatlose EU- Bürger aufgezeigt. Nach sechzigtägiger Besetzung von Österreichs größtem Hörsaal wurde der Protest von der Polizei durch Zwangsräumung beendet. Neben zehn Studenten mussten 80 Obdachlose das Audimax verlassen. Heute finden sie im VinziPort eine zeitlich begrenzte Versorgung.

„Es sind vorwiegend Männer aus dem Osten, die bei uns Zuflucht suchen“, erklärt Elisabeth Barton. Die Hoffnung auf ein besseres Leben im Westen ist oft der Anlass Glück in Österreich zu suchen. Um zu gewährleisten, dass die Einrichtung eine Aufnahmestelle für bedürftige Menschen bleibt, beschränkt sich die maximale Aufenthaltsdauer auf drei Monate. Die Versorgung beinhaltet eine warme Mahlzeit, sanitäre Verpflegung und die Obhut für die Nacht.

Notschlafstelle schreit nach Renovierung
Über braune Fliesenstufen gelangt man in den Keller zum Schlafraum und den sanitären Anlagen. Es ist kalt. 75 Mann in einem Zimmer. Stockbetten sorgen für die optimale Raumaufteilung. Das Badezimmer ist mit den notwendigsten Anlagen ausgerüstet. Das Wort Renovierungsbedürftigkeit bekommt beim Betrachten der Wände und Materialien einen anderen Stellenwert. „Schulkinder bekommen auch immer große Augen, wenn sie das hier sehen“, sagt die Obfrau über den Zustand der Räumlichkeiten. Im Sommer soll das Haus mit der Unterstützung von Sponsoren renoviert werden. Dann soll auch der Speisesaal mehr Platz bieten, in dem momentan nur 45 Personen passen. „Wichtig wäre es für uns Sponsoren zu finden, die die Renovierung der Anlagen ermöglichen würden“, sagt Elisabeth Barton.

Da der VinziPort keine Gelder aus öffentlicher Hand erhält, ist die Versorgung der Gäste eine organisatorische Herausforderung. Neben einem Bettenbeitrag von einem Euro pro Gast und Nacht werden die Betriebskosten über Einkünfte von der Schwesternorganisation Vinzi-Markt finanziert. Lebensmittel werden gespendet. Die Arbeit wird von Ehrenamtlichen verrichtet.

„Mit Leib und Seele dabei“
Im Lager findet man Essensspenden, die von unterschiedlichen Unternehmen gespendet und von ehrenamtlichen Mitarbeitern eingesammelt werden. Eine Bäckereifiliale überlässt Brot, das nicht mehr verkauft werden kann. „Normalerweise würde das gesamte Gebäck am Abend in der Biotonne entsorgt werden“, sagt Grete, die bei der Zubereitung und Ausgabe des Abendessens mithilft. Lebensmittel, die kurz vor dem Ablaufen sind oder die aus einem anderen Grund nicht mehr verkauft werden können, werden regelmäßig von einem Supermarkt zur Verfügung gestellt. Elisabeth deutet auf drei große Behälter Melanzani und erklärt: „Unsere Köche müssen kreativ sein, um mit den unterschiedlichsten Zutaten eine nahrhafte Mahlzeit zu zaubern.“

Foto: (c) Raimund Appel

„Ich gebe die Butter schon vorher ins Wasser, dann schmecken die Erdäpfel besser“, sagt Wolfgang. Der gelernte Koch hilft dienstags mit seinem Wissen aus und steckt die anderen mit seiner Improvisationsleidenschaft an. Am Wochenende ist er auf Flohmärkten anzutreffen. Mit den Einnahmen kauft er Lebensmittel für den VinziPort ein. „Er ist mit Leib und Seele dabei“, sagt Grete während sie einen großen Karton auf den Boden stellt. Sie bittet Freunde und Bekannte immer wieder um Geldspenden, mit denen sie Nachspeisen für die Gäste einkauft. „Heute gibt es Pudding von einem Diskonter, 15 Cent der Becher“, fügt sie hinzu.

Ehrenamtliches Engagement
„Wir sind Meister im Organisieren. Anders würde es nicht gehen“, sagt Obfrau Elisabeth Barton. Neben Grete und Wolfgang gibt es noch vierzig andere Mitarbeiter, die den Betrieb am Laufen halten. Der Bedarf an weiteren Ehrenamtlichen ist immer gegeben. Charlotte Trkola, die Hausleiterin vom VinziPort, koordiniert alle Abläufe im Haus und ist somit auch für den Einsatz von freiwilligen Helfern, für Lieferungen und Spenden zuständig. Ihren ersten Einsatz hat sie noch „ganz besonders in Erinnerung“. Den hatte sie am Heiligen Abend.

Im Speisesaal nimmt die Geräuschkulisse allmählich wieder zu. „Nach zehn Minuten haben sie meist aufgegessen“, sagt Wolfgang wissend. Im Hintergrund läuft der Fernseher. Stephane Hessel, der erst kürzlich verstorbene Widerstandskämpfer und Mitverfasser der Menschenrechte wird portraitiert. In seinen Büchern „Empört euch“ und „Engagiert euch“ machte er auf den Bedarf und den Nutzen von gesellschaftlichem Engagement aufmerksam. „Ausgangspunkt war die Audimaxbesetzung“, sagt Barton lächelnd und erinnert noch einmal daran, wie der Stein ins Rollen gekommen ist.

Artikel von Sandra Mader

Titelbild: (c) Raimund Appel

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