Dumpstern: Leben wie ein König

mokant.at>foto: michel mehle

Gerhard und Rainer sammeln ihr Essen aus dem Müll – mokant.at hat die beiden begleitet

Insider kennen Gerhard durch die beiden Dokus „Taste the waste“ und „Essen fassen“, die sich mit dem Thema Dumpstern, oder – wie er es selbst nennt – „Mistkübel stirdln“, befassen. Seit sieben Jahren fischt er seine Lebensmittel aus den Mülltonnen von Supermärkten. „Und ich lebe davon wie ein König“, beschreibt er seine ungewöhnliche Lebensweise, die mit der Aktion Volxküche ihren Anfang nahm. Volxküche heißt mit Lebensmittel aus der Tonne gemeinsam etwas kochen und so ein gratis Menü für alle, die wollen, zusammenzustellen. „Wir haben das früher im TÜWI (Studentenlokal „Türkenwirt“, Anmerkung der Redaktion) jede Woche mal gemacht“, erzählt er. Durch seinen Freund Joe, der die Gratis-Ausspeisung mitorganisierte, kam er zu seinem ersten Zentralschlüssel – ein Schlüssel, wie ihn in Wien beispielsweise die Feuerwehr hat. Seitdem hat Gerhard Zutritt zu allen Müllräumen und Innenhöfen der Stadt. Eine Mischung aus politischer Ideologie und Geldnot treiben ihn ein bis zwei mal pro Woche zum Mistkübel. Denn der Student, der in einem Kleingartenhäuschen am Rande Wiens wohnt, muss mit 150 Euro im Monat auskommen.

Glücksmomente aus der Tonne
Andere Beweggründe hat sein Freund Rainer (36), der als Sozialarbeiter weit mehr Geld zur Verfügung hätte. „Bei mir hat das Stirdln mittlerweile fast Suchtcharakter angenommen. Ich fühle mich dabei immer wie ein Kind und die Tonne ist mein Überraschungsei. Es ist für mich ein richtiger Glücksmoment, wenn ich etwas finde, womit ich nicht gerechnet habe.“ Womit Otto Normalverbraucher im Müll wahrscheinlich nicht rechnet, sind Elektrogeräte. Doch auch diese finden Gerhard und Rainer bei ihren Touren immer wieder. Gerhards liebster Fund ist ein rosa CD-Player, den er aus der Tonne eines Discounters mitgenommen hat. Reklamationswaren würden seiner Erfahrung nach immer öfter von Mitarbeitern in den Hausmüll geworfen, so auch Elektrogeräte.

Magenbeschwerden nur von gekauften Lebensmitteln“
Im Schnitt alle drei Tage produziert der durchschnittliche Supermarkt eine volle Tonne Lebensmittel, die kurz vor dem Ablaufen weggeworfen werden. Verdorben seien diese Waren aber deshalb noch lange nicht, meinen Gerhard und Rainer. Magenbeschwerden kennen die beiden nur von gekauftem Essen: „Weil wir da nicht so genau kontrollieren, wie bei den Sachen aus der Tonne.“ Beim Dumpstern werden die beiden indes immer mutiger. Früher haben sie aus Angst vor Krankheitserregern auf Fleisch und Fisch verzichtet, heute essen sie sogar weggeworfenes Fertig-Sushi. „Ich verlasse mich auf meine Nase, nicht auf ein Mindesthaltbarkeitsdatum“, meint Gerhard.

Scham versus Lifestyle
„Früher hab ich mich sehr fürs Stirdln geschämt“, gesteht der Student. „Doch wenn ich heute neuen Bekannten erzähle, wie und wovon ich lebe, bin ich der Held!“ Vor allem die beiden Dokus, bei denen Gerhard mitwirkte, hätten zum Umdenken in der Gesellschaft beigetragen, meint er. „Man trifft jetzt viel mehr Leute als früher bei den Tonnen“, findet auch Rainer. Während er aber in den ehemaligen Arbeiterbezirken Wiens großteils Pensionisten und Migranten anträfe, würden in den Szenebezirken eher Linke und Alternative dumpstern. Immer mehr Menschen klinken sich seiner Meinung nach aus der Überfluss- und Konsumgesellschaft aus – nicht nur aus Geldnot, auch aus persönlicher Überzeugung. Internetseiten wie wastecooking.at hätten eine Art Lifestyle aus dem Dumpstern gemacht.

In der Tonne – ein Lokalaugenschein
mokant.at begleitete Gerhard und Rainer beim „Mistkübel-Shopping“. Da die meisten Lebensmittelketten ihren Müll über den Hausmüllraum oder in den Innenhöfen von Wohnhausanlagen entsorgen, muss man sich als Dumpsterer Zugang zu diesen Anlagen verschaffen. Hier kommt der Zentralschlüssel, der über die Gegensprechanlage alle Eingangstüren entsperrt, ins Spiel. „Genau genommen ist diese Vorgehensweise Hausfriedensbruch“, weiß Rainer. „Daher gehen wir immer im Dunkeln, obwohl wir noch nie Probleme mit der Polizei hatten.“ Wichtig wäre es daher, sich in einem Mehrparteienhaus so unauffällig wie möglich zu verhalten, damit die Bewohner keinen Verdacht schöpfen, bekommen wir Redakteure als Tipp mit auf unsere erste Dumpster-Tour.

Es kann eben dauern“
Wir starten um 22 Uhr 30 nachts auf einer noch immer recht belebten Einkaufsstraße Wiens, um dann aber recht schnell in eine kleine Seitengasse abzubiegen. Gerhard und Rainer wissen, wo sie hinwollen. Es ist eine kleine Discounter-Filiale, die unsere beiden Tourguides ins Auge gefasst haben. Die Mülltonnen wären hier im Innenhof und daher leicht zu erreichen. Doch Fehlanzeige – heute befinden sich nicht einmal leere Kübel dort, wo sie erwartet wurden. „Es kommt fast nie vor, dass ich bei einer Tour gar nichts finde“, meint Rainer. „Aber es kann eben dauern.“ Der teils große Zeitaufwand und das anschließende Säubern der Ware seien die einzigen Nachteile beim Dumpstern, das Rainer fast täglich betreibt. Sein Ziel ist es, keine Lebensmittel zuzukaufen und ausschließlich mit dem, was die Tonne hergibt, auszukommen. Gerhard hingegen dumpstert nur ein bis zweimal pro Woche und kauft bei Bedarf auch manchmal ein. Knabbereien oder spezielle Speiseöle, die er besonders gern mag, findet er fast nie im Kübel.

Wenigstens die Verdauung funktioniert“
Wir ziehen weiter und schon beim nächsten Supermarkt werden wir fündig. Hier wird Abgelaufenes über den Müllraum eines Mehrfamilienhauses entsorgt. Der Zentralschlüssel oder „Z“, wie er von Insidern genannt wird, sperrt und wir sind wenige Minuten später bei den Kübeln. Leider mischt sich in diesen Tonnen der Hausmüll der Bewohner mit den weggeworfenen Waren der Lebensmittelkette, weshalb die Verpackungen leicht verschmutzt sind. Meist gäbe es für die Supermärkte aber eigene Tonnen, erklären Gerhard und Rainer.

Da der Kübel trotzdem gut gefüllt ist, machen sich die beiden Dumpsterer ans Werk. Nur sehr selten müsse man in die Tonnen klettern um etwas Essbares zu finden, sie seien fast immer randvoll, teilen sie ihre Erfahrungen. Das ist auch diesmal so und wir fischen Joghurt, verschiedene Fertiggerichte, Erdbeeren, Fleisch und Gemüse aus den Mistkübeln. Vollkorntoast – dank mehrmaliger Kontrolle garantiert schimmelfrei – und ein Bund Bio-Rosen, die zu einem Spontangeschenk für die Redakteurin werden, runden das heutige Angebot ab. „Nicht unbedingt ein fetter Fund“, lacht Gerhard. „Aber wenigstens die Verdauung wird diese Woche bei mir funktionieren.“ Er zeigt auf die zahlreichen grün verpackten Joghurts, die sich in seinem Korb stapeln.

Gier
Wir verlassen nach einer Viertelstunde den Müllraum wieder. Gerhard hat den Korb des Fahrradgepäckträgers gut gefüllt und auch Rainer trägt einen vollen Rucksack. Ob Gerhard auch dumpstern würde, wenn er nach Abschluss seines Studiums mehr als 150 Euro im Monat zur Verfügung hätte? „Ja, ich denke mein Hauptmotiv ist mittlerweile die Gier“, gibt der angehende Psychologe selbstreflektiert zu. Und Rainer? Der möchte sich auch weiterhin nicht um seine Glücksmomente bringen.

Titelbild: mokant.at>foto: michel mehle

Manuela Griessbach ist als Leiterin des Ressorts Gesellschaft für mokant.at tätig. Kontakt: manuela.griessbach[at]mokant.at

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