Michael Schottenberg: „Wie schroffe Felswände“

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Volkstheater-Direktor Michael Schottenberg im Interview zur Premiere von „Woyzeck“

Woyzeck ist eines der meistdiskutierten und kritisierten Dramen Georg Büchners. Sogar Goethes Faust wurde längst von dem kontroversen Stück als Vorzeige-Schullektüre abgelöst. Die gleichnamige Hauptperson, ein mittelloser Soldat, lebt mit seiner Freundin und ihrem gemeinsamen Kind völlig verarmt. Um Geld dazuzuverdienen spielt er Versuchskaninchen eines umstrittenen Experiments. Woyzeck wird von der Gesellschaft als Objekt deklariert, missbraucht, psychisch und physisch fertig gemacht. Die unveränderlichen gesellschaftlichen Bedingungen treiben ihn in den kompletten Wahnsinn. Die Gesellschaft macht ihm zum Verbrecher und Mörder.
Michael Schottenberg, Direktor des Volkstheater, nimmt sich dieser Geschichte an. Nach dem Konzept des US-amerikanischen Regisseurs Robert Wilson und den Liedern von Tom Waits und Kathleen Brennan inszeniert er ein Musiktheaterstück, welches es in Wien in dieser Art noch nie gegeben hat.

mokant.at: Das Spieljahr 2013/14 steht unter dem Motto „Macht – Die Droge der Macht – Machtmissbrauch“. Wieso haben Sie Woyzeck in Ihren Spielplan aufgenommen?
Schottenberg: Naja – Woyzeck wollte ich immer schon machen. Büchner war ein revolutionärer, steckbrieflich Gesuchter, vogelfreier Mann. Er musste fliehen und hat dann innerhalb kürzester Zeit drei der epochalsten Werke überhaupt geschrieben: Danton, Leonce und Lena und eben Woyzeck. Er hat politisch sehr viel bewirkt und so ein hochpolitischer Kopf gehört auch in unser Haus. Das Stück handelt ganz sicher von Machtmissbrauch. Woyzeck wird von der Gesellschaft zu Tode gehetzt, das sagt uns Büchner auch ganz deutlich. Nicht der Mensch ist schuld, sondern die Gesellschaft, die ihn zu dieser Tat geradezu hinprügelt. Woyzeck ist ein Rechtloser, wird finanziell kurzgehalten, für Experimente missbraucht und zum Schluss als Mörder verurteilt.

mokant.at: Wie genau müssen/werden Sie sich an das Konzept von Robert Wilsons halten?
Schottenberg: Ja, ich muss mich aufgrund der Verlagsauflagen sehr genau daran halten. Das Stück wird von einem amerikanischen und von einem deutschen Subverlag vertreten. Es ist auch schwierig zu bekommen gewesen. Das Stück ist sehr teuer. Kaum ist ein amerikanischer Verlag im Spiel, ist es nicht mehr so lustig wenn es um die Rechte geht (lacht).

mokant.at: Im Stück werden Lieder aus dem Album „Blood Money“ von Tom Waits gespielt. Ein Gemisch aus Jahrmarktsmusik bis hin zum traurigen Walzer. Inwiefern spiegelt diese Musik Woyzeck wieder?
Schottenberg: Wir haben die Fassung von Tom Waits, Kathleen Brennan und Bob Wilson gewählt, die das Stück noch einmal verschärft. Das Ganze wird von dieser überdimensional guten Musik ergänzt. Da, wo die Sprache versagt, kommt die Emotion der Musik zu tragen. Es ist ein blutiges, fleischliches und bestialisches Stück. Tom Waits ergänzt diesen bildgewaltigen aber auch sehr poetischen Text. Er schließt an der Sprachlosigkeit der Figuren an und formuliert innerhalb seiner Musik weiter. Das Stück ist ein Fragment: Es ist nicht ausformuliert, besteht quasi nur aus bruchlosen Fetzen, die wie schroffe Felswände sind. Da gibt es keine Gerade und keine Matten und Wiesen die das ganze kalmieren. Das Stück ist sehr rau und es wurde auch sehr viel gekürzt, denn die Musik braucht ja Platz. Es wird mindestens die Hälfte des Abends musikalisch sein.

mokant.at: Diese Art von Musiktheater ist ja etwas ganz Neues für das Volkstheater. Sind sie stolz, dass sie das Stück umsetzten dürfen?
Schottenberg: Ja sicher. Die Musik ist gültig. Ich liebe Tom Waits ja immer schon und ich habe mich sehr gefreut! Ich hätte es allerdings nicht gemacht, wenn ich den Kollegen Haymon Maria Buttinger nicht als Hauptrolle hätte besetzen können.

mokant.at: Warum genau Haymon Maria Buttinger als Woyzeck?
Schottenberg: Er scheint mir als idealer Darsteller, vor allem weil er es auch singen kann. Er wirkt sehr authentisch, er spielt nicht, er ist. Ich hab das Stück schon ein paar Mal gesehen und es blieb halt immer im Gespielten. Ein Schauspieler spielt halt den Woyzeck, na gut, das hab ich schon oft gesehen, dass ein Schauspieler eine Rolle spielt (lacht). Aber der Haymon durchlebt den Woyzeck mit seiner ganzen Widersprüchlichkeit.

mokant.at: Sie schreiben Improvisation sehr hoch. Wie viel dürfen oder müssen ihre Schauspieler und Schauspielerinnen in Woyzeck improvisieren?
Schottenberg: Der Weg, den wir gegangen sind, ist natürlich wieder über Improvisation gelaufen. Ich habe Bilder im Kopf. Die Schauspieler müssen in ihrer spielerischen Form auf meine Bilder antworten und da haben wir uns einfach auf diesem szenischen Weg geeinigt. Die Schauspieler befinden sich in einem Rahmen, aber innerhalb des Konzepts sind die Schauspieler, meine jedenfalls, sehr frei.

mokant.at: Die Kritiken waren bis jetzt fast nur positiv. Wird das Stück jetzt auch in Wien so gut ankommen?
Schottenberg: (lacht) Ich lese schon seit Jahren keine Kritiken mehr. Die sind mir vollkommen Wurscht.

mokant.at: Das Dramenfragment wurde vermutlich zwischen 1836/37 verfasst. Ist das Stück heute noch relevant?
Schottenberg: Also sehr! Man braucht nur hinzuhören. Das Stück ist fast zweihundert Jahre alt, aber es hat sich nichts verändert. Der Sprachverlust findet sich auch bei der heutigen Jugend. Die Brutalität hat sich verfeinert, aber es gibt nach wie vor Brutalität gegen Außenseiter. Also ich spreche durchaus von den Menschen die zu uns kommen und hier bleiben wollen, weil sie zum Teil auch müssen. Wer kommt denn auch freiwillig auf die Idee um die ganze Welt zu fahren und sich ein Land auszusuchen, das sie dann gar nicht haben will und sie dann als minderwertig abstempelt. Wir sind ein Theater, das sehr viele Stücke über Außenseiter spielt. Woyzeck ist ja eines der klassischen Stücke, die genau das aufs Korn nehmen. Ich glaube schon, dass das Stück sehr sehr sehr aktuell ist!

mokant.at: Was können die Zuschauer von Woyzeck lernen?
Schottenberg: Naja, wehret den Anfängen. Man kann sicher daraus lernen, dass eine totalitäre Gesinnungsgemeinschaft des Geistes einfach brandgefährlich ist und die Menschen zur Strecke bringt. Man muss aufpassen lernen, was manche Menschen sagen, in der Politik zum Beispiel.

mokant.at: Am Freitag, den 22.11.13 ist die Premiere von Woyzeck im Volkstheater. Mit was für einem Gefühl darf man hingehen?
Schottenberg: Mit einem neugierigen Gefühl und mal einfach die Eindrücke auf sich wirken lassen. Der Musik zuhören, dem Text zuhören. Wenn ein Zuschauer neugierig ist und sich auf etwas einlässt, ist das immer gut. Das wünschen wir uns auch im Theater.

Titelbild: Ario Omidvar

 

Jennifer Tillmann ist als Redakteurin für mokant.at tätig. Sie studiert Germanistik und Publizistik an der Universität Wien. Kontakt: jennifer.tillmann[at]mokant.at

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