Raphael Kolic: „Aus unseren Denkmustern ausbrechen“

Foto: (c) Martin Fellner

Arbeiten im Senegal und Freunde in ganz Europa: Volontär Raphael Kolic im Interview

Junge Leute aus ganz Europa kennenlernen: So beschreibt Raphael Kolic die Kernidee einer Jugendbegegnung. Im Rahmen eines Europäischen Freiwilligendienstes verbrachte der 22-Jährige auch schon ein halbes Jahr im Senegal. Im Interview mit Punsch spricht Raphael näher über die Projekte, an denen er mitgewirkt hat – und über seine Idee für ein offenes Europa.

mokant.at: Du hast bei einer Jugendbegegnung mitgewirkt und hast einen Europäischen Freiwilligendienst gemacht. Was ist eine Jugendbegegnung?
Raphael Kolic: Eine Jugendbegegnung in dem Rahmen vom Projekt ist eine Begegnung von Jugendlichen aus verschiedenen Ländern. Ich hab zwei Jugendbegegnungen gemacht, bei einer waren vier Länder beteiligt: Österreich, Lettland, Rumänien und Spanien. Aus jedem Land sind dann sechs Jugendliche gekommen. Das Ziel von Jugendbegegnung ist, dass man internationale Verbindungen aufbaut, Barrieren und Vorurteile abbaut und sich mehr als Europäer sieht als jetzt Österreicher oder Spanier.

Das soll ein breiteres Bewusstsein für Europa schaffen. Das ist auch das Ziel der Europäischen Kommission. Das heißt, wir machen kulturelle Tätigkeiten. Dann gibt es auch meistens noch ein zweites Thema, an dem gearbeitet wird, das war bei uns Energie und Nachhaltigkeit sowie Theater der Unterdrückten.

mokant.at: Welche Erkenntnis hast du daraus gezogen?
Raphael Kolic: Es war vor allem der kulturelle Austausch, den man zu den anderen Ländern aufbaut. Man lernt neue Kulturen kennen die Leute sind aktiv und engagiert. Es ist einfach schön eine Menge Leute zu treffen, die an einem Austausch interessiert sind. Wir hatten zum Beispiel beim Thema Nachhaltigkeit einen Referenten von der BOKU, mit dem wir in einer offenen Runde Nachhaltigkeit diskutiert haben. Oder beim anderen Mal, hatten wir einen professionellen Theaterpädagogen, mit dem wir ein Theater veranstaltet haben.

Dort haben wir dann gesellschaftliche Themen angesprochen. Eine allgemeine Erkenntnis war, dass die Länder unterschiedlich sind. Und dass man nicht immer von seinem Standpunkt ausgehen darf. Wir sehen immer alles nur von unserem Standpunkt und das führt oft zu Konflikten.

mokant.at: Warum kennen die meisten Menschen weder den Europäischen Freiwilligendienst noch die Jugendbegegnung?
Raphael Kolic: Gute Frage. Bei uns daheim, im Bezirk Schärding, ist es gar nicht so unbekannt. Da gibt es viele, die den Europäischen Freiwilligendienst machen. Zumindest in höheren Schulen ist er schon eher bekannt. In meinen Freundeskreisen ist der Freiwilligendienst den Leuten jedenfalls ein Begriff. Und den Leuten, die ich sonst begegne, ist er zumindest entfernt ein Begriff.

mokant.at: Was tut Ihr, um das Interesse an diesem Programm zu steigern?
Raphael Kolic: In der Jugendbegegnung erzählt man den Leuten einfach von dem Programm. Also: Da gibt’s eine coole Begegnung, wo man andere Leute aus anderen Ländern treffen kann. Und dann interessieren sich auch viele dafür. Aber auch bei kleinen Events erwähnen wir das natürlich. Ich habe zum Beispiel einen Vortrag über meinen Freiwilligendienst gehalten und da habe ich auch gesagt, das sei vom Programm Jugend in Aktion. Es ist zwar jetzt nicht unsere Domäne das Programm bekannt zu machen. Aber durch unsere Arbeit wird es natürlich bekannt.

mokant.at: In einer aktuellen Umfrage zur EU geben nur 31 Prozent der Österreicher an, sie fänden die EU positiv. Warum glaubst du, ist die EU so unbeliebt?
Raphael Kolic: Echt? Da kann ich nur Spekulationen anführen. Und ich kann auch nur sagen, dass das in meinen Freundeskreis nicht der Fall ist, wobei das natürlich verschieden ist. Naja vielleicht glauben die Leute, dass wir durch die EU etwas verlieren, weil wir zu viel hergeben müssen. Aber wie gesagt, das sind nur Spekulationen.

mokant.at: Du hast auch noch den Europäischen Freiwilligendienst gemacht. Wobei handelt es sich da?
Raphael Kolic: Das Dachprogramm ist Jugend in Aktion und dann gibt es Programmreihen, das sind die Jugendbegegnungen, Jugendinitiativen und eben der Europäische Freiwilligendienst. Da gibt es den Kurzzeitfreiwilligendienst von, glaub ich, bis zu einem Monat. Und den normalen Freiwilligendienst von sechs Monaten bis zu einem Jahr. Den kann man vor allem in ganz Europa absolvieren. Aber auch in der Kaukasusregion und darüber hinaus auch noch auf anderen Kontinenten, aber das ist dann eigentlich sehr selten. Die meisten sind in Europa.

mokant.at: Wie lange hat dein Freiwilligendienst gedauert und wo hast du ihn gemacht?
Raphael Kolic:
Bei mir hat er sechs Monate gedauert und ich war im Senegal. Also ich war einer der seltenen Fälle.

mokant.at: Was hast du gemacht?
Raphael Kolic: Die Partnerorganisation war dort eine einfache senegalesische Organisation, die eine Schule hatte. Wir waren sechs Freiwillige aus Europa, die dort gearbeitet haben, Kurse angeboten haben und einfach in der Organisation eine Basis gehabt haben für Aktivitäten wie zum Beispiel Freiluftkino oder Ähnliches. Es war im Vertrag nur festgelegt, dass wir dreißig Stunden in der Woche arbeiten müssen. Es war uns aber offen, was wir tun. Jeder konnte seine Fähigkeiten so einsetzen, wie es ihm Spaß gemacht hat.

mokant.at: Wie war der Eindruck vom Senegal?
Raphael Kolic: Sehr schön! Sehr schöne Kultur. Offene Leute, die sehr gastfreundlich waren. Also die Zeit vergeht dort ganz anders als in Europa. Weniger hektisch und viel ruhiger. Teilweise ist das dort ganz anders. Die Mentalität muss man einfach mal erlebt haben. Die kann man gar nicht so gut beschreiben.

mokant.at: Hast du Verständnis für die Meinung, dass Geld für solche Programme Verschwendung ist und beispielsweise besser in der direkten Schaffung von Arbeitsplätzen aufgehoben ist?
Raphael Kolic: Verständnis in dem Sinn schon, dass die Person denkt, dass die Strategie nicht die richtige ist, Geld in diesem Bereich zu investieren. Aber ich würde die Strategie verteidigen. Dass wir Möglichkeiten zur nonformalen Bildung haben. Also, dass wir nicht nur wie in der Schule Frontaltunterricht bekommen. Sondern, dass wir hinausgehen in die Welt , uns andere Länder und Sitten ansehen und unseren Horizont erweitern. Denn sonst können wir nicht aus unseren Denkmustern ausbrechen.

Es ist wichtig, dass wir uns weiterentwickeln und auch und auch ohne direkten Nutzen wird sich die Erfahrung später sicher positiv auf die Gesellschaft auswirken. Die Menschen sind viel selbstbewusster, sie zeigen viel mehr Eigeninitiative nach so einem Dienst. Und meine subjektive Erfahrung ist, dass sie später auch bessere Arbeit abliefern.

mokant.at: Angenommen, ein junger Mensch liest dieses Interview und denkt sich „Das hört sich sehr interessant an“. Was würdest du diesem Menschen sagen?
Raphael Kolic: Es gibt für dieses Programm in jedem Bundesland eine Regionalstelle. Die findet man im Internet. Man sucht zum Beispiel einfach nach „Regionalstelle Jugend in Aktion Oberösterreich“, oder sonst irgendein Bundesland. Und dort wendet man sich an die zuständige Person und sagt man würde gerne bei einer Jugendbegegnung teilnehmen oder einen Freiwilligendienst machen. Die Person gibt einem dann alle Informationen, wie man das dann machen kann. Der andere Weg ist, wenn man eine Organisation kennt, die eine Jugendbegegnung macht. Die spricht man einfach an, dass man mitmachen möchte.

mokant.at: Wo siehst du die EU in zehn Jahren?
Raphael Kolic: Dann ist hoffentlich einmal die Griechenland-Krise vorbei, der Zusammenhalt innerhalb der EU größer und die Grenzen zwischen den Ländern haben weniger Einfluss. Wenn man sich Frontex ansieht (die Agentur zur Sicherung der EU-Außengrenze, Anmerkung), dann sieht man, dass man hinsichtlich der Menschenrechte noch einiges machen muss.

Da müsste ich mir eigentlich ganz lang darüber Gedanken machen. Aber ganz spontan: dass die EU offen ist, dass sie viel in Bildung investiert. Dass die Menschen auch offener werden, denn wenn die Menschen es nicht sind, kann die EU es auch nicht sein. Mehr Engagement nach außen aber auch mehr Engagement in Regionalität und Nachhaltigkeit, wie Atomabbau. Dass unser Planet ein bisschen schöner wird.

Titelbild: (c) Martin Fellner

martin.fellner@mokant.at'
Martin Fellner ist als außerordentlicher Redakteur für mokant.at tätig. Kontakt: martin.fellner[at]mokant.at

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