Kim Petras: Aus Tim wird Kim

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VIVA 180° Star Kim Petras über ihre Geschlechtsumwandlung und ihr Leben als Deutschlands jüngste Transgender

Kim Petras erblickte vor 21 Jahren als Tim Petras das Licht der Welt. Von Anfang an fühlte sie sich im Jungenkörper falsch, sah aus und benahm sich wie ein Mädchen. In der Schule wurde sie dafür gemobbt, von ihren Eltern im Kampf um das richtige Geschlecht von Anfang an unterstützt. In diesem Interviews erzählt sie von ihrer schweren Kindheit, der Geschlechtsumwandlung und ihrer Gesangskarriere.

mokant.at: Wann hast du das erste Mal gemerkt, dass du im Körper eines Jungen „falsch“ bist?
Kim Petras: Also eigentlich hab ich das nie wirklich gemerkt, es war einfach immer so … Ich wollte als Kind genauso sein wie meine Schwestern und hab mich auch so verhalten, wollte die Kleider meiner Schwestern anziehen, hatte nur weibliche Freunde  und hab mich halt wie ein stinknormales Mädchen verhalten. Es gab kein Schlüsselerlebnis oder so, ich habe mich immer schon als Mädchen gefühlt. Ich habe mir, als ich klein war, keine Gedanken über falsche Geschlechtsteile oder Ähnliches gemacht, sondern war einfach so wie ich war.

mokant.at: Wie sind deine Schwestern mit der Situation umgegangen?
Kim Petras: Für meine Schwestern war es ganz normal, sie kannten mich ja auch nur so wie ich war.

mokant.at: Wie war deine Kindheit so? Hast du dich je für Jungenspielzeug interessiert oder lieber mit deinen Schwestern Barbie gespielt?
Kim Petras: Meinen Schwestern und mir war bewusst,  dass  ich Tim hieß und dass ich mich eigentlich wie ein Junge verhalten hätte sollen, aber das war irgendwie egal. Ich hab Spielzeugautos und anderes typisches Jungenspielzeug gehasst, ich hab nur mit Barbies und allem, was pink war, gespielt.

mokant.at: Wie war es später als du in die Schule gekommen bist?
Kim Petras: Als ich dann in die Schule gekommen bin, hat sich die ganze Situation verändert. Zu Hause wurde ich immer akzeptiert, wie ich war, nun konnte ich nicht in pinken Kleidern zur Schule gehen, wie ich es gerne wollte, sondern ich und meine Familie haben abgemacht, dass ich mich in der Schule wie ein Junge anziehen sollte und nur zu Hause anziehen konnte, was ich wollte. Es war für mich das Furchtbarste, hässliche Jungenklamotten anzuziehen und so auszusehen, als würde ich ein Junge sein, die ich in dem Alter sowieso alle eklig und blöd fand.

mokant.at: Wie hat es sich für dich angefühlt, sich für die Außenwelt derart verstellen zu müssen?
Kim Petras: Ich fühlte mich wie ein Alien, wenn ich in die Schule musste oder mit der Außenwelt zu tun hatte. Es gab Situationen, wo ich mir mein Geschlecht einfach abschneiden wollte oder mir etwas antun wollte, weil ich mich einfach so unwohl gefühlt habe. Meine Mutter hat mir dann zum ersten Mal erzählt, dass ich später etwas daran ändern könnte, wenn ich mich immer noch so fühlen würde. Heute denke ich, ich war als Kind suizidgefährdet.

mokant.at: Und da haben bei deinen Eltern die Alarmglocken geläutet?
Kim Petras: Na klar. Für meine Eltern war das auch eine absolut gruselige Situation. Natürlich wollten sie nicht, dass ich so bin, denn das bedeutet ein schwereres Leben. Aber meine Eltern wollten auch, dass ich glücklich bin. Ich denke, sie haben schon gehofft, dass sich das alles später noch ändern würde, aber sie wussten gleichzeitig auch irgendwie, dass es (eine Geschlechtsangleichung; Anmerkung) der einzige Weg wäre, dass ich glücklich werde.

mokant.at: Wie hast du die Unterstützung deiner Eltern erlebt?
Kim Petras: Ich bin immer stolz auf meine Familie gewesen. Meine Mutter hatte damals ein Tanzstudio und war sowieso immer etwas unkonventionell. Mein Vater hat das auch immer voll unterstützt, da hatte ich wirklich Glück.

mokant.at: Gibt es Ereignisse aus deiner Kindheit, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?
Kim Petras: Es gibt viele. Glückliche Momente, wie ich zum Beispiel mit einem pinken Schirm singend durch den Garten gerannt bin für Stunden … Oder auch unangenehme Momente, zum Beispiel als ich das erste Mal in die Jungsumkleide beim Sport musste, was für mich das Schlimmste war…

mokant.at: Haben die anderen Burschen etwas gesagt?
Kim Petras: In der Grundschule nicht wirklich, aber einfach das Gefühl war schlimm. Ich sollte mich fühlen und benehmen, wie all die Jungs, die in der Umkleide waren, aber ich war einfach nicht wie sie. Deswegen bin ich meistens vor dem Sportunterricht weggegangen und hab geschwänzt. Trotzdem war es meinen Mitschülern relativ egal, dass ich etwas seltsam war, wie auch den Lehrern, da ich insgesamt ein guter Schüler war. In der Grundschule hatte ich noch Glück … Im Gymnasium hat sich das alles geändert. An meinem ersten Tag im Gymnasium war noch alles okay, doch bereits am zweiten hatte es sich rumgesprochen, dass ich Tim hieß und aussah wie ein Mädchen. Von da an hatte ich zwei Freundinnen und es hat sich immer angefühlt, als wäre der Rest der Schule gegen mich. Ich wurde später auf dem Schulhof geschlagen oder mir wurden Brote gegen den Kopf geworfen. In der Sportumkleide haben die Jungs auf meine Schulsachen gepinkelt und meine Noten waren richtig schlecht. Bei Klausuren wollte ich nicht auf die Jungentoilette gehen und konnte mich dann nicht konzentrieren. Als ich auf dem Pausenhof geschlagen wurde, war der Kommentar meines Klassenlehrers, dass ich es provozieren würde, weil ich Mädchenklamotten anhätte.

mokant.at: Also haben nicht einmal die Lehrer zu dir gehalten?
Kim Petras: Nein, sie haben nichts unternommen.

mokant.at: Hast du deinen Eltern erzählt, dass du gemobbt wurdest?
Kim Petras: Eigentlich nicht, vor meinen Eltern hab ich mich total dafür geschämt. Ich wollte meinen Eltern nicht so viel Ärger machen. Meine Schwester hat ein wenig davon mitbekommen, weil sie auf derselben Schule war. Aber sie konnte auch nichts dagegen machen.

mokant.at: Hast du dich in dieser Zeit sehr alleine gefühlt?
Kim Petras: Auf jeden Fall. Ich habe mich einfach wie ein Alien gefühlt und wollte nicht zur Schule gehen. Außerdem hab ich mich auch dumm gefühlt, weil meine Noten so schlecht waren und ich mich aber einfach nicht darauf konzentrieren konnte. Eigentlich wollte ich immer eine gute Schülerin sein.

mokant.at: Konntest du dich irgendjemandem wirklich anvertrauen, zum Beispiel deinen zwei Freundinnen?
Kim Petras: Gottseidank waren wir in der Schule immer zusammen unterwegs, also wussten sie ohnehin was los war – aber wir haben nicht viel darüber geredet.

mokant.at: Wolltest du mit niemandem darüber reden?
Kim Petras: Es hat zu sehr wehgetan, darüber zu reden, also hab ich es gelassen. Als ich meinen Eltern später erzählte, dass ich geschlagen werde, haben sie mir geholfen, die Schule zu wechseln.

mokant.at: Du hast bereits mit zwölf Jahren weibliche Hormone bekommen, dich mit sechzehn einer geschlechtsangleichenden Operation unterzogen. Wie wurde deine Veränderung von deinem Umfeld aufgenommen, speziell in der Schule?
Kim Petras: Bei meiner Familie war ich ja schon immer einfach nur ich. In meinem Umfeld war das auch kein Problem, alle kannten mich und ich sah auch schon immer aus wie ein Mädchen. Ich habe schließlich nur mein Geschlecht operativ anpassen lassen, sonst ist bei der OP nichts weiter  passiert. Also gab es für die Außenwelt keine wirklich sichtbare Veränderung. In der neuen Schule hatte ich sowieso keine Probleme mehr mit den Leuten, also war einfach alles ziemlich normal und okay.

mokant.at: Wie kann man sich so eine Transformation eigentlich medizinisch vorstellen? Was wird dabei gemacht?
Kim Petras: Das Geschlecht wird angepasst.

mokant.at: Genaueres möchtest du nicht sagen?
Kim Petras: Es kann sich jeder im Internet informieren. Ich find es blöd über Details zu reden. Meine Mutter sagt immer, dass es so ist, als würde ein Kind mit abstehenden Ohren geboren. Es wird später einfach operiert und niemand hat irgendwas dagegen. Nur weil es bei mir das Geschlecht ist, was angepasst wurde, interessiert sich jeder dafür, wie genau das gemacht wird. Ich persönlich finde es wichtiger, dass ich mich dadurch wohlfühle und dass die Operation das bei mir bewirkt hat.

mokant.at: Du warst mit deinen sechzehn Jahren dem deutschen Gesetz nach zu jung für eine geschlechtsangleichende OP, diese ist eigentlich erst ab achzehn möglich. Wie hast du es dennoch geschafft, deinen Wunsch früher umzusetzen?
Kim Petras: Meine Eltern und ich haben angefangen zu Ärzten und Psychologen in ganz Deutschland zu fahren, als ich zehn war. Es hat zwei Jahre gedauert, bis ich die Hormonblocker bekommen habe, was bedeutet, dass ich keine männlichen Hormone mehr produzieren konnte. Ein halbes Jahr später habe ich dann die weiblichen Hormone bekommen, die die weibliche Pubertät einleiten.

mokant.at: Man hat also hormonell eingegriffen, bevor die männliche Pubertät einsetzen konnte?
Kim Petras: Ich bin stattdessen durch eine ganz normale weibliche Pubertät gegangen und später wurde das, was nicht zu mir passte, halt mit sechzehn zurechtgerückt.

mokant.at: Du hast neben der Einwilligung deiner Eltern, die du ja hattest, auch die Einwilligung von Ärzten und Gutachtern für die verfrühte OP gebraucht, oder?
Kim Petras: Die Gutachten von drei Psychologen, die besagt haben, dass es für meine weitere Entwicklung schädlich wäre, wenn ich diese Operation nicht so schnell wie möglich bekommen würde, waren ausschlaggebend für die frühe OP.

mokant.at: Haben deine Eltern eigentlich gezögert oder gleich ihre Einwilligung zur Geschlechtsangleichung gegeben?
Kim Petras: Sie haben nie gezögert. Meine Eltern wussten, dass das der einzige Weg für mich war, um glücklich zu werden.

mokant.at: Hatten deine Eltern nie Bedenken, dass das alles vielleicht nur eine Phase sein könnte und du die OP womöglich später bereust?
Kim Petras: Nein. Äußerlich war ich, seit ich klein war, schon ein Mädchen. Die Operation hat nur noch mein Geschlecht geändert. Ich wollte das seit ich klein war. Ich war immer ein Mädchen und hatte immer dieses Ziel – um endlich ich sein zu können. Meine Eltern kennen mich nun mal schon immer und wissen, dass ich mich immer wie ein Mädchen benommen habe.

mokant.at: Hattest du nie Angst, dass bei der OP vielleicht etwas schief gehen könnte?
Kim Petras: Nein, ich habe mich gefreut. Klar hatte ich kurz davor Angst, aber ich habe mein Leben lang darauf gewartet, also wollte ich das unbedingt.

mokant.at: Übernimmt die Krankenversicherung eigentlich die Kosten für eine Geschlechtsangleichung?
Kim Petras: Bei mir schon, weil ich die Gutachten hatte, dass es bei mir nun mal passieren muss. Es war mir sehr wichtig, das hier legal in Deutschland zu machen und nicht irgendwo, wo man es unabhängig vom Alter machen kann. Ich habe dadurch in Deutschland etwas verändert und das finde ich toll!

mokant.at: Musst du nun dein Leben lang Medikamente beziehungsweise Hormone nehmen, damit du eine Frau bleibst?
Kim Petras: Ich muss die Medikamente nicht nehmen, um Frau zu bleiben, es  könnte sich nie wieder etwas daran ändern, weil ich die normale weibliche Pubertät durchlaufen habe. Ich nehme die Hormone immer noch, weil die mit Stimmungen und Emotionen verbunden sind. Da ich ja jetzt keinerlei Hormone mehr produziere, muss ich sie nehmen, weil jede normale Frau sie nun mal ihr Leben lang produziert.

mokant.at: Haben diese Hormone Nebenwirkungen?
Kim Petras: Eigentlich nicht.

mokant.at: Was würde passieren, wenn du sie nicht nehmen würdest?
Kim Petras: Nichts, ich würde mich leer fühlen und lustlos, aber das wars auch.

mokant.at: Du wirst trotz Hormone nie leibliche Kinder bekommen können, wünscht du dir dennoch irgendwann Nachwuchs?
Kim Petras: Eigentlich mache ich mir darüber noch gar keine Gedanken. Wenn  ich mich irgendwann so fühle, als wollte ich Kinder, werde ich halt ein Kind adoptieren, aber bis dahin denk ich darüber noch gar nicht nach.

mokant.at: Hast du aktuell einen Partner?
Kim Petras: Nein.

mokant.at: Wie sollte dein Traummann aussehen?
Kim Petras: Das wäre mir eigentlich egal, Hauptsache ist, dass er mich zum Lachen bringt und mich liebt.

mokant.at: Du bist eine sehr schöne junge Frau, die sicher die Blicke der Männer anzieht, gefällt dir das?
Kim Petras: Klar, aber es ist mir nicht so wichtig. Ich weiß, wie es ist, Außenseiter zu sein. Heute  werde ich nicht mehr so behandelt und angesehen. Im Grunde werde ich immer damit glücklich sein, wer ich bin und nicht wie ich aussehe. Das ist etwas, was ich früh gelernt habe.

mokant.at: Was war deine Motivation bei VIVA 180° mitzumachen?
Kim Petras: Ich finde das Format einfach interessant. Keine Stimme aus dem Off, die über mich redet. Ich bin die Einzige, die meine Geschichte erzählt und das ist sehr selten. Ich war seitdem ich zwölf war regelmäßig in Reportagen und Fernsehsendungen und es ist schön, die Geschichte aus meiner und nur meiner Sicht zu erzählen!

mokant.at: Was hat sich in deinem Leben um 180° verändert seitdem du eine Frau bist?
Kim Petras: Ich. Alles, was sich verändert hat, ist, dass ich mit mir glücklich bin und dass ich mich endlich wie ich selbst fühle.

mokant.at: Du bist mittlerweile eine bekannte Sängerin, schreibst deine Texte selbst, filmst und schneidest deine Youtube-Videos, designst deine eigene Modelinie und arbeitest sogar als Model. Inwiefern, denkst du, hat die Tatsache, dass du im Körper eines Jungen geboren wurdest, deine Popularität gefördert?
Kim Petras:  Klar kennen mich die Leute dadurch, aber ich habe mir immer alles selbst erarbeitet. Von Plattenlabels und Produzenten wurde mir mit vierzehn gesagt, dass ich keine Chance habe, dass meine Musik ernst genommen wird – gerade wegen meiner Geschichte. Trotzdem schreibe ich mittlerweile Songs für Werbespots und Künstler und arbeite mich hoch. Alles, was man erreichen möchte, ist mit harter Arbeit verbunden. Ich wollte nie etwas geschenkt kriegen und das kriege ich auch nicht, nur weil ich etwas gemacht habe, was für mich und nur mich allein nötig war. Trotzdem bin ich dankbar für all die Leute, die mich und meine Musik durch meine Geschichte kennengerlernt haben. Wegen dieser Leute werde ich meine Geschichte weiter erzählen und weiterhin stolz darauf sein.

Das Interview mit Kim ist Teil einer Kooperation von mokant.at mit VIVA 180 Grad. Die Folge mit Kim wird am Freitag, den 9. November, um 20:15 auf VIVA ausgestrahlt.

Titelbild: mokant.at> foto: VIVA

Manuela Griessbach ist als Leiterin des Ressorts Gesellschaft für mokant.at tätig. Kontakt: manuela.griessbach[at]mokant.at

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