Monkey Island: Schule für’s (Piraten-)Leben

Das Adventure-Spiel Monkey Island ließ die Win95 betriebenen Computer heiß laufen — damals, als noch alles gut und pixelig war.

Damals, als wir den PC noch mit der ganzen Familie teilen mussten und Spielcharaktere noch aus zählbaren Pixeln bestanden, damals war Monkey Island toll. Als Piratenpraktikant Guybrush Threepwood machten wir frühen Nerds uns auf die Suche nach Schätzen, erstanden baufällige Boote und mixten Grog im Gegenzug für Insiderwissen. (Ein kurze Wiederholung in Videoformat gibt’s am Ende.)

(c) deviantart/Born-Toulouse

(c) deviantart/Born-Toulouse

Schule für’s Leben
Böse Zungen behaupten (oder vielleicht waren’s auch nur die zuhause), dass Monkey Island damals die deutschsprachige Leicht-Alternative zu den Indiana-Jones-Adventurespielen war. Aber was soll man denn nun machen, wenn man noch nicht den Unterschied zwischen „push“/„pull“ versteht und das Kommando „pick up“ allerhöchstens klingt wie ein (damals noch nicht erfundener) Schokoriegel? Während also die große Schwester wissenschaftlich nach dem versunkenen Atlantis (in Englisch!) gesucht hat, hab ich mit jedem Einwohner von Melée Island gequatscht (in Deutsch) und Dinge veranstaltet wie „Benutze + Gummihuhn + mit + Stromkabel“. Guybrush war im Gegensatz zu Indy eben ausschließlich praktisch veranlagt. Was uns die (Piraten-)Spieleschule trotzdem für’s Leben beibrachte? So manches:

Lektion 1: Der sehbehinderte Späher
„Du kannst alles werden, was du willst.“ Das ist die Art von Message, die der Jugend mitgegeben werden soll, oder nicht? Vermittelt wird das ganze etwa durch den nicht nur blinden, sondern auch schwerhörigen Späher, der trotz mehrerer Handicaps seinem Wunschberuf nachgeht. Und auch sonst hat er sehr hilfreiche Einstiegsinfos auf Lager, die er gerne teilt.
Sublektion: Reden bringt Menschen zusammen.

Lektion 2: Geh mich ausm Wech oder…
Anders als in vielen Computergames, lernen wir mit Guybrush, dass die wahre Kraft in Worten steckt. Beim spieltypischen Schwertkampf wird diskutiert, debattiert und auch mal geschimpft – aber gekämpft wird quasi gewaltfrei. Mit Training und ein bisschen Feingefühl sammelt der Protagonist Material für die (Wort-)Gefechte und hat so bald für jede Situation das passende Argument parat um schließlich die Schwertmeisterin zu besiegen.
Sublektionen: Übung macht den Meister (und erweitert das Vokabular), keine Macht den Berufsgenderklischees (die Schwertmeisterin)

Lektion 3: Gummihuhn + Stromleitung
Wie MacGuyver immer wusste, sind Hirn und Einfallsreichtum die besten Waffen eines Abenteurers. Ob mit Grog Gefängniszellenstäbe durchätzen, mit Blumen mal schnell den Wachhunden beim Schlafen helfen, oder mit dem Gummihuhn bewaffnet über die Stromleitung sausen – wer kombiniert, gewinnt.
Sublektion: Alkohol ist nicht das Beste für den Körper.

Lektion 4: Gebrauchttransportmittelverkäufer
Geschäfte machen will gelernt sein und wer’s durch die zwei bis drei notwendigen Verhandlungen mit dem Gebrauchtboothändler Stan schafft (und davor die Bürgschaft aus dem Safe des Dorfladens klaut), den wirft die Übergestikulation und Verkaufssprache eines zu motivierten Gesellen im realen Leben nie wieder aus der Bahn.
Sublektion: Es braucht nicht alle Extras am Boot.

Lektion 5: Nerdfaktor
Er ist schüchtern und ein wenig sonderbar, die anderen Piraten machen sich über ihn lustig, der Sheriff schubst ihn herum, und in Gegenwart von Frauen bringt Guybrush kein Wort heraus. Der junge Antiheld ist jedoch ehrlich, oft witzig und hilfsbereit und gewinnt nach und nach das Wohlwollen anderer. So kann er dann auch eine Crew zusammenstellen und bekommt am Ende sogar noch die Frau.
Sublektion: Der Outsider wird zum Held (und Jahrzehnte später auch endlich gewürdigt).

Zum Abschluss: Wiederholung
Ein heldenhaftes YT-Benutzerteam hat es tatsächlich geschafft, sämtlichen strikten LucasArts-Urheberrechtsrichtlinien zum Trotz, ein für Monkey Island kundige doch deutlich erkennbares und unterhaltsames play-through-Video zu fabrizieren. Wir sagen danke und teilen es natürlich gerne:

Sabrina Freundlich ist stellvertretende Chefredakteurin von mokant.at. Sie beschreibt sich als writeophile and fortune cookie lover. Kontakt: sabrina.freundlich[at]mokant.at

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.