MEGACOOL 4.0: Ecopunk bis Prollkarotte

(c) Künstlerhaus; Cao Fei, Cosplayers, Video, 2004.

Das Wiener Künstlerhaus entführt in die Realität. In die Realität der zeitgenössischen Jugendkultur.

Ecopunks liebäugeln mit Madonna-Klonen, Festivalgänger bandeln mit Girlshoppers an, Iggy Pop platziert sich neben Prollkarottenhintern. Möglich und einleuchtend macht diese Verbindungen das Wiener Künstlerhaus in der neuen Ausstellung „Megacool 4.0“. Und wenn Iggy und Snoop Dogg (neuerdings ja unter dem Namen Snoop Lion unterwegs – ein Chamäleon!) in all ihrer Silbergelatinepracht an der Wand hängen (2001 beziehungsweise 2003, Olaf Heine), man aber noch das nervige Gelalle von den zwei rosa Mädels aus der Videoinstallation „OMG BFF LOL“ (2008, Charlie White) ein paar Stücke dahinter im Ohr hat, ja dann steht man mittendrin in dem wirren Gegenwartsmix. Was man im realen, reizüberfluteten Interweb-Leben dank der verkürzten Aufmerksamkeitsspanne unbewusst ausblendet, nimmt man im Museumskontext deutlicher wahr. Warum? Weil man es zulässt. Und weil man dafür bezahlt.

OMG U R MY BFF 2*
Der Lebenszyklus einer Szene oder Subkultur entwickelt sich unterschiedlich, jedoch teilen sich die Anhänger immer gemeinsame Basiswerte. Die Bandbreite ist groß: politische, sportive, religiöse, musikalische, ethnische, ökonomische, modische Werte und mehr schaffen Verbindung und Zusammenhalt. Sabine von Bassewitz’ Arbeit „Punks“ aus der Serie Unisono (C-Print, 2005), Martin Brands „Pit Bull Germany“ (Video-Installation, 2004) oder James Mollisons Print aus der Serie „The Disciples“, in dem er Madonna-, Oasis- und Sex-Pistols-SchülerInnen abbildet, geben einen interessanten Querschnitt von Look-Alikes. Auch die YouTube-Generation und ihre Beauty-Gurus kommen unter die Lupe. Das Video „LIPSTICKXXX“ (2010) von Anna Lena Heidrich schneidet Lipstick-Reviews von mehreren YouTuberinnen zusammen und verweist so unter anderem auf die Austauschbarkeit des Formats.

Alter Egos
Die Ausstellung schafft es auch, Milieustudien zu integrieren. Robbie Coopers Arbeiten faszinieren auf etwas erschreckende Weise: Im Video „Immersion“ (2008; deutsch: „Eintauchen“) filmt er Kinder, ihre Reaktionen und Emotionen bei Konsolenspielen wie Grand Theft Auto oder Tekken. Im C-Print aus der Serie „Alter Ego“ (2003) zeigt der Künstler Personen und vergleicht sie mit ihren Gaming-Avataren. Offensichtlich manifestieren sich hier persönliche Wahrnehmungen und Wünsche, die aus sicherer Entfernung ausgelebt werden können. Eine nicht ganz so statische Abbildung von Wünschen findet sich in Daniel Puhes (Wunsch-)Brunnen „The Well“ (2012). Das iPad-App erzählt eine Geschichte im Brunnenformat. Eintauchen ist bei der hypnotisierenden Bild- und Formensprache auch hier ein Resultat.

Ziemlich MEGA – und auch COOL
Das Künstlerhaus verwendet dynamische Gegenwartskunst, um zeitgenössischen Jugendkulturen und Lebenswelten einen Spiegel vorzuhalten – und das in vielerlei Formen. Die Frage, wer dabei die/der/das Schönste im ganzen Land ist, wird in den Raum gestellt, bleibt passenderweise aber unbeantwortet. MEGACOOL 4.0 rückt den Alltag und einen Teil seiner jungen gesellschaftlichen Facetten ins Scheinwerferlicht. Gut so, denn das ist eine wichtige Aufgabe der Museumsdidaktik: Alltägliches beleuchten, zum Nachdenken inspirieren, aufklären. Dann prescht auch niemand mehr bigott oder ignorant über die Temposchwellen, sondern wird im Idealfall von selbst langsamer und nimmt sich Zeit, um zu reflektieren – Unterhaltungswert nicht ausgeschlossen. Wer zwischendurch eine Runde geistige Erholung braucht, der macht an der Kiddie-Station Kreativpause. Dort kann man Justin Biebers, Lady Gagas oder Paris Hiltons ausmalen und mit Dingen wie „My Boyfriend“ betiteln (etwa fünfmal gezählt).

Die Ausstellung MEGACOOL 4.0 ist noch bis 7. Oktober im Künstlerhaus am Karlsplatz zu sehen.

*OMG BFF LOL von Charlie White (2008):

Titelbild: (c)  Künstlerhaus; Cao Fei, Cosplayers, Video, 2004.
Sabrina Freundlich ist stellvertretende Chefredakteurin von mokant.at. Sie beschreibt sich als writeophile and fortune cookie lover. Kontakt: sabrina.freundlich[at]mokant.at

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