Fußball: Homophobie am Ball

Die Gesellschaft öffnet sich langsam, doch im Fußball ist Homosexualität nach wie vor ein Tabu

Was das öffentliche Bewusstsein betrifft, sind Homosexualität und Fußball längst keine unvereinbaren Gegensätze mehr. Ganz anders im Fußballsport selbst: Während sich die allgemeine Diskussion längst verabschiedet hat von Fragen wie „Gibt‘s die denn überhaupt?“ oder „Können die denn wirklich Fußball spielen?“, fallen Fan-Gruppen und Fußballspieler selbst immer wieder mit homophoben Statements auf.

Outings sind „schwierig und kompliziert“

Nach wie vor stellt das Outing eines aktiven Profifußball-Spielers eine Seltenheit dar. Klar, es gibt auch Ausnahmen wie der schwedische Fußballer Anton Hysén, der sich 2011 outete. Ein anderes Beispiel ist der britische Profi-Kicker Justin Fashanu, der sich schon 1990 zu seiner Homosexualität bekannte – allerdings nahm sich der 1998 das Leben.

Die Ausnahmen bestätigen jedoch die Regel: Meistens wird im Profi-Fußball die homosexuelle Orientierung vor der Öffentlichkeit verheimlicht. „Was auch völlig verständlich ist“, meint Marco Schreuder, schwuler Grünen Abgeordneter und Fußballfan. Sich zu outen sei eine schwierige, komplizierte Angelegenheit. „Und für einen Fußballspieler gibt es ja auch noch die Konkurrenz zu den Kameraden, Erwartungshaltungen der Fans und – nicht zu vergessen – mögliche private Hemmschwellen, die das Outing noch schwieriger und komplizierter machen.“

Homophobie bei Trainern und Spielern

Die Homophobie in der Fan- sowie der Mannschaftskultur ist es, weswegen auch immer wieder hochrangige Fußball-Persönlichkeiten davon abraten, sich während der aktiven Karriere zu outen. Selbst der ehemalige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) Theo Zwanziger, der sich während seiner Laufbahn engagiert gegen Homophobie im Fußballsport einsetzte, gab 2009 in einem Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger zu bedenken: „Der erste Homosexuelle, der sich im Profifußball outet, wird keinen leichten Weg zu gehen haben.“ Ähnlich sieht es auch DFB-Kapitän Philipp Lahm in seinem autobiografischen Buch „Der feine Unterschied“: „Ich würde keinem schwulen Profi-Fußballer raten, sich zu outen. Ich hätte Angst, dass es ihm gehen könnte wie dem englischen Profi Justin Fashanu, der sich nach seinem Outing so in die Enge getrieben fühlte, dass er schließlich Selbstmord beging.“

Denn sogar in repräsentativen Rängen des Fußballs trifft man nach wie vor auf schwulen-feindliche Tendenzen. So meinte Ex-Teamchef des Österreichischen Fußballbundes (ÖFB) Otto Baric 2003 in einem Interview: „Ich weiß, dass es in meiner Mannschaft keine Homosexuellen gibt. Ich erkenne einen Schwulen innerhalb von zehn Minuten, und ich möchte sie nicht in meinem Team haben.“ Damit steht der ehemalige jugoslawische Fußballspieler nicht allein: Auch Christoph Daum, Ex-Köln-Trainer, sprach sich 2008 in einem TV-Interview gegen Homosexualität im Fußball aus: „Wir sind aufgefordert, gegen jegliche Bestrebungen, die gleichgeschlechtlich ausgeprägt sind, vorzugehen.“ Ex-Köln-Profi Paul Steiner erklärte gar: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Fußball spielen können.“

Fernab der Mikros und Kameras

Homophobie ist aber auch am Spielfeld und in den Zuschauer-Reihen nach wie vor präsent. „Es ist durchaus gängig, dass man sich am Feld Schimpfwörter zuflüstert, fernab von Mikro und Kamera“, erklärt auch Marco Schreuder. „Da passieren natürlich auch homophobe Äußerungen.“ Ähnlich ist es auf der Zuschauer-Tribüne: „Rufe wie ‚Schiri, du schwule Sau‘ gehören da zur Norm.“ Dabei, erklärt Schreuder weiter, beobachte er jedoch eine positive Entwicklung: „Fußball ist ja nicht von der Gesellschaft losgelöst und dort wird Homosexualität ja auch zunehmend toleriert und akzeptiert.“ Das sei mittlerweile auch in der Fankultur, wenn auch noch nicht sehr ausgeprägt, spürbar.

Im österreichischen Fußball hat sich bislang kein Spieler geoutet. Dementsprechend würden die heimischen Medien das Thema Homosexualität im Fußball nur stichpunktartig aufgreifen. „Es gab einfach noch keinen Anlassfall, dass die Medien vermehrt darüber berichten könnten“, meint Marco Schreuder. „Und: In Österreich gibt es auch keine entsprechenden Sport-Journalisten, die sich damit auseinandersetzen würden – mit Ausnahme vom Ballesterer (Fußball-Magazin, Anmerkung der Redaktion), der sich dem Thema schon einmal ausführlich widmete.“

Der ÖFB müsste aktiver werden

Viel bedeutsamer als ein Outing im Fußball sei laut dem Grünen Abgeordneten jedoch, in den Strukturen der Fußball-Organisationen und -Ausbildungsstätten Aufklärungsarbeit zu betreiben. Denn gerade in den jungen Jahren würden Spieler diesbezüglich Rahmenbedingungen benötigen: dann, wenn sie gerade ihre Sexualität entdecken und gleichzeitig dabei sind, sich zu Profi-Sportlern zu entwickeln.

„Es würde auch nichts dagegen sprechen, wenn der ÖFB auch einmal eine Kampagne gegen Homophobie und für Schwule im Fußball machen würde. Es gab da auch immer wieder mal Gespräche“, erzählt der Politiker. „Leider ist der ÖFB null daran interessiert.“ Nebenbei sei es auch an der Zeit, dass der Österreichische Fußball-Bund von sich aus in diesem Bereich aktiv werde, ohne dass das irgendeine Initiative einfordere. „Man müsste zum Beispiel einen Antidiskriminierungsparagraphen in den Statuten verankern, das ist bislang nur selten passiert.“

Beim ÖFB wird dazu abgewunken: Vereins-Statuten und dergleichen seien Angelegenheit der Bundesliga, nicht des ÖFB. „Das Thema wird auf jeden Fall ernst genommen und man macht sich Gedanken. Man wird sich natürlich auch überlegen ob man künftig Aktionen und weitere Schritte zu diesem Thema setzt“, meint der Pressesprecher des ÖFB. „Grundsätzlich wird Homophobie vonseiten des ÖFB genauso wenig akzeptiert wie Rassismus und es ist ein Thema, das im Verband diskutiert wird.“ Dennoch sei der ÖFB nur für Länder-Spiele und den Cup zuständig. Was Aufklärungskampagnen betreffe, könne der ÖFB für die erste oder zweite Liga nur indirekte Maßnahmen setzen und dann auch nur in Kooperation mit der Bundesliga.

Wenig Antidiskriminierungskultur

Warum die Entwicklung zu einem schwulen-freundlicheren Klima in Österreich so schleppend vor sich geht, sieht Marko Schreuder unter anderem in der wenig ausgeprägten Antidiskriminierungskultur in Österreich. Das ist die Grundeinstellung, dass man Minderheiten nicht in ihrer Entwicklung oder Entfaltung behindern dürfe, auch in Bezug auf Rassismus. „Diese Antidiskriminierungskultur ist im Gegensatz zu den USA oder Skandinavien in Österreich noch unterentwickelt.“ Und gerade in männerdominierten Bereichen wie dem Fußball-Sport ist der Aufbau eines solchen Grundverständnisses hinsichtlich Homosexualität besonders schwer, da dort vor allem konservative Männerbilder vorherrschen.

Artikel von Elisabeth Schmidbauer

Titelbild: (c) flickr.com/Steven Depolo

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