Reiseguide: Istanbul

Istanbul ist der Fleck Land, an dem sich Europa und Asien eine Stadt teilen. Welche Reisetipps sich beim Besuch in der Eurasischen Metropole nützlich erweisen könnten, lest ihr hier.

Istanbul existiert in einer Zwischenwelt. Und damit meine ich nicht etwa die Türstöcke, die in einer alten Charmed-Folge Elfen und Kobolden als Portale dienen (obwohl das ja ziemlich interessant wäre). Die Stadt war früher schon toll, wie Kaiser Konstantin bemerkte und sie prompt egozentrisch benannte, und ungleich Charmed ist sie das auch heute noch. Tradition trifft Moderne, Osten trifft Westen, und alle haben sie sich irgendwie lieb, kommt uns vor. Die 13-Millionen-Metropole empfängt Reisende gerne, ist aber auch stolz auf ihre Eigenheiten.

Tipp 1: Gehör justieren
Andere Länder, andere Geräuschgrundpegel – die Lektion lernt man als lärmparanoider Ösi in Istanbul schnell. Das ständige Hupen auf den verstopften Straßen wirkt zu Beginn befremdlich und störend, bald jedoch lässt sich erkennen, dass die Istanbuler via Hupen plaudern. Und so ein Huper passt wohl immer. Ampel rot – hup! „Hey, dich kenn ich doch!“ – hup hup! Wetter schön – hup! „Mir ist langweilig!“ – hup! Wer’s nachempfinden kann, hupt zurück. Auch gewöhnungsbedürftig sind die Gebetsaufrufe, die vorerst mal wie menschliche Feuerwehrsirenen klingen, denn die Muezzine rufen um die Wette, bis die Minarette wackeln. Am ersten Tag noch unvorstellbar, aber auch daran gewöhnt man sich bei fünf täglichen Wiederholungen recht bald und lernt die sehr atmosphärische Vertonung lieben.

Tipp 2: Zeitmesser ignorieren
Istanbul ist wie die Freundin, die irgendwie immer zu spät kommt. Und wie nach jahrelanger Freundschaft, stellt sich hier nach ein paar Tagen Akzeptanz ein. Für Istanbul ist Zeit schlichtweg ein Richtwert und zwingt alle zur Entspanntheit. Die zahlreichen Busse erscheinen, wenn, dann in einem groben halbstündigen Zeitfenster. Fahrplanaushänge sucht man vergebens – und irgendwie scheint das niemanden zu stören. Das Mitteleuropäer-Äquivalent bestünde aus einer Beschwerde an die Wiener Linien in der die zehnminütige Verspätung der U3 angeprangert und nach Vergütung geschrien wird. Gut, dass man es als Tourist in Istanbul in der Regel nicht eilig hat. Abwarten und Tee trinken also – nicht nur sprichwörtlich.

Tipp 3: Schiffe versenken (oder nicht)
Der Nahverkehr funktioniert zum Großteil über ein umfangreiches Bussystem. Das U-Bahn- (Baujahr 2000) und Tramnetz fällt für die Stadtgröße eher mickrig aus und ist wirklich nur im absoluten Zentrum vorhanden, dafür aber extrem übersichtlich und verständlich. Zum Benutzen der öffentlichen Verkehrsmittel besorgt man sich ein „Akbil“, eine Wertkarte. Die lädt man in bestimmten Geschäften beliebig auf und bucht dann jede Fahrt bei Antritt ab, zu vergleichsweise billigen Tarifen auch für etwas weitere Strecken. Im Öffinetz inkludiert ist außerdem die Schifffahrt. Ob einfach den „Halic“, das goldene Horn, überquerend in ein anderes Stadtviertel, den Bosporus schneidend auf die asiatische Seite der Stadt, oder einen Ausflug auf die Prinzeninseln unternehmend: Die Schiffsflotte bringt die Leute zu ähnlich niedrigen Tarifen wie Straßenbahn oder Bus an ihre Destinationen. Akbil bereit halten und los geht’s – Istanbul macht’s möglich. Übrigens sagt auch niemand etwas, wenn man einfach mal einen halben Tag lang durchgehend von Ufer zu Ufer schippert weil’s so schön ist.

Tipp 4: Mal die Seiten wechseln
Geschätzte 98 Prozent des touristenrelevanten Geschehens spielt sich auf der europäischen Seite der Stadt ab. Wer trotzdem einen Abstecher nach Asien machen will, den erwarten Döner Kebab um den halben Preis und bedeutend weniger Getümmel. Auch immer mehr Einheimische verlagern ihren Wohnsitz auf die ruhigere Seite Istanbuls, denn mit der guten Fähren- und Brückenverbindung gelangt man relativ schnell ins europäische Zentrum.

Tipp 5: Den Döner Döner sein lassen
Das angesprochene Döner Kebab, das aus einem trockenen weißen Brötchen, ein paar Scheiben Lammfleisch und eventuell noch einer Scheibe Tomate und einem Blatt Salat besteht, sieht auf der teureren europäischen Seite nicht viel prachtvoller aus. Zwar bekommt man mitunter ein bisschen mehr Gemüsefüllung, die heiß geliebte Soße sucht man jedoch überall vergeblich. Kurzum: Der Döner schmeckt zuhause besser. Wer hätt’s gedacht. Fast-Food-Ketten wie HD Döner vertrösten den dönerenttäuschten Touristen jedoch wenigstens mit Pommes im Menü, wobei auch die das Versprechen der Hochauflösung nicht ganz halten. Als Alternative empfehlen sich kleine Restaurants: Vor allem im jungen Stadtteil Beyoglu lässt es sich gut speisen – und nicht ganz so teuer wie im historischen Viertel Sultanahmet. Praktischerweise gibt es oft bebilderte Speisekarten, damit sich der vorsichtige Tourist auch wirklich zurechtfindet.

Tipp 6: Nicht auf Tuchfühlung gehen
Ein Bereich, in dem Tradition immer noch für alle gilt, ist die Moscheebesichtigung. Vor Betreten der heiligen Hallen wird überprüft, ob alle angemessen gekleidet sind. Wer etwa kurzen Rock oder Hose trägt, muss sich entweder umziehen oder (gratis) eines der Tücher ausleihen, die ausgeteilt werden. Der weibliche Kopf muss ebenfalls bedeckt sein im Gebetshaus, also muss bei den Tüchern unter Umständen zweimal zugegriffen werden. Wer’s nicht so hat mit dem scarf sharing, für die empfiehlt es sich, ein eigenes Tuch eingepackt zu haben. Oft müssen auch die Schuhe ausgezogen werden – die kann man aber meist in einem bereitgestellten Plastiksäckchen mittragen. Schuhe werden auch in den Prunkräumen des Dolmabahce-Palasts nicht gerne gesehen – hier werden klinisch anmutende Füßlinge übergezogen, bevor in der Schlange und statisch aufgeladen durch Atatürks Schlafzimmer geschlurft wird.

Tipp 7: Gegensätze auskosten
Wie jede Metropole strotzt Istanbul vor Gegensätzen. In manchen Gegenden werden Gehwege gelegentlich mit Teppichen zu Gebetsstätten umfunktioniert. Um den Taksim-Platz in Beyoglu andererseits trifft sich die Jugend in Miniröcken zwischen KFC und OV-Multiplexen, vollkommen untangiert von den Muezzinrufen. Auf den Hügeln der Stadt stapeln sich die Häuschen, doch um den Kennedy Boulevard, der die Küste nahe der alten Stadtmauern entlang führt, ist endlos Platz. Im Basar drängt man sich zwischen funkelnden und duftenden Ständen, im Topkapi-Palast schlendert man durch weite Höfe und Haremsgemächer und genießt wunderschöne Ausblicke. Istanbul präsentiert sich dem Besucher als moderne, tolerante, und freundliche Stadt, die es schafft, all ihre Gegensätze charmant zu vereinen – von Hagia Sophia bis HD Döner.

Titelbild: flickr.com/Casey Hugelfink

Sabrina Freundlich ist stellvertretende Chefredakteurin von mokant.at. Sie beschreibt sich als writeophile and fortune cookie lover. Kontakt: sabrina.freundlich[at]mokant.at

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