Weißrussischer Oppositioneller: Angst vor Demokratie

Musiker Zmitser Wajciushkevich im Interview über die politische Situation in Weißrussland

„Ich möchte heute über zwei Dinge sprechen: über politische Gefangene und die schwarze Liste von Künstlern.“ Der Weißrusse Zmitser Wajciushkevich ist eigentlich Musiker, nicht Politiker. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen unterstützte er den Oppositionellen Uladzimir Niakliaeu und kam danach auf die „schwarze Liste“. Seither kann er nur bei Untergrundkonzerten auftreten. Mit seiner Gitarre reist er nun durch Europa; bei der Tour „Solidarität für Weißrussland“ möchte er seine Lieder singen und auf die menschenrechtliche Situation in seinem Land aufmerksam machen: „Wenn es keine Interventionen von außen gäbe, würden Menschen weiterhin einfach verschwinden, so wie es vor zehn Jahren war. Den Menschen, die Opfer von Verfolgung geworden sind, hilft die Solidarität der europäischen Länder sehr.“

Weißrussland – ein Land, abgeschottet, wie kein anderes in Europa. Ein Land, das oft als letzte Diktatur Europas bezeichnet wird und von dem man in Österreich kaum etwas hört. Seit 1994 ist Alexander Lukaschenko Präsident. Bei den letzten Wahlen wurde er mit fast achtzig Prozent gewählt, wobei die Wahlbeobachtermission der OSZE feststellte, dass die Wahlen nicht demokratischen Kriterien entsprachen. Die Proteste, die daraufhin folgten, wurden gewaltsam aufgelöst, siebenhundert Menschen verhaftet. Als mokant.at Zmitser Wajciushkevich vor seinem Auftritt in Wien trifft, meint er, dass auch er verhaftet werden könnte, wenn das Interview veröffentlicht wird. Er möchte aber trotzdem sprechen, denn: „Es hängt nicht davon ab, was du jetzt sagst, sondern, wann sie dich festnehmen wollen.“

mokant.at: Wie sieht die politische Situation in Weißrussland aus?
Zmitser Wajciushkevich: Ich weiß gar nicht, wie ich es ausdrücken soll. Sie ist sehr kompliziert. In einfachen Worten: Es gibt einen großen Chef, der es nicht gern hat, wenn sich andere Menschen um ihn herumtreiben. Diese Menschen müssen nicht irgendwelche Führungsambitionen haben, es reicht, wenn sie einfach eine eigene Meinung haben. Eine andere Meinung interessiert in Weißrussland niemanden, weil der große Chef sich in allem selbst auskennt. Das ist nicht nur innerhalb von Weißrussland so: Wir befinden uns „im Krieg“ mit allen unseren Nachbarstaaten. Die Atmosphäre im Land ist still und ruhig, so wie auf einem Friedhof. Die Menschen haben Angst. Man hat Angst, dass man im Gefängnis landen könnte.

mokant.at: Denkt die Regierung, dass das Land am besten alleine zurecht kommt?
Zmitser Wajciushkevich: Man kann schwer über die Regierung sprechen, weil die Regierung von einem einzigen Menschen abhängt. Alle sind zu Sklaven geworden. Niemand entscheidet etwas, außer diesem einen Menschen.

mokant.at: Aber wie gelingt ihm das? Wieso wird das zugelassen?
Zmitser Wajciushkevich: Ich habe ja nicht gesagt, dass er alleine daran schuld ist. Ich fürchte, dass es für viele so sehr bequem ist. Was Europa von Weißrussland unterscheidet, ist, dass die Menschen in Europa daran gewöhnt sind selbstständig zu leben, und zwar jeder. Es greift auch niemand deine Freiheit an. In Weißrussland gibt es das nicht, alle sind an dieses Kolchos-System (Kollektivwirtschaft – landwirtschaftliche Großbetriebe in der Sowjetunion, Anmerkung der Redaktion) gewöhnt, wo der Vorsitzende entscheidet, der Chef. Alle anderen führen dumpf irgendwelche Handlungen durch, ohne Verantwortung zu übernehmen.

mokant.at: Ist das eine weißrussische Eigenschaft oder die Nachwirkung des sowjetischen Systems?
Zmitser Wajciushkevich: Ich glaube, dass es eine sowjetische Tradition ist. Wenn sich politisch etwas in Weißrussland ändern würde, wäre es nicht sofort einfach. Es gibt immer Übergangsphasen. Wir werden einen Wegabschnitt gehen müssen, den wir bisher noch nicht gegangen sind. In erster Linie müssen wir begreifen, wer wir sind. Wir müssen uns anderen Ländern gegenüber öffnen. Ich bin kein Geopolitiker, ich bin Künstler. Meine Aufgabe ist es, die Menschen emotional aufzurütteln, oder einfach mit ihnen zu sprechen. Wir bitten um Aufmerksamkeit in Europa. Früher sind Menschen einfach verschwunden. Sie würden weiterhin verschwinden, wenn man nicht begonnen hätte, Weißrussland Aufmerksamkeit zu schenken.

mokant.at: Wie ist die menschenrechtliche Situation jetzt? Wie sieht es mit politischen Gefangenen aus?
Zmitser Wajciushkevich: Offiziell sind es um die sechzehn. Es gibt eine große Zahl an Menschen, die nicht im Gefängnis sitzen, die aber unter strenger Kontrolle und Überwachung stehen. Sie müssen jeden Abend zu Hause sein. Der ehemalige Präsidentschaftskandidat Uladsimir Njakljajeu muss immer um acht Uhr abends zu Hause sein. Die Polizei kommt und kontrolliert, ob er da ist. Er kann nirgendwo hinfahren. Er darf seine Meinung nicht öffentlich ausdrücken. Er hat schon zwei oder drei Verwarnungen – wenn er seine Meinung sagen würde, könnte er ins Gefängnis kommen.

mokant.at: Hat man gar keine Möglichkeit die eigene Meinung auszudrücken?
Zmitser Wajciushkevich: Im Moment besteht von Regierungsseite der Versuch den europäischen Dialog wieder aufleben zu lassen. Deshalb wird „Wir erlauben Proteste“ gespielt. Das bedeutet aber nicht, dass sie keine Menschen festnehmen können. Sie nehmen sie fest und sperren sie ein, für einen Tag, für zehn Tage, für fünfzehn.

mokant.at: Finden noch Proteste statt? Seit den Protesten nach den Wahlen hat man jedenfalls nichts mehr davon gehört.
Zmitser Wajciushkevich: In letzter Zeit hat man das Gefühl, dass wieder mehr los ist. Die Menschen haben unter der gewaltsamen Räumung vom Platz (die Proteste anlässlich der Wahlen wurden von der Polizei gewaltsam aufgelöst, Anmerkung der Redaktion) und dem, was danach kam, sehr gelitten. Viele wurden entmutigt, es war viel Angst und Niedergeschlagenheit da. Man hat etwa siebenhundert Menschen verhaftet. Manche sind lange gesessen, viele hat man verurteilt. Manche hat man wieder gehen lassen, aber jetzt stehen sie unter ständiger Kontrolle. Man hat niemanden rehabilitiert. Andrej Sannikau zum Beispiel, ehemaliger Präsidentschaftskandidat, ist jetzt ein Krimineller, verurteilt wegen Unruhestiftung, Extremismus und so weiter. Hab ich die Frage beantwortet?

mokant.at: Nicht ganz. Gibt es weiterhin Proteste?
Zmitser Wajciushkevich: Letztes Jahr hatte man das Gefühl, dass eine sogenannte Revolution über soziale Netzwerke beginnt und dann waren da die Schweigeproteste. Diese wurden auch unterbunden, man hat die Leute festgenommen – einfach, weil sie auf der Straße waren. Manche werden nach achtzehn Jahren Kampf einfach müde. Viele sind schon hier in Wien, in Amsterdam, in Paris, wo auch immer. Sie kämpfen nicht, sie leben einfach. Bisher ist der Moment, wo Hoffnung da gewesen wäre, dass sich wirklich etwas ändert, noch nicht gekommen. Aber das bedeutet nicht, dass man die Hände in den Schoß legen und darauf hoffen sollte, dass Lukaschenko auf einmal stirbt oder ein guter Mensch wird.

mokant.at: Was ist, wenn er auf einmal sterben würde? Würde sich dann alles radikal ändern?
Zmitser Wajciushkevich: Viele warten darauf. Es gibt so eine  Parole in Weißrussland: „SOZ – stob on zdoch“ (deutsch etwa: „Möge er verrecken“, Anmerkung der Redaktion). Manche sprechen zu Silvester sogar einen Toast darauf. Ich bin Christ, ich denke: Soll er doch in Frieden leben. Aber um die Frage zu beantworten: Ich glaube nicht, dass wir auf einmal zu einem superdemokratischen Land werden würden.

mokant.at: Ist Weißrussland noch nicht bereit für Demokratie?
Zmitser Wajciushkevich: Das ist eine gute Frage. Ich denke, dass man in den letzten achtzehn Jahren sehr viele Möglichkeiten verpasst hat, wirtschaftlich, aber auch psychologisch. Ich kann nicht sagen, ob wir bereit sind oder nicht. Etwas in psychologischer Hinsicht zu verändern ist sehr schwierig. Der Großteil der erwachsenen Bevölkerung ist daran gewöhnt, dass es einen Chef gibt. 1991 hat man zum Beispiel die sowjetische Führungsriege verjagt, 1994 aber wieder zurückgeholt, weil sie gewusst haben, wie man ein Land regiert. Wir müssen verstehen, wer wir sind und welchen Platz wir einnehmen. Wir sollten einen Platz zwischen Russland und der EU einnehmen und zwar in wirtschaftlicher, politischer und kultureller Hinsicht. Vor allem in kultureller, darüber wird am wenigsten gesprochen, aber ich finde, dass man damit beginnen sollte.

mokant.at: Fehlt es den Weißrussen an einer eigenen Identität?
Zmitser Wajciushkevich: Das ist ein eigenes Problem. Wir haben offiziell zwei Amtssprachen, Russisch und Weißrussisch. Ich bin nicht gegen das Russische, aber die Machthaber sind aus irgendeinem Grund gegen das Weißrussische. Dass ich in Weißrussisch singe, ist für sie schon politisch.

mokant.at: Wenn wir auf die Frage zurückkommen, ob Weißrussland für eine Demokratie bereit wäre: Ist der Wille dazu in der Bevölkerung überhaupt da?
Zmitser Wajciushkevich: Im Jahr 2004, als in der Ukraine etwas los war (die orangene Revolution, Anmerkung der Redaktion), konnte man eher über den Willen dazu sprechen. Im Moment herrscht Angst vor der Demokratie. In den Medien wird immer das Negative herausgestrichen.

mokant.at: Hat die Enttäuschung, die nach der orangenen Revolution in der Ukraine aufgetreten ist, auch auf Weißrussland abgefärbt?
Zmitser Wajciushkevich: Ich persönlich habe mich sehr über die orangene Revolution gefreut. Natürlich sind nachher Probleme entstanden. Über Weißrussland kann man sagen: Ja, vor dem russischen und ukrainischen Hintergrund ist ein großer Teil der Bevölkerung von der Demokratie eingeschüchtert. Es ist einfacher, wenn es Stabilität gibt. Es gibt keine Verbrecher auf den Straßen, man kann ruhig in der Nacht auf der Straße gehen. Alles ist ruhig und sicher. Die Demokratie hingegen ist etwas Beängstigendes, etwas Unverständliches, da muss man selbst denken, Verantwortung übernehmen. Das ist sehr schwierig.

mokant.at: Bei der letzten Wahl haben 79 Prozent Lukaschenko gewählt. Wählen ihn die Menschen wirklich oder ist alles nur Manipulation?
Zmitser Wajciushkevich: Das ist alles Manipulation. Das verbirgt ja auch keiner. Er selbst hat sich verplappert, dass das Wahlkomitee ihm bei den letzten Wahlen zu viele Prozent hingeschrieben hat, weniger hätten auch gereicht.

mokant.at: Aber gibt es auch Menschen, die ihn aus Überzeugung wählen?
Zmitser Wajciushkevich: Ja, die gibt es. Das sind bestimmte Menschen, die – wie soll ich sagen? Das war zum Beispiel meine Mutter. Sie hat nicht viel gesehen. Sie ist nirgendwo hingefahren. Sie wollte nichts. Ihr hat ihre Pension gereicht. Es hat ihr gereicht, den schönen, großen Mann mit Schnurrbart im Fernsehen zu betrachten und zu genießen, wie er die ganzen anderen Trottel zurechtweist.

mokant.at: Wann haben Sie begonnen sich für Politik zu interessieren?
Zmitser Wajciushkevich: Ich bin eigentlich Lyriker, singe Lieder über die Liebe, über Frauen, lustige Lieder, Lieder über Tiere. Aber wenn du beginnst in der Kunst Fragen zu stellen, zieht es dich so oder so hin zu politischen Fragen. Ob du willst oder nicht. Ich habe mich nicht dagegen gewehrt, weil ich denke: Wenn du etwas willst, wenn du fühlst, dass du etwas tun musst, dann solltest du es tun. Die Musiker der weißrussischen Pop-Szene sagen, dass sie außerhalb der Politik sind. Aber sie treten auf Konzerten von Lukaschenko auf. Deswegen sage ich: Ja, ich bewege mich innerhalb der Politik, ich singe gegen Lukaschenko oder für Menschen, die gegen Lukaschenko sind.

mokant.at: Warum sind Sie auf der „schwarzen Liste“ gelandet?
Zmitser Wajciushkevich: Wegen meiner Überzeugungen.

mokant.at: Sagen Sie offen, dass Sie gegen Lukaschenko sind?
Zmitser Wajciushkevich: Nein, das ist bei uns sehr gefährlich. Siarhei Mikhalok (Sänger der weißrussischen Band Ljapis Trubetskoj, Anmerkung der Redaktion)  hat das gesagt und jetzt kann er nicht mehr nach Weißrussland. Man hat zwar gesagt, dass es keine strafrechtliche Verfolgung geben wird, aber ich glaube, dass das nur eine Art Spiel ist. Ich selbst spreche immer nur ironisch.

mokant.at: Jetzt im Interview sprechen Sie aber ziemlich offen.
Zmitser Wajciushkevich: Das ist die Luft der Demokratie, ich bin schon eine Woche in der EU.

mokant.at: Wenn ich das Interview veröffentliche, könnte es dann Probleme geben?
Zmitser Wajciushkevich: Kann sein, dass etwas passiert, kann sein, dass nichts passiert. Es hängt nicht so sehr davon ab, was du jetzt sagst, sondern davon, wann sie dich fassen wollen. Kann sein, dass sie mich festnehmen, kann sein, dass sie es nicht tun. Ich bin nur ein Künstler.

mokant.at: Was für Auswirkungen hat es für Sie auf der schwarzen Liste zu sein?
Zmitser Wajciushkevich: In den letzten acht Jahren war ich praktisch nicht im Fernsehen. Alle meine Konzerte sind Untergrundkonzerte. Es werden Einladungen direkt an Menschen, zu denen ich Vertrauen habe, über Facebook verschickt.

mokant.at: Es gibt nicht einmal Plakate?
Zmitser Wajciushkevich: Nein. In letzter Zeit passiert es, dass Maskierte Veranstaltungen stürmen. Das ist bei einer Filmvorführung im Belarus Free Theatre passiert: Während der Vorstellung sind sie hineingestürmt, haben alle Zuschauer an die Wand gestellt, haben die Fenster zerbrochen.

mokant.at: Ist das bei einem Ihrer Konzerte auch schon mal passiert?
Zmitser Wajciushkevich: Nein, bisher noch nicht. Aber ich möchte das Risiko wegen meiner Zuseher trotzdem nicht auf mich nehmen.

mokant.at: Sie haben einmal in einem Interview gesagt, dass Ihre Tante alle, die nach Ihnen gefragt haben, über die schwarze Liste aufklären musste. Wissen die Menschen gar nichts darüber?
Zmitser Wajciushkevich: Es gibt einen bestimmten Prozentsatz von Menschen, die Bescheid wissen, das sind die, die auf Facebook sind. Aber dann gibt es noch die Menschen, die in kleinen Städten leben, die nur staatliches Fernsehen sehen und nur die staatlichen Zeitungen lesen.

mokant.at: Also weiß nur eine Minderheit Bescheid?
Zmitser Wajciushkevich: Ich kann nicht sagen, dass es eine Minderheit ist. Ich habe keine Untersuchung dazu durchgeführt. Wenn die Menschen durch ihre Arbeit oder ihre Interessen damit zu tun haben, wissen sie es. Aber viele Leute leben einfach ihr Leben, versuchen irgendwie durchzukommen, ihre Familie durchzufüttern.

mokant.at: Warum hört man in Österreich so wenig über Weißrussland?
Zmitser Wajciushkevich: Erstens ist Weißrussland weit entfernt. Zweitens müssen wir Weißrussen selbst mehr sprechen. Wir sollten mehr auf einer kulturellen Ebene miteinander kommunizieren. Weißrussische Kultur und Musik ist kaum bekannt. Aber ich hoffe, dass sich das auch dank diesem Interview ändern wird.

Titelbild: (c) Uladsimir Buturlia

Mehr dazu …
Interview with Zmitser Wajciushkevich in Russian

Links dazu …
Website von Wajciushkevich (in Weißrussisch)

Wikipedia-Artikel zu Weißrussland

Thema Weißrussland auf Spiegel Online

Sofia Khomenko ist Chefredakteurin von mokant.at

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