Pussy Riot: „Feministische Peitsche!“

Die feministische Punk-Band „Pussy Riot“ über Wladimir Putin und Männerhass

Mit Aussagen wie „Töte den Sexisten“ sorgt die feministische Punk-Band „Pussy Riot“ in Russland schon seit Monaten für Aufruhr. Ihre Namen sind unbekannt, sie tragen immer Balaklawas, den ganzen Kopf umhüllende Strickmützen, um anonym zu bleiben. Nach ihrer „Punk-Andacht“ in der Christ-Erlöser-Kathedrale, bei der sie unter anderem darum baten, Wladimir Putin zu verjagen, sitzen drei (vermeintliche) Bandmitglieder in Untersuchungshaft. Ihnen droht eine Anklage wegen Rowdytums und damit bis zu sieben Jahre Haft. Am 11. Mai wurde die Verlängerung der Untersuchungshaft bis Juni für rechtens erklärt. Eine Expertise, die laut den Anwälten vorliegt und die Angeklagten entlastet, wurde vom Gericht nicht berücksichtigt. Im Email-Interview sprechen „Pussy Riot“ über Putin und Unterdrückung von Männern.

mokant.at: In Westeuropa hat man von euch nach eurem Auftritt in der Christ-Erlöser-Kathedrale gehört. Warum habt ihr diesen Ort ausgewählt? Was wolltet ihr mit eurem Auftritt erreichen?
Pussy Riot: Wladimir Gundjajew (Kyrill I., Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche, Anmerkung der Redaktion) hat seine Gemeinde dazu aufgerufen, Putin zu wählen. Wir haben dagegen angekämpft.

mokant.at: Nach dem Auftritt wurden drei Frauen verhaftet, denen jetzt bis zu sieben Jahre Haft drohen. Habt ihr damit gerechnet, dass so etwas passieren könnte?
Pussy Riot: Nein, wir haben nicht damit gerechnet, da unser Fall eine Ausnahme ist. Da wir eine weibliche Gruppe und Konsumentinnen der Ideen der patriarchalischen konservativen Gesellschaft sind, spüren wir alles an uns, was in unserer ultrakonservativen Gesellschaft passiert. Außerdem sind wir eine Punk-Band, die an jedem beliebigen öffentlichen Platz auftreten kann, vor allem, wenn dort unser Geld hinfließt.

mokant.at: Man hat euch schon einmal nach einem Auftritt aufgehalten, aber wieder gehen lassen. Warum? Was war jetzt anders?
Pussy Riot: Sie haben nicht damit gerechnet, dass wir weiter gehen. Jetzt haben sie Angst gekriegt.

mokant.at: Wann habt ihr begonnen euch für Politik zu interessieren? Wie ist die Idee entstanden, die Band zu gründen? Warum habt ihr diese Form des politischen Protestes gewählt?
Pussy Riot: Die Idee die Punk-Band „Pussy Riot“ zu gründen, ist im Jahr 2011 im Laufe des Arabischen Frühlings entstanden. Uns wurde klar, dass Russland politische und sexuelle Befreiung, die „feministische Peitsche“ und einen weiblichen Präsidenten braucht. Am Tag der Oktoberrevolution ist unser erstes Video herausgekommen. Wir sehen dieses Datum als unseren Geburtstag.

mokant.at: Warum heißt ihr „Pussy Riot“?
Pussy Riot: Unsere Band setzt die Ideen der feministischen Bewegung Riot Grrrl fort, die uns inspiriert.

mokant.at: Was sind die wichtigsten Ziele von „Pussy Riot“?
Pussy Riot: Unsere Ideale liegen im Progressivismus. Das Ziel ist in erster Linie der künstlerische Akt, zweitens drücken wir so unseren Zugang zu den humanistischen Problemen in unserer ultrakonservativen Gesellschaft aus. Wir wollen, dass sich die Kunst entwickeln kann, dass die Menschen in Ruhe ihre Ideen äußern können und dass die menschliche Individualität die Grundlage des Lebens ist.

mokant.at: Auf eurem Blog meint ihr, dass eines eurer politischen Interessen „Antiputinismus“ ist. Warum tretet ihr so radikal gegen Putin auf?
Pussy Riot: Wir empfinden Abneigung gegenüber einem Menschen, der den Rückstand in der der modernen europäischen Gesellschaft verkörpert. Ihn zu hassen würde aber den Überzeugungen der Gruppe widersprechen, die mit Hilfe von gewaltfreien Aktionen wirkt und Probleme löst.

mokant.at: Stellen wir uns vor, Putin hört auf euch und tritt zurück – was dann?
Pussy Riot: Wir sind Anti-Autoritaristen, das sind unsere politischen Ansichten.

mokant.at: Viele Menschen finden, dass Putin, nach einer schwierigen und chaotischen Zeit, Stabilität in ihr Leben gebracht hat. Stellen wir uns vor, Putin geht – bricht das Land dann nicht zusammen?
Pussy Riot: Wir unterstützen alle Forderungen, die bei den Dezemberprotesten vorgetragen wurden (Proteste nach der Parlamentswahl, Forderungen waren: Freilassung aller politischen Gefangenen, Annullierung des Ergebnisses der Parlamentswahl, Zulassung aller Oppositionsparteien zur Abstimmung, ein neues Wahlgesetz, Anmerkung der Redaktion). Außerdem müssen sich Selbstverwaltung und Selbstorganisation mehr entwickeln. Es ist sehr wichtig, dass es keinen „Führerkult“ gibt. Man sollte nicht die Illusion haben, dass irgendein Mensch daherkommt und alles verbessert.

mokant.at: Was denkt ihr über die anderen Parteien in Russland? Ihr habt einmal gesagt, dass in Russland eine sozialdemokratische Partei fehlt. Würdet ihr eine solche Partei wählen?
Pussy Riot: Ja. Aber uns interessieren die Ideen der Progressivismus-Strömung – das sind soziale, künstlerische und gesellschaftliche Ideen.

mokant.at: Glaubt ihr, dass Anarchie möglich ist?
Pussy Riot: Ja.

mokant.at: Ihr tragt immer Balaklawen. Warum ist Anonymität so wichtig für euch?
Pussy Riot: Der Sinn liegt darin, dass keine bestimmten Personen im medialen Fokus stehen. Jeder Mensch kann Mitglied der Gruppe sein.

mokant.at: Gibt es derzeit einen Politiker, den ihr als Präsident sehen wollt?
Pussy Riot: Den Platz des Diktators wird ein anderer Diktator einnehmen, aber wenn es in der Wüste kein Wasser gibt, dann ist wer auch immer, auch Navalny (Alexej Navalny, populärer Blogger, eine der Führungspersönlichkeiten der Proteste gegen Putin, Anmerkung der Redaktion), ein frischer Schluck.

mokant.at: Warum gibt es in Russland so wenige Politikerinnen?
Pussy Riot: Weil wir in einer patriarchalischen Gesellschaft leben. Uns passt der neue Präsident nicht, der des Öfteren gemeint hat, dass die Hauptaufgabe der Frau darin besteht, Kinder zu gebären und dass sie eine passive Haltung dem Mann gegenüber haben sollte. Uns passt es nicht, dass eine Frau für dieselbe Arbeit 37 Prozent weniger verdient, als ein Mann. Uns passt es außerdem nicht, dass der Prozentsatz der Frauen im Parlament (17 Prozent), sogar geringer ist, als in arabischen Ländern (24 Prozent)!

mokant.at: Was ist Feminismus für euch? Was bedeutet es Feministin zu sein?
Pussy Riot: Die feministische Bewegung hat wesentlich zur Gleichberechtigung beigetragen. Die Feministinnen haben die breite öffentliche Diskussion über Gender gestartet. Im Gegensatz zur weitverbreiteten Meinung, dass Feministinnen Männer diskriminieren wollen, hat die feministische Bewegung den Anstoß dazu gegeben, die Rollenverteilung im patriarchalischen System zu überdenken, eine Rollenverteilung, die Frauen und Männer gleichermaßen unterdrückt. Feministinnen nehmen den Männern die Pflicht „die Versorger“ der Familie sein zu müssen, was bei den Männern eine Neurose nach der anderen hervorruft. Wir finden, dass Väter und Mütter die gleichen Rechte und die gleichen Pflichten im Bezug auf ihre Kinder haben.

mokant.at: In Russland ist Feminismus nicht sehr populär. Warum?
Pussy Riot: Weil die Gesellschaft in Russland rückständig ist.

mokant.at: Euer Album heiß „Töte den Sexisten“. Ist das nicht etwas zu radikal?
Pussy Riot: Das ist ein künstlerischer Ausdruck. Keine Sorge, wir sind gegen Gewalt.

mokant.at: Ihr habt in eurem Blog geschrieben, dass es richtig ist, Männer zu unterdrücken. Wegen solchen Aussagen wird Feminismus manchmal mit Männerhass gleichgesetzt.
Pussy Riot: Wir hegen keinen Hass und wir propagieren keine Unterdrückung. Die Ideen des Feminismus liegen in der Gleichberechtigung, zum Beispiel darin, dass sich der Vater genauso mit den Kindern beschäftigt, wie die Mutter.

mokant.at: Warum sind Stöckelschuhe Sexismus? Kann eine Feministin Stöckelschuhe tragen?
Pussy Riot: Feminismus ist eine Idee und keine Hülle. Eine Feministin kann so aussehen, wie es für sie bequem ist.

Titelbild: (c) Pussy Riot

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Interview auf Russisch

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Blog von Pussy Riot
Sofia Khomenko ist Chefredakteurin von mokant.at

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