Volkstheater: Hotel Savoy

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Hotel Savoy im Volkstheater. Eine Zusammenkunft von heimatlosen Heimkehrern

Foto: © Christoph Sebastian

Foto: © Christoph Sebastian

Der Roman Hotel Savoy (1924) von Joseph Roth erlebte am 16. März 2012 in der Fassung von Koen Tachelet seine österreichische Erstaufführung. Die Handlung vollzieht sich unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg. Dementsprechend dominant sind Melancholie und Nostalgie nach der untergegangenen österreich-ungarischen Monarchie: Ein verkommenes Hotel als Bühnenbild vermittelt von Anfang eine düstere Stimmung.

Warten auf … worauf?
Kurz vor Vorstellungsbeginn, der Saal ist beinahe voll, warnt ein Aufpasser die ersten Reihen: Es werde manchmal knallen und rauchen. Dass man dank dieser Vorwarnung jedoch nicht vor einem schreckhaften Zusammenzucken verschont bleibt sondern andauernd mit angespannten Nerven auf jenes plötzliche Krachen und Qualmen wartet, kann man sich leicht ausmalen. Und es ist genau dieses nervöse Warten auf ein plötzliches Ereignis, das sich durch das gesamte Stück zieht. Der erste Weltkrieg ist vorbei, die Lebensbedingungen unmenschlich und die Bevölkerung wartet auf etwas Undefinierbares. Der Alltag der Heimkehrer ist zu einer sinnlosen, leeren Existenz geworden. Das Warten auf Veränderung muss aufhören. Wird der mysteriöse Milliardär Bloomfield aus Amerika Rettung bringen?

Prunkvolle Fassade mit bitterem Innenleben
Prachtvolle Bauten zeugen noch von der Vorkriegszeit, können aber ihren Glanz nicht auf das Innere der Gebäude übertragen. Das Hotel Savoy im polnischen Lodz symbolisiert den großen Wartesaal, in dem die Gesellschaft der Zwischenkriegszeit verweilt. Die Bewohner des Hotels sind Zeugen der außer Kontrolle geratenen Welt. Millionären, Soldaten sowie Variété-Künstlern wurde gleichermaßen der Boden unter den Füßen weggezogen. Gabriel Dan (Dominik Warta) gerät nach drei Jahren russischer Kriegsgefangenschaft ebenfalls in dieses Hotel – in jenes immense Nichts in dem der unheimliche Liftboy Ignatz für Ordnung sorgt. Dans Plan ist es, sich von seinem Onkel Phöbus Böhlaug (Rainer Frieb) etwas Geld zu leihen und so seinen Weg in den Westen weiterzuverfolgen. Doch der Industrielle hütet sein Vermögen wohlbedacht und reicht seinem Neffen lediglich einen schäbigen Anzug. Desillusioniert und unbeholfen zeugt Dan von der ermattenden Ziel- und Ratlosigkeit einer ganzen Epoche. Den Heimkehrern fehlt eine Perspektive, die Armut der vom Schicksal hart Geprüften wächst, während sich die Oberschicht mit Champagner und Frauen amüsiert. Am Ende bricht ein Streik aus und das Publikum muss nicht länger auf Lärm und Feuer warten: Das Hotel geht in Flammen auf und zerstört explosionsartig eine Welt des Wartens.

Ratlosigkeit ist ansteckend
Die Verwirrung und Unentschlossenheit der Hotelbewohner verstört auch das Publikum. Der Applaus erweist sich zunächst als sehr zurückhaltend, den Gesichtern der Zuschauer entnimmt man Ratlosigkeit. Die soeben veranschaulichten Wirren leiten uns vom Wartesaal der Zwischenkriegszeit in den zeitgenössischen Wartesaal. Und dieser ist voller Fragen, die der Abend aufgeworfen hat. Gibt es so etwas wie Heimat? Worauf warten wir? Zu welchem Ziel führt das Leben? Der pessimistische Grundton des für das Theater adaptierten Romans Joseph Roths ruft Unbehagen hervor: Es wird eine Welt dargestellt, in der Träume nicht in Erfüllung gehen und Hoffnungen zerstört werden. Kein Wunder also, dass man den Saal umgeben von mehr oder weniger melancholisch gestimmten Theaterbesuchern wieder verlässt.

Artikel von Sophia Schnack
Titelbild: © Christoph Sebastian

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