Burgtheater: Solaris

Der skurrile Sci-Fi Streifen „Solaris“ wird im Burgtheater Vestibül aufgeführt

Im Burgtheater Vestibül, einem eher verborgen gelegenen Kämmerchen des Theaters, von dem der Normalsterbliche gerade mal den prunkvollen Saal und die überfüllten Toilettenanlagen kennt, befindet sich eine Installation – eine halbdurchsichtige Wand, die, zugegebenermaßen etwas provisorisch wirken mag. Davor stehen ein paar Reihen dunkler Stühle, die direkt hintereinander, ohne Steigung, angebracht sind. Alles macht den Eindruck, als wäre es notdürftig eingerichtet worden. Als Besucher hat man den Eindruck, als hätten wir uns hier – in einer Seitenkammer – zur Führung durch die versteckten Bereiche des Burgtheaters eingefunden und nicht um eine Vorstellung mitzuverfolgen.

Wenn die tote Frau vor einem steht
Nach dem gleichnamigen Roman der des polnischen Autors Stanislaw Lem gibt es im Burgtheater ein Theaterstück zu sehen, dass sich vor allem um das eigene Gewissen und die Schuld dreht, die jeder einzelne von uns mit sich herumträgt. Bekannt wurde „Solaris“ vor allem durch die Verfilmung mit George Clooney, der als Psychologe Kris Kelvin auf eine Forschungsstation fernab jeglicher Zivilisation kommt und sich dort plötzlich vor die Aufgabe gestellt sieht, seiner Frau erklären zu müssen, dass sie sich Jahre zuvor seinetwegen das Leben nahm.

Die Grenzen der menschichen Vorstellungskraft
„Solaris“ ist ein skurriles Stück, das den Besucher zu Anfang nicht erraten lässt, was auf der Raumstation eigentlich passiert. Ein Forscher nahm sich das Leben – die Gründe sind unbekannt. Die anderen Mitarbeiter haben unerklärlicherweise aufgehört zu forschen. Etwas läuft gänzlich schief, doch vorerst wissen wir genauso viel wie Kelvin. Seit Jahren schon versuchen Forscher mehr über den fremden Planeten unter ihnen, insbesondere den Ozean, der diesen zur Gänze bedeckt, herauszufinden. Diesem werden intelligente Fähigkeiten zugeschrieben. Doch während die Forscher versuchten mehr darüber zu erfahren, wurde ihnen nach und nach klar, dass sich der geheimnisvolle Ozean jeglicher Klassifizierung entzieht und sie anscheinend selbst als Versuchsobjekte benutzt. Bald bewahrheitet sich die Vorahnung, dass auf der Forschungsstation mysteriöse Dinge passieren, die sich ein menschliches Gehirn nicht erklären kann. Kelvins tote Frau steht vor ihm, als er aufwacht. Zunächst denkt Kelvin er würde noch träumen, doch als sie sich nicht auflöst, beginnt er zu zweifeln. Er kann sie berühren. Sie scheint sich seit ihrem Tod nicht verändert zu haben – auch ihre Erinnerungen sind dieselben, mit dem Unterschied, dass sie sich gewisse Dinge nicht erklären kann.

Auf Tuchfühlung mit den Schauspielern
„Solaris“ ist, was man guten Gewissens als „Schauderstück“ bezeichnen kann. Obwohl die Bühne sich auf einen minimalen Raum beschränkt, birgt sie eine gewaltige Intensität – vielleicht gerade durch den Mangel an Platz und die damit verbundene, unumgängliche Nähe zum Schauspiel. Dieses spielt sich tatsächlich wenige Armlängen vor den Gästen ab. Lob- und Kritikpunkt zugleich ist die unmittelbare Nähe zu den Schauspielern – durch die, zum Teil, sehr ekstatische Darbietung bleibt in der ersten Reihe zwar kein Auge trocken, doch liegt das wiederum nicht daran, dass es sich bei „Solaris“ um ein besonders tränenreiches Stück handelt. Wer jedoch gerne Kris Kelvin aus seiner DNA klonen möchte, dem ist die erste Reihe sehr zu empfehlen.

Der Buhmann Drehbuchautor
Über die Länge des Theaterstücks lässt sich debattieren. Jedenfalls ist klar, dass die Länge den auf unbestimmte Zeit aufgeschobenen Aufenthalt auf der Raumstation treffend widerspiegelt. Gegen Ende werden aus Dialogen ineinander gewobene Monologe, die drückend wirken und die Besucher auf ihren Sitzen hin und her rutschen lassen – ein klassischer Fall von Ausdehnung eines Stücks, das sich damit in Fragen und Gedanken verstrickt, vor denen man, aufgrund ihres irrationalen Charakters, gerne flüchten würde. Leider merkt man an dieser Stelle, dass der Drehbuchautor keinen blassen Schimmer von Mathematik oder Physik hat und die Schauspieler größtenteils wirre Dinge aufsagen lässt.

Das Gute zum Schluss
Die Darbietungen, vor allem die des Hauptdarstellers, sind äußerst positiv hervorzuheben – sie wirken authentisch und bleiben einem auch nach der Vorstellung noch tagelang im Gedächtnis.

Titelbild: flickr.com/p_a_h

Alexandra Gritsevskaja ist Geschäftsführerin von mokant.at. Zuvor war sie auch als Redakteurin tätig.

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